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Warum impfen so wichtig ist

Masern? Aber er ist doch geimpft!
Masern? Aber er ist doch geimpft!(c) APA/AFP/GETTY IMAGES/GEORGE FREY (GEORGE FREY)
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Jetzt hat es also den Freund meiner Tochter erwischt, er hat die Masern. Ob er dagegen geimpft ist? Ja, ist er. Und meine Tochter zum Glück auch.

Erst hatte er nur Fieber und fühlte sich schwach. Wie erschlagen, sagte er. Er ging zum Arzt, der konnte nichts finden: Irgendein grippaler Infekt, geht von selbst vorüber, einfach ein paar Tage abwarten. Doch nach ein paar Tagen war gar nichts vorbei, die Temperatur war immer noch hoch, und sie stieg höher und höher, seine Mutter war beunruhigt, und wir alle rätselten. Was soll denn das für eine Krankheit sein? Kein Husten, kein Schnupfen – nur dieses Fieber und diese vermaledeite Schwäche.

Auf Masern tippte dann als Erster der Ärztefunkdienst. Masern? Aber er ist doch geimpft!

Ja, so etwas kann passieren. Selten, aber doch. Ich etwa hatte Mumps, obwohl meine Mutter mich gegen alles hat impfen lassen, wogegen es einen Impfstoff gab. Auch bei mir verlief die Krankheit atypisch und schwächer als normal. Schmerzen hatte ich zum Beispiel keine, nicht die Spur, ich verbrachte nur einige Tage im Fieberdämmer, und wenn ich mich in den Spiegel schaute, war ich erstaunt, wie gesund ich aussah. Die roten Wangen, die leicht geschwollenen Backen: Meine Oma hatte ihre Freude.


Durchimpfungsrate. Was Hannahs Freund und mich verbindet: Wir beide wurden angesteckt, weil die Durchimpfungsrate zu gering war bzw. ist. Damals, weil es sich noch nicht herumgesprochen hatte, dass man mit einem kleinen Pieks seine Kinder vor Gehirnhautentzündung, Lähmung und Tod bewahren kann. Heute, weil das Wissen, welche Folgen sogenannte Kinderkrankheiten haben können, in Vergessenheit geraten ist. Es hat ja praktisch niemand mehr einen Nachbarn oder Arbeitskollegen, der seine Kinder wegen Polio oder Masern begraben musste. Ausgerechnet der Erfolg der Impfungen führt dazu, dass mancher glaubt, auf sie verzichten zu können. Wie viele Tote braucht es wohl, bis „impfmüde“ Eltern wieder Angst um ihre Kinder bekommen?

Ich habe die Infektion gut überstanden, und dem Freund meiner Tochter geht es auch wieder besser. Wir haben Glück gehabt. Ich, weil ich kein Mann bin und deshalb keine Hodenentzündung bekommen konnte. Nie werde ich das traurige Gespräch mit einem Kollegen vergessen: Er kann wegen Mumps niemals eigene Kinder haben. Und der Freund meiner Tochter hat Glück, weil er erwachsen ist: Man tut ja immer so, als wären Kinderkrankheiten für Kinder harmlos, aber eine der schlimmsten, wenn auch seltenen Folgen von Masern trifft sehr kleine Patienten. Zum Beispiel Babys, die so klein sind, dass man sie noch nicht impfen konnte. Sie werden scheinbar wieder gesund, doch Jahre später beginnen die Krämpfe. Die Kinder verfallen, die meisten sterben. Wer googeln will: Subakute sklerosierende Panenzephalitis.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com 

www.diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2019)