Man weiß, dass man zu viel Zeit mit Netflix/Amazon verbringt, wenn man beim Lesen der Politikseiten im Kopf Besetzungslisten erstellt, weil man immerzu denkt: Das wär' Stoff für eine Serie! Das Plotpotenzial! Die Charaktere!
Wobei, zugegeben, vor allem internationale Ereignisse – Brexit! EU-Wahlen! – inspirieren. Vermutlich, weil heimische Dramen bevorzugt humoristisch verarbeitet werden. Egal, wie es anfängt, am Ende ist alles Kabarett. Eine eigentlich unlustige Eigenschaft. Nicht über österreichische, sondern über britische Eigenheiten jedoch hat Korrespondent Gabriel Rath mit dem Historiker Orlando Figes gesprochen. Figes attestiert seinen Landsleuten einen „imperialen Kater“, dessen Spätfolge der Brexit sei. Figes formuliert auch einen schönen Satz, der erklärt, warum Politik sich gut als Serie eignet: „Geschichte hängt auch einfach von Fehlern, Zufällen oder – ziemlich oft – Dummheit ab.“ Definiere Drama.
Was wahrscheinlich auch unser Brüssel-Korrespondent Oliver Grimm bestätigen könnte. Er beschäftigt sich aktuell aber weniger mit Geschichte als mit Geschichten – Kindergeschichten. Denn der Klassiker „Der kleine Nick“ wird heuer 60. Grimm analysiert, welche Bedeutung die fröhlich-ironische Welt französischer Schulkinder, die René Goscinny und Jean-Jacques Sempé entworfen haben, noch hat. Mir hat er auch erklärt, warum französische Kinderbücher spannender als österreichische oder deutsche sind, deren Universum meist aus Tieren und Wald besteht, was ich als Teil der Generation „Maulwurf Grabowski“ bestätigen könnte, zumindest für die 1970er. Den Anliegen von Teenagereltern widmet sich Bernadette Bayrhammer. Es geht – der Sommer naht – um die Matura. Sie schreibt über Elternängste und bringt Tipps gegen die Nervosität wie Sport, spazieren oder „zurücklehnen, durchatmen“. Klingt auch nach einem guten Sonntagsprogramm, oder? Wobei man bei dem Wetter natürlich auch Serien schauen könnte. Oder Politikseiten lesen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2019)