Serientipps

Vögel, Scham und Fesselspiele: So gut sind die neuen Netflix-Serien

Aus der Serie Special: Ryan, links, wäre so gerne normal.
Aus der Serie Special: Ryan, links, wäre so gerne normal.(c) Netflix

Ein Mittzwanziger, der Witze über seine Homosexualität und seine Behinderung macht, zwei gefiederte Freundinnen, eine Domina und ein Mädchen mit fremdem Herzen: Die „Presse“ bespricht die neuen Netflix-Serien.

Special

Entwaffnende Komik in Kurzfolgen

Ryan ist Single. Online nach einem Partner zu suchen, traut er sich aber nicht recht zu. Denn: „Was würde in meinem Profil stehen? Ich bin schwul und behindert. Aber ich verspreche, dich bis zum dritten Date nicht anzusabbern.“ Humor wie dieser ist der Kern der US-amerikanischen Serie „Special“, die auf der Autobiografie von Hauptdarsteller Ryan O'Connell basiert. Er hat also seine eigene Geschichte zu einer Serie gemacht, in der er nun mit treuherzigem Blick herumstolpert (er leidet unter einer milden Form zerebraler Kinderlähmung). Während er mit Mitte zwanzig in der Berufswelt der Millennials Fuß zu fassen versucht, lügt er nicht selten sich und andere an und zeigt, dass Leid uns zwar nicht zu besseren Menschen macht – aber, wenn alles gut geht, ein bisschen witziger, selbstironischer und nachdenklicher.

Ryans sexuelle Orientierung wird übrigens – anders als sein Handicap – von seiner Umgebung völlig akzeptiert. Die Scham, behindert zu sein, sitzt aber tief, auch wenn seine (über-)fürsorgliche Mutter ihn bedingungslos liebt. Eine Serie mit komplexen Charakteren und entwaffnendem Humor: Die acht Folgen – jede dauert nur etwa eine Viertelstunde – gehen viel zu schnell vorüber. (rovi)

 

Tuca and Bertie

Nicht jugendfreie Animation

Frauenfreundschaft! Yeah! Lisa Hanawalt, als Produzentin von „Bojack Horseman“ bekannt, erzählt in der von ihr kreierten Serie die Geschichte einer schüchternen Drossel und eines lauten Tukan, beide unübersehbar weiblich, die sich eine Wohnung teilen. Doch wie das so ist, man wird älter, findet einen Partner, will mit ihm zusammenziehen – und das WG-Leben findet ein Ende. Aber was wird aus der Freundschaft? Der Humor ist manchmal fein, manchmal derb, gerne grenzüberschreitend, wie man das von Animationsserien der Art gewöhnt ist – aber weniger zynisch als zu erwarten. Lisa Hanawalt hat nämlich nicht nur Biss und ein gutes Auge für die Lebenswelt 30-jähriger Großstadtbewohnerinnen, sondern sie hat auch eine Botschaft und unübersehbar Sympathie für ihre Hauptfiguren. (best)


Dead to me

Schwarzes Drama

Auch hier stehen zwei Frauen im Mittelpunkt: Die vor Schmerz im Zorn erstarrte Jen, deren Mann bei einem Autounfall mit Fahrerflucht gestorben ist (Christina Applegate). Und die Fröhlichkeit mimende Judy (Linda Cardellini), sie hat vor kurzem ihren Verlobten verloren. Die beiden lernen sich in einer kirchlichen Selbsthilfegruppe kennen – und ab da darf man nichts mehr verraten, die Serie arbeitet mit mindestens einem Plot-Twist pro Folge, was ein wenig gezwungen wirkt und zuweilen auf Kosten der psychologischen Feinzeichnung geht. Für Überraschung ist jedenfalls gesorgt. (best)

 

Bonding

Nicht jugendfreie Comedy

In der Highschool war Peter ein Loser. Tiffany hingegen hat sich durch die Football-Mannschaft geschlafen – und mit ihm. Jahre später weiß Peter, dass er schwul ist, und „Tiff“ verdient sich ihr Psychiatrie-Studium als Domina. Sie kümmert sich geradezu liebevoll um Leute, die gern gefesselt und erniedrigt werden – und die „safe words“ aus Kindertrickfilmen verwenden, wenn's zu viel wird. Weil Tiff bei der Arbeit einen Gehilfen und Peter dringend Geld braucht, lernt sie den schüchternen Jugendfreund im Sadomaso-Geschäft an, was nicht so leicht ist, weil der z. B. Harnstau kriegt, wenn ihm jemand beim Pinkeln zusieht. In „Bonding“ werden die Grenzen der Scham mit viel Witz ausgelotet – und neben der SM-Szene auch Fragen von Beziehung und Freundschaft beleuchtet. (i. w.)

 

Chambers

Teenie-Horror aus Amerikas Wüste

Wenn der Himmel nur ein kleines Symbol dafür ist, wie es im Inneren der Charaktere der neuen Serie „Chambers“ zugeht, dann beginnt hier alles schon sehr beunruhigend: Sandstürme biblischer Anmutung ziehen über die Wüste Arizonas, schillernde Wolken ziehen sich effektvoll zusammen. Unten am Boden lebt sich Sasha, ein Teenager-Mädchen mit indigenen Wurzeln und aus bescheidenen Verhältnissen, gerade in ihrer neuen Schule ein. Zuvor hat ihr eine Herztransplantation das Leben gerettet, jetzt will die reiche Familie des Mädchens, dessen Spenderherz sie bekam, Sasha fördern wie eine eigene Tochter. Inklusive Stipendium für eine stylishe Privatschule mit Fechtunterricht und Teilnahme an abgehobenen New-Age-Zeremonien. Doch das neue Leben hat einen Preis: Sasha hat düstere Visionen, es wirkt, als würde die tote Spenderin Besitz von ihr ergreifen. Und warum scheint keiner die Wahrheit über deren Todesumstände zu sagen? Eine bildstarke Mystery-Horrorserie, mit Uma Thurman als reiche Mutter und Sivan Alyra Rose als erste indianische Serienhauptdarstellerin auf Netflix. Die 19-Jährige wirkt erstaunlich reif: Dass das hier alles Teenager sein sollen, nimmt man der Serie nicht ab. (kanu)

 

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