Böhmermanns jüngste Mission

Jan Böhmermann ist zornig auf Österreich.
Jan Böhmermann ist zornig auf Österreich.APA/GEORG HOCHMUTH

Der deutsche TV-Satiriker Jan Böhmermann ist zornig auf Österreich und ruft im Grazer Künstlerhaus zu einem neuen „Anschluss“ auf.

Links die Österreicher, rechts die Ausländer: Wer die Ausstellung „Deuscthland#ASNCHLUSS#Östereich“ (sic!) besuchen will, muss zuerst durch die Passkontrolle – es sei denn, man ist Faschist, dann darf man kontrollfrei durch die Hundeklappe. Drin sitzt der deutsche TV-Satiriker im superengen blauen Anzug und zeigt auf ein im Raum stehendes Bett mit Matratze aus 1100 Hühnereiern: „Schlafstatt für engagierte Künstler“. Das passe fürs heutige Österreich doch viel besser als für Deutschland.

Jan Böhmermann, seit seinem Schmähgedicht auf Erdoğan 2016 international bekannt, hat eine schon in Düsseldorf gezeigte Ausstellung für das Grazer Künstlerhaus recycelt – und austrifiziert. Neben Merkels Wanderkleidung hängt jetzt die von Sebastian Kurz (Böhmermann: „Die ist fast drei Mal so teuer wie die der Kanzlerin“). Es gibt wieder den „Diskurs-Automaten“ – in Wahlkabinen kann man etwa „Strache, du Nazi“ oder „Strache ist spitze“ klicken, mit der Versicherung, die Wahlentscheidung werde samt Foto direkt auf Twitter übertragen. Vergangenheitsbewältigung als Erlebnislandschaft verspricht der als Modell gezeigte und per Video beworbene „Reichspark“. Gut gemacht: Der sechsminütige „4D Dark Ride“ entführt einen in eine Virtual Reality quer durch „Great Germany“-Gedächtnisorte wie das eingekesselte Stalingrad. Das ist alles irgendwie okay, aber matt; man merkt hier, wie wenig von Böhmermanns Witz übrig bleibt, reißt man ihn aus dem Kontext spontaner, kurzlebiger öffentlicher Intervention.

„Faschistische Gemütlichkeit“

Noch weniger bleibt davon, wenn der originelle Satiriker zerquetscht wird vom empörten Aktivisten. Jan Böhmermann macht im Gespräch mit Journalisten zornig klar, dass er als Deutscher hier sei, wegen des „achtmillionenfachen Achselzuckens“ der Österreicher angesichts von Türkis-Blau. Er mahnt zum „Anschluss“ an das viel liberalere Deutschland (statt an Südosteuropa).

Beim Ausstellungsspruch „Felix Fritzl Austria Priklopil ganz unten“ ist das Niveau freilich ebendort. Im April hatte sich Böhmermann bei seiner Rede zur Romy-Verleihung in Wien offenbar von Handkes Publikumsbeschimpfung inspirieren lassen („Sehr geehrte Hurenkinder, liebe Romy-Gäste, hallo Ostmark“). Hier findet man nun Textchen à la Thomas Bernhard (Österreich als „nie vom Faschismus geheilter Blinddarm Großdeutschlands“). Nicht einmal für das Klischee von der „faschistischen Gemütlichkeit“ ist sich Böhmermann zu klug. Wie man ihn überhaupt fragen könne, ob er sich mit dem Identitären Martin Sellner auf die Bühne setzen würde, solchen Menschen müsse man verbieten, im Diskurs mitzumischen.

Auf die Frage, wie er sich mit seinen Mitarbeitern über Österreich informiert habe, verweist er auf sein „Tweetdeck“. Kein Zweifel, Böhmermann ist ehrlich engagiert und will Österreich aufrütteln. Dazwischen betont er aber auch, er sei natürlich ein Künstler und damit „durch und durch unseriös“.

Was Promis sagen, wird beachtet, egal, ob sie mehr zu sagen haben als andere. Jan Böhmermann ist so einer, seit seinem Schmähgedicht auf Erdoğan. Er spielte damals raffiniert mit dem türkischen Präsidenten und mit der Öffentlichkeit – zu einem interessanten politischen Kommentator macht ihn das trotzdem nicht. Ohne Clownskostüm ist der Kaiser nackt: Aktivistische Hitze mischt er in Graz mit kühlem Humor – es kommt nur Laues dabei raus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2019)