Segeln: Der Faktor Mensch verliert an Bedeutung

Segeln Mensch ueber Bord
Segeln Mensch ueber Bord(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Ralph M. Fischer)
  • Drucken

Im Zuge des RC-44-Cups in Gmunden diskutierten der neuseeländische America's-Cup-Sieger Russell Coutts und Kollegen mit der "Presse" über die Tücken des technologischen Aufrüstens.

Gmunden. Was ist aus dem siegreichen Trimaran „USA“ geworden, mit dem er im Februar zum vierten Mal den America's Cup gewonnen hat? „Der liegt noch immer im Hafen von Valencia. Vermutlich wird damit nie wieder gesegelt werden“, glaubt Russell Coutts. Der Neuseeländer sagte dies bei der „Presse“-Debatte im Rahmen des RC-44-Cups in Gmunden und sorgte damit für Verwunderung. Denn in der Debatte über die Zukunft des Segelsports offenbarte er eine von vielen kritisierte Entwicklung. Segeln entwickelt sich – zumindest was die Weltspitze angeht – immer mehr zum technologischen Wettrüsten. Der Faktor Mensch verliert immer mehr an Bedeutung.

Sein Sieg beim America's Cup sei „99Prozent der Technologie zu verdanken“, gibt der beste Segler der Welt unumwunden zu. Nur ein Prozent geht auf seine Kappe und auf jene des Australiers James Spithill, der den Trimaran „USA“ in den zwei Wettfahrten gegen das Schweizer Alinghi-Team gesteuert hat.

Der Geist des Segelns

Auch Spithill weilt dieser Tage in Gmunden – sowie eine Reihe anderer Segelgrößen. Viele davon America's-Cup-erprobt, etwa die Amerikaner Paul Cayard und John Kostecki. Die Match-Race-Serie ging übrigens an Coutts und dessen BMW-Oracle-Team. Wobei der Olympiasieger von 1984 und achtfache Weltmeister nicht selbst am Steuer stand, sondern Mäzen Larry Ellison. Der laut „Forbes“-Magazin sechstreichste Mensch der Welt ist es auch, der dem America's Cup in den vergangenen Jahren seinen Stempel – besser gesagt seine Millionen – aufgedrückt hat.

„Wenn wir mit dem Trimaran um zehn Uhr auslaufen wollten, arbeiteten 150 Leute ab vier Uhr früh, um das Schiff dafür bereit zu machen“, berichtet Coutts. „Wird irgendwann einmal ein Computer das Boot steuern?“, fragt „Presse“-Sportredakteur und Segelexperte Michael Köttritsch. „Ich hoffe, das wird nie der Fall sein. Ich hoffe es auch für das Publikum“, meint Andreas Hanakamp. Der österreichische Olympia-Segler nahm 2008 am Volvo Ocean Race teil. Er fürchtet einen technologischen Overkill.

Coutts versteht die Skepsis: „Einerseits können wir nicht in der Vergangenheit verweilen, andererseits dürfen wir den Geist des Segelns nicht verlieren“, sagt er. Österreichs Topseglerin Sylvia Vogl glaubt, dass Mensch und Technologie einander nicht ausschließen müssen. Es müsse – vorrangig bei Olympia – Kategorien geben mit mit Lowtech, bei denen tatsächlich nur der Mensch ausschlaggebend ist. Andererseits müsse auch Platz für technischen Fortschritt sein, denn dieser käme am Ende auch der Allgemeinheit zugute. Irgendwann werde die Seefahrt aufgrund der knapper werdenden Ressourcen wieder auf den Wind zurückgreifen müssen, meint Russell Coutts.

Ein Minderheitenprogramm

Wer dem Segeln das Menschliche nimmt, nimmt ihm auch die Zukunft. Und um die Zukunft sieht es zumindest in Österreich und Deutschland eher nüchtern aus. Sylvia Vogl ortet ein Nachwuchsproblem. Deshalb sei es auch wichtig, den Segelsport „einem breiteren Publikum via Fernsehen verständlich zu machen“. Segeln werde immer ein Minderheitenprogramm sein, meint Markus Wieser, Topsegler aus Bayern. „Wir können nun einmal nicht in einem Fußballstadion segeln“, meint er. Sein Sport sei etwas für Idealisten. „Nur die wenigsten werden reich damit“, sagt er mit Blick auf Russell Coutts.

Was aus seinem America's-Cup-Trimaran nun wird? „Der kommt ins Museum“, meint Coutts. Immerhin hat das kolportierte 150 Millionen Dollar teure Hightechgefährt schon zwei Wettfahrten auf dem Buckel...

Das slowenische Team Ceeref gewann übrigens den Grand Prix von Gmunden, die rot-weiß-rote Mannschaft AEZ RC44 Sailing Team wurde in dem Langstreckenrennen Vierter. Gestern begannen die Fleet-Race-Bewerbe.

AUF EINEN BLICK

Größenwahn. Der siegreiche Trimaran „USA“ absolvierte beim America's Cup zwei Wettfahrten. Seither liegt das Boot, das angeblich 150Millionen Dollar gekostet hat, im Hafen von Valencia. „Man wird nie mehr damit fahren“, erzählt der vierfache America's-Cup-Sieger Russell Coutts und zeigt eine Entwicklung im Segelsport auf, der viele Experten mit Skepsis begegnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2010)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.