Die frühere First Lady plaudert in ihren Memoiren "Spoken from the Heart" über die Fadesse im Weißen Haus. Melancholie schimmert durch, wenn sie ihre Jugend in der westtexanischen Provinz Revue passieren lässt.
So viel Selbstironie hätten nur wenige der unscheinbaren Frau mit dem tiefgefrorenen Lächeln zugetraut, die in ihrem ganzen Habitus so perfekt das Image des Heimchens am Herd zu verkörpern schien. Beim Dinner der Weißen-Haus-Korrespondenten, bei dem Persiflage und scharfzüngiger Humor die wichtigsten Ingredienzien sind, hat die First Lady sich und ihrem Mann dem Spott preisgegeben. „Neun Uhr abends. Mister Aufregend hier neben mir schläft tief und fest, und ich schaue eine Folge von ,Desperate Housewives‘ – mit Lynne Cheney. Meine Damen und Herren, ich bin eine verzweifelte Hausfrau.“
Mit ihrem trockenen Witz hatte Laura Bush vor fünf Jahren den Saal voll kritischer Journalisten zu Lachstürmen hingerissen, als sie einen vermeintlich typischen Abend im Hause Bush schilderte. Die Reputation George W. Bushs war am Tiefpunkt angelangt, und seine Popularität sollte danach noch weiter fallen. Doch zumindest einen Abend lang hatte das Paar die Sympathien auf seiner Seite – jedenfalls die Frau des Präsidenten, die das Rampenlicht stets scheute. Dass ihre Mann keine Nachteule war wie Bill Clinton, war in Washington indes längst kein Geheimnis.
Das Getuschel, ob sie denn nun tatsächlich so verzweifelt sei, sei sie nicht mehr losgeworden, erinnert sich die 63-Jährige amüsiert in ihren Memoiren „Spoken from the Heart“ („Aus dem Herzen gesprochen“). Gewiss, es habe sich Fadesse eingeschlichen. „Am späten Nachmittag wurde es am schlimmsten“, klagt sie über die Isolation im Weißen Haus und trauert der Freiheit in Texas nach, die sie auch als Frau eines Gouverneurs genossen habe.
Das Buch, das in dieser Woche mit dem obligatorischen Reklamewirbel – etwa in der Oprah-Winfrey-Show – in den USA erscheint, plaudert keine Sensationen aus. Es sei denn, dass die ausgebildete Bibliothekarin mit einem Faible für Dostojewski („Die Brüder Karamasow“ ist ihr Lieblingsbuch) nicht so richtig zur Köchin taugte. Oder dass prominente, aber diskret ungenannt bleibende Gäste Handtücher als Souvenirs aus dem Weißen Haus schmuggelten. Wer sich Aufschluss erhofft über die Regierungsjahre George W. Bushs, muss sich noch ein halbes Jahr bis zur Veröffentlichung seines Buchs „Decision Points“ gedulden.
Für Schlagzeilen sorgte die Mutmaßung Laura Bushs über ein Giftattentat während des G8-Gipfels in Heiligendamm an der deutschen Ostseeküste. Der Secret Service, so enthüllt sie, sei alarmiert gewesen über ein mysteriöses Magenvirus, das die US-Delegation niedergestreckt habe. Der Koch, der damals die Bushs und andere Staatsoberhäupter bekochte, wehrte sich empört am Wochenende: Vermutlich habe sich die US-Delegation am selbst mitgebrachten Junkfood „vergiftet“.
Ihre Ehe beschreibt Laura Bush als Gemeinschaft „zweier symbiotischer Seelen“. Da Laura, der sensible Blaustrumpf, von manchen als „alte Jungfrau“ bezeichnet; dort George, der jugendliche Tunichtgut und Draufgänger mit einer Schwäche für Bourbon, Bier und Brandy. Es sei freilich eine Mär, dass sie ihn je vor die Alternative gestellt habe: „Entweder Jim Beam oder ich.“
Melancholie schimmert durch, wenn Laura Bush ihre Jugend in der Einöde der westtexanischen Provinz Revue passieren lässt. „Es war nicht schwer, in Midland traurig zu sein; traurig vor Einsamkeit.“ Vor allem über eine Tragödie ist sie nie hinweggekommen. Weil sie ein Stoppschild übersehen hatte, verursachte sie als 17-Jährige einen Autounfall, bei dem ein Schulfreund ums Leben gekommen war. „In diesem November habe ich für viele, viele Jahre meinen Glauben verloren.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2010)