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Expo 2010: Die letzte Show der Welt

WELTAUSSTELLUNG. Kaum ein Staat, der sich bei der Expo in Shanghai nicht von seiner besten Seite präsentiert. Österreich erhofft sich lukrative Geschäfte mit China.

Shanghai. „Trinken Sie.“ Wie bitte? „Trinken Sie“, sagt der Security-Mann beim Eingang zum Expo-Gelände, und sein Blick macht klar, dass „Ich bin aber nicht durstig“ keine Option ist. Denn der Schluck, der beweist, dass in der selbst mitgebrachten (originalverschlossenen) Wasserflasche nichts Verdächtiges steckt, gehört zur „World Exhibition Shanghai China 2010“ in Shanghai wie das Schlangestehen vor den Länderpavillons mit hunderttausenden Chinesen, die sich am 1. Mai den Auftakt ihrer Weltausstellung nicht entgehen ließen.

Eine Weltausstellung, die vielen als spektakuläre letzte Ausgabe eines Auslaufmodells gilt. Denn was soll nach Shanghai kommen? 58 Mrd. Dollar wurden angeblich rund um die Expo investiert; 240Nationen und internationale Organisationen sind auf dem 5,3-km2-Gelände vertreten. Größer kann eine Expo nicht werden. Und auch nicht vollzähliger. Kaum ein Staat – nicht einmal die USA, für die Privatsponsoren eingesprungen sind, weil ihnen gesetzlich die Finanzierung von Expo-Pavillons verboten sind – wollte letztendlich die Wirtschaftsmacht China durch Absenz verärgern, auch der Galaabend mit Feuerwerk war prominent besetzt. Für Österreich reiste Shanghai-Debütant Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner an, der den heimischen Pavillon eröffnete. Quasi als Hausherr.


16 Mio. für Österreich-Pavillon

Das Wirtschaftsministerium zahlt drei Viertel der Kosten von 16 Mio. Euro, ein Viertel die Wirtschaftskammer. Firmen als Sponsoren sind, anders als in der Schweiz, nicht an Bord. Was es dafür zu sehen gibt? Geschwungene Architektur, deren Foto es nun auf das Cover des „Wall Street Journal“ geschafft hat, und – großes Thema auf der Expo – multimediale Bespielung. Die hier dezent, aber kitschfrei daherkommt. In Form von Touchscreens schmiegen sich Wälder, Pisten und Seen an die Wände, auch ein ganzer Konzertsaal wird projiziert – nur die Musiker sind echt. Mit sauberer Natur und echtem Schnee will sich Österreich nicht nur als Tourismusziel, sondern, da die Expo unter dem Motto Umwelt & Stadt („Better City, Better Life“) steht, vor allem als Experte für Umwelttechnologie empfehlen. Ohne konkrete Produkte zu zeigen. In Zeiten, da Internet und Globalisierung Weltausstellungen als globalen Entdeckungsraum für technische Innovationen abgelöst haben, beschränkt man sich stattdessen auf das „Image“, das Abgeben einer „Visitenkarte“, wie der Regierungskommissar für die Expo-Beteiligung, Hannes Androsch, meint.

Ob Geschäfte folgen, sagt Mitterlehner, werde sich entscheiden, wenn die Unternehmer individuell Geschäftspartner in die VIP-Lounge laden, und – in großem Stil – nach dem Besuch der chinesischen Handelsdelegation am 19.Mai in Wien. Beziffern will man die potenzielle Wertschöpfung der Expo-Teilnahme lieber nicht, nur so viel: Es sei die wahrscheinlich wichtigste Expo für Österreich überhaupt, und sie soll helfen, in den nächsten fünf Jahren Chinas Anteil am heimischen Gesamtexport von zwei auf vier Prozent zu steigern. Ein erstes Indiz für Erfolg gibt es bereits: einen Schneeball, den der chinesische „Informationsminister“ im Pavillon geworfen hat. Lächelnde chinesische Politiker sind nämlich die Währung, die auf der Expo zählt.


Wer ist am schönsten?

Was sonst wichtig ist: besser zu sein als die anderen. Schon kursieren Rankings über die schönsten Pavillons (Österreich liegt hinter Großbritannien, den Niederlanden, Spanien und Norwegen auf Platz fünf). Überhaupt spiegelt die kleine Welt die große wider. So wirken die afrikanischen Pavillons, die mit chinesischer Finanzhilfe realisiert wurden, wie aus einer anderen Zeit: statt Multimedia ein Bild des Staatspräsidenten, ein paar Exotikrequisiten. Und während Nordkorea hier seine Expo-Premiere gibt (Motto „People's Paradise“), fehlt der Vatikan.

Der rote China-Pavillon selbst überragt den Rest: Herzstück seiner Ausstellung ist ein Film über Chinas Aufstieg und Zukunft als „Öko-Nation“. Großes Kampagnenkino. Dem Banales gegenübersteht: Besuchermüll auf dem Dachgarten des Schweizer Pavillons. Der Abfall zeigt: Es wird dauern, bis der Expo-Slogan „Better City, Better Life“, der hier aus allen Boxen quillt, in den Köpfen ankommt. Die Zeit ist aber knapp: China kämpft mit dem Erbe der Umweltsünden und rasant wachsenden Städten. Auf dem Expo-Areal etwa soll gleich nach dem Abriss der meisten Pavillons (nur China und Hamburg bleiben fix – so viel zur Nachhaltigkeit) wahrscheinlich ein Wohnareal entstehen. Hier könnte man gleich die neuen, grünen Theorien anwenden, und die Expo-Macher, die sich jetzt mit Bänken aus recycelten Karton brüsten, zeigen, wie ernst sie sich selbst überhaupt nehmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2010)