Wer sich wegen des Titels eine erregende Lektüre erhofft, ist ein Spekulant. Nicht der einzige in diesen Tagen.
Die Ratingagenturen sind so etwas wie der Marcel Reich-Ranicki des Anleihenmarkts. Wen der greise Feuilletonist schlecht bewertet, der muss zumindest eine Sonderportion Sex & Crime bieten, um sich doch noch gut zu verkaufen. Beim Staat Griechenland sind es halt nicht die Nackten und die Toten, aber drastisch höhere Zinsen, die er bieten muss, wenn die drei großen Ratingagenturen despektierlich über seine Bonität sprechen. Sonst greift keiner mehr zu.
Natürlich endet irgendwo die Parallele. Aber für beide gilt: Die Kritiken sind nie so, dass alle zufrieden sind. So setzte es gerechterweise Schelte, als die Ratingagenturen die amerikanischen Immobilienanleihen viel zu positiv bewerteten und damit viele Anleger zu überhöhten Risken verführten. Und sie wurden dafür geprügelt, dass sie ihre Bewertungen erst dann änderten, als eh schon niemand mehr daran glauben konnte.
Jetzt haut man die Agenturen für das genaue Gegenteil: weil sie mitten in der Krise eine verschlechterte Einschätzung der Bonität griechischer Staatsanleihen bekannt gegeben haben. Wer sie dafür kritisiert, fordert von den Ratingagenturen also eine Wiederholung ihres Kardinalfehlers: Sie sollen gefälligst griechische Anleihen schönreden, damit sich die besser verkaufen. Und wenn sie schon pessimistische Einschätzungen von sich geben müssen, dann doch bitte erst nachdem die Anleger die Ramschanleihen in gutem Glauben geordert haben.
Bei allen berechtigten Zweifeln an Methoden, Kompetenzen und Qualität der Ratings: Die wahren Spekulanten, vor denen uns unsere Eltern immer schon hätten gewarnt haben sollen, sind in diesem Fall die Kritiker der Agenturen. Sie wollen, dass man uns das Blaue vom Himmel erzählt, in der Hoffnung (auf Englisch: „on the speculation“), dass irgendwie alles noch gut ausgehen wird.
Ähnlich agiert gerade die Europäische Zentralbank. Sie akzeptiert nun regelwidrig griechische Staatsanleihen als Sicherheit, wenn sie an Geschäftsbanken Geld verborgt. Sie sorgt also dafür, dass das Eurosystem noch mehr als bisher von griechischem Anleihenmüll abhängig wird. Mehr als eine Spekulation, dass irgendwie alles noch einmal gut ausgehen wird, hat die EZB dafür als Rechtfertigung auch nicht.
Man sollte also vorsichtig sein, wenn man dieser Tage über Spekulanten schimpft. Wer weiß, wen aller der Vorwurf trifft? Aber natürlich: Man kann die sich rapide verschlechternden Standards der Finanzwelt damit rechtfertigen, dass deren Spekulationen nicht der persönlichen Bereicherung dienen, sondern der Notrettung der Weltwirtschaft. Gekauft. Aber dann sollte man sich zumindest um Klarheit der Schuldzuweisung bemühen. Das ganze Gerede über die Sünden der Spekulanten oder der amoralischen griechischen Milliardäre ist bloßes Vernebeln, ärgerliche Sündenbockpolemik.
Natürlich kann man mit Kreditversicherungen (den CDS) spekulieren. Aber vor allem auf Kosten anderer CDS-Spekulanten, die auf den falschen Trend setzen. Und erstens gibt es derzeit wenig Spekulation, weil es an Gegenparteien fehlt, die auf eine Gesundung des griechischen Staatshaushalts wetten wollen. Und zweitens ist der Markt für Staatsanleihen – im Gegensatz etwa zum Devisenmarkt – sehr unempfindlich für nachhaltige spekulative Angriffe.
Das Bild, das Premierminister Giorgos Papandreou gezeichnet hat – CDS-Spekulanten seien wie Leute, die eine Feuerversicherung auf das Haus des Nachbarn abschließen und es daraufhin anzünden –, ist falsch, weil kein Spekulant die Macht hat, einen Staatsbankrott oder auch nur einen ernsthaften Zahlungsengpass herbeizuführen, also das Haus Griechenland anzuzünden.
Das können nur die Oligarchenfamilien Papandreou, Karamanlis und ein paar Millionen Landsleute in gemeinsamer Aktion. Und genau das haben sie auch getan. Eine Regierung, die wie zuletzt 30 Milliarden Euro im Jahr mehr ausgibt als einnimmt, kann sich weder auf ausländische Spekulanten ausreden noch auf inländische Milliardäre, die Steuern hinter- und Geldreserven abziehen. Die wird es schon geben, aber sie machen das Kraut nicht fett.
Sicher: Das System der Ratingagenturen ist dringend verbesserungsbedürftig, und der intransparente CDS-Markt gehört eingefasst. Aber das sind Randerscheinungen. Im Zentrum des Problems steht die alltägliche Spekulation auf die Hoffnung, dass eine schlampige Schuldenpolitik schon irgendwie gut gehen wird. Was sie auf Dauer aber einfach nicht tut. Für Griechenland ist dieser Zeitpunkt jetzt gekommen. Anderswo, etwa in Österreich, hat die Entwicklung der Volkswirtschaft zuletzt mit den Schulden mithalten können. Seit 2009 tut sie das nicht mehr, und bevor wir nicht erleben, dass es wirklich wieder anders wird, sollten wir uns davor hüten, auch über die griechischen Normalspekulanten allzu sehr herzuziehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2010)