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Christenverfolgung und der unbeteiligte Westen

(c) Peter Kufner

Europas ambivalentes Verhältnis zum Christentum ist der Grund für die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Christen in Asien und Afrika.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Kurz nach den Mordanschlägen auf Kirchen und Hotels in Sri Lanka haben die Attentäter vom IS mitgeteilt, dass ihre Taten die Revanche für die Anschläge auf Moscheen im neuseeländischen Christchurch seien. Das wurde von vielen Zeitungen im Westen, auch in Österreich, mit Zeichen der Erleichterung berichtet. Na dann, so wurde uns zu verstehen gegeben, ist es ja eigentlich verständlich und gerechtfertigt, dass sie zurückschlagen. Dass der Mörder von Christchurch nichts mit dem Christentum zu tun hat, durfte keine Rolle spielen.

Als kurz darauf bekannt wurde, einige junge Christen auf Sri Lanka hätten sich zu einer Bande zusammengeschlossen, um ihre Glaubensbrüder vor weiter befürchteten Mordtaten zu schützen, war das Bild bestätigt und für die liberale Welt des Westens wieder alles in Ordnung: Alle Religionen, namentlich die monotheistischen, sind eben gewalttätig und befinden sich latent im Krieg miteinander.

Das Ziel der Täter von Sri Lanka war mit ideologischer Absicht gewählt: Am höchsten Fest der Christenheit überfielen sie drei Kirchen und drei Hotels mit westlichen Touristen, denn in ihrer Vorstellungswelt sind das „westliche“ Christentum und die westliche individualistische Lebensweise der gemeinsame Feind, der ihrer Utopie von einer totalitären islamischen Herrschaft entgegensteht. Dass das Christentum immer schon mondial ist, ist für eine solche Weltsicht eine schwer erträgliche Herausforderung. Ob und wie weit dieses Narrativ der Jihadisten im Islam klammheimlich geteilt wird, wissen wir nicht, denn vom gemäßigten Islam kommt zu solchen Taten gegen Christen in der Regel nur Schweigen.

Während die Morde von Christchurch tagelang die Medien beherrschten und uns Bilder der aus „Solidarität“ verschleierten Ministerpräsidentin ins Haus lieferten, verschwanden die Anschläge und die weiter bestehende Gefahr für die Christen auf der Urlaubsinsel schnell wieder aus den Medien. In der westlichen Öffentlichkeit ist das Schicksal der verfolgten Christen in vielen Ländern der Welt kein Thema. Davon zu hören ist dem Europäer irgendwie peinlich, weil es nicht in sein aufgeklärtes Weltbild passt und seinen Wunsch nach einem Dialog der Religionen stört.

Unterdessen hat die Christenverfolgung ein unerträgliches Ausmaß angenommen. Die Organisation Kirche in Not, die vom Österreicher Thomas Heine-Geldern geleitet wird, hat allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres eine Reihe von antichristlichen Terrorfällen dokumentiert: Dutzende Todesopfer und 20.000 Flüchtlinge waren die traurige Bilanz eines Überfalls islamistischer Seleka-Truppen auf eine Missionsstation im Bistum Bangassou in der Zentralafrikanischen Republik. Ein Anschlag durch Islamisten auf die Kathedrale von Jolo auf den Philippinen forderte 20 Todesopfer. Im März starben 130 Menschen bei Angriffen des Fulani-Stamms auf christliche Dorfbewohner im nigerianischen Bundesstaat Kaduna. Kirche in Not erinnert daran, dass die Gefahr durch den IS im Nahen Osten und die geistesverwandten Boko Haram in Nigeria keineswegs gebannt ist.

Immer schärfer wird auch die Verfolgung von Christen und Muslimen in Indien seit die hindunationalistische Bharatiya-Janata-Partei an der Macht ist. Bei Übergriffen auf eine katholische Schule im Staat Tamil Nadu kam es jüngst zu einer regelrechten Jagd auf die dort tätigen Ordensfrauen. In Indien überlagert sich die Ideologie eines rein hinduistischen Staats mit dem Kastenwesen. Christen gehören durchwegs niedrigen Kasten an oder stehen als „Unberührbare“ außerhalb des Kastensystems und haben nicht wie die Muslime den Schutz, einer eigenen definierten Gruppe anzugehören.

„Übersteigerter Nationalismus und autoritäre Ideologien bleiben neben dem extremistischen Islamismus die Haupttriebfedern der Verfolgung von Christen und anderen religiösen Minderheiten“, sagt Heine-Geldern. Alle drei Entwicklungen kommen in afrikanischen Staaten wie wie Burkina Faso, Niger und Benin zusammen: „Dort nimmt die Feindseligkeit gegen Missionsstationen, Priester und Ordensfrauen dramatisch zu. Am schlimmsten steht es um die Christen in Nordkorea, die fast alle in Straflagern sitzen. Auch in China werden die Christen bedrängt, das kann aber die rasche Ausbreitung des Christentums nicht verhindern. In China sind aber auch die Muslime Opfer systematischer staatlicher Verfolgung bis hin zur Anhaltung in Umerziehungslagern. Das trifft vor allem Minderheitenvölker in Zentralasien.

Die Tatsache, dass sich unter den Verfolgerstaaten 35 islamische befinden, kann man nicht einfach mit der bequemen Unterscheidung zwischen dem friedfertigen Islam und den irregeleiteten Islamisten wegwischen. In Staaten wie Pakistan, Saudiarabien, dem Iran oder Algerien findet die Verfolgung durch den Staat im Namen des Islam statt. Jemanden zum Abfall vom Islam zu bringen kann mit dem Tod bestraft werden und wird oft gegen Christen verwendet. Das Schicksal von Asia Bibi in Pakistan, die vom Obersten Gericht nach acht Jahren Haft vom Vorwurf der Blasphemie freigesprochen wurde, ist immer noch ungewiss.

Dass das Christentum die mit Abstand am meisten verfolgte Religion auf der Welt ist, sucht nach einer Erklärung. Die Verfolgung gelte dem eigentlichen Kern des Glaubens, der Jesus Christus selbst ist, sagte Christoph Schönborn einmal: „Weil er uns zur persönlichen Entscheidung herausfordert und weil er uns an die Schuld erinnert.“ Die Christen entziehen sich auch dem Totalanspruch des Staats, und sie verweigern sich der Vergötzung der Nation. Das macht sie zu „vaterlandslosen Gesellen“, erst recht, wenn sie wie die Katholiken womöglich noch ihre höchste Autorität im Ausland haben.

 

Tränen für die Kathedrale

Die Gleichgültigkeit und Verdrängung, mit der der Westen die Christenverfolgung außerhalb Europas quittiert, hat mit der eigenen Ambivalenz gegenüber dem Christentum zu tun. Exemplarisch sichtbar wurde das beim Brand von Notre-Dame in Paris. Man braucht das Christentum zwar zur Vergewisserung seiner eigenen Geschichte und Kultur und vergießt deshalb Tränen für die staatseigene Kathedrale, vor seinen eigentlichen Zumutungen möchte man sich aber bewahren.

Das Christentum soll – in „aufgeklärter“ Form und gereinigt von unmodernen ethischen Haltungen – ein Teil des herrschenden säkularen Humanismus sein und ihn als Quasi-Staatsreligion anerkennen. Dabei spielen auch schon viele Glaubensvertreter mit, wenn sie die Kirche zu einem linksliberalen Sozialverein machen möchten. Da sind natürlich Christen am anderen Ende der Welt, die für ihren Glauben den Tod auf sich nehmen, eine gewisse Verlegenheit.

Es ist dasselbe Frankreich, das sich einmal stolz „la fille aînée de l'église“, die älteste Tochter der Kirche, nannte und in dem heute beinah wöchentlich eine Kirche beschädigt, Tabernakel aufgebrochen und Hostien geschändet werden. Das sind nicht bloße Vandalenakte, sondern es richtet sich mit Absicht gegen das Innerste des katholischen Glaubens. Auch das nimmt Europas Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis, geschweige denn, dass es jemanden aufregen würde.

DER AUTOR

Hans Winkler war langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der „Kleinen Zeitung“.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2019)