Ist „Game of Thrones“ schlechter geworden?

Game of Thrones - Das Lied von Eis und Feuer
Daenerys am Ende der vierten Folge(c) HBO/sky (Helen Sloan)

Blog Die jüngste Folge der Mittelalter-Fantasyserie wird heftig debattiert. Wo ist die Kritik an „Game of Thrones“ berechtigt und wo nicht? Eine subjektive Einschätzung.

Spoiler-Warnung: In diesem Beitrag wird Handlung der achte Staffel "Game of Thrones"-Folge verraten.

Die jüngste Folge von „Game of Thrones“ erreicht im Zuschauerranking der Film- und Seriendatenbank IMDb nur 6,7 von 10 möglichen Sternen. Wer IMDb kennt, weiß: Alles unter 7 ist eigentlich Schrott. Damit ist „The Last of the Starks“ die am schlechtesten bewertete Folge der gesamten Serie. Wie konnte das passieren? Denn „Game of Thrones“ ist doch derzeit mitten in der achten und letzten Staffel – die mit Preisen überhäufte, von der Fachpresse bejubelte, von Fans innig geliebte Mittelalter-Fantasyserie sollte auf ihrem Zenit sein. Stattdessen ist sie umstritten wie nie zuvor.

Was ist dran an der Kritik? Eine subjektive Einschätzung in sechs Punkten:

Kritik: „Game of Thrones“ ist vom Weg abgekommen. Die jüngsten Verrisse beziehen sich vor allem auf die Folge „The Last of the Starks“, geschrieben von den Serienerfindern David Benioff und D.B. Weiss. Der Folge kommt eine kaum bewältigbare Aufgabe zu. Der Sieg über die White Walker ändert die Geschichte und das, was wir von ihr erwarten. Einen großen Endkampf zwischen Lebenden und Toten wird es nicht mehr geben, der wurde in „The Long Night“ mit der „Battle of Winterfell“ erledigt. Nun bleiben der Serie also noch drei (überlange) Folgen, um wieder einen großen Spannungsbogen aufzubauen. Nur: dieser Aufbau geht in „The Last of the Starks“ zu schnell. Ein Hinterhalt, ein toter Drache, ein erster Showdown zwischen den beiden Königinnen – und das alles in einer guten halben Stunde. Die Folge eilt in ihrer zweiten Hälfte von Höhepunkt zu Höhepunkt, der Zuschauer kommt kaum zum Luftholen. Und das fehlt: Für Spannung braucht man vorher Ent-Spannung.

Game of Thrones - Das Lied von Eis und Feuer
Kein "little bird" mehr: Sansa im Gespräch mit dem Hound(c) HBO

Kritik: Die Figuren werden unwürdig behandelt, vor allem die Frauen. Schauspielerin Jessica Chastain ärgerte sich über die Aussage Sansas, dass sie ohne den psychischen und physischen Missbrauch durch Littelfinger und Ramsay ewig „a little bird“ geblieben wäre. „Vergewaltigung ist kein Mittel, eine Figur stärker werden zu lassen“, schrieb Chastain auf Twitter. Und der „Guardian“ tönt: „Game of Thrones has betrayed the women who made it great“. Als Beispiele dafür werden die Diskussion von Varys und Tyrion angeführt, wieso ein Mann (also Jon Snow) ein besserer König wäre und der Tod von Missandei ist laut der Zeitung nur eine Entschuldigung dafür, dass Daenerys nun King's Landing niederbrennen will.

Als die Serie vor über acht Jahren auf den Bildschirm kam, war die #MeToo-Debatte noch weit entfernt. Inzwischen werden andere Standards angelegt. Diesen wird „Game of Thrones“ nicht immer gerecht.

Zwar war es gut, dass man Briennes Busen in der Liebesszene mit Jaime nicht sieht. Aber dass sie ihn später anfleht zu bleiben und weint, hat viele, vor allem weibliche Zuschauer gestört. Brienne ist eine starke Ritterin, daran ändern ein paar Tränen nichts. Ich finde sie in der Szene auch mutiger als Jaime: Es gehört Courage dazu, in ihrem Alter und mit ihrer Erfahrung eine Liebesbeziehung einzugehen, zuzulassen, dass sie verletzt wird. Jaime wählt (mutmaßlich) den einfachen, den feigen Weg: zurück in sein altes Leben.

Leider merkt man der Serie aber manchmal an, dass keine Frauen am Drehbuch mitschreiben (in Staffel acht jedenfalls). Die Debatte von Varys und Tyrion war plump. Sansas Aussage ist hingegen nicht eindeutig. Vielleicht wäre sie gerne ein „little bird“ geblieben. Ob sie dann überlebt hätte, ist eine andere Frage.

Kritik: Daenerys' Charakterentwicklung ist unglaubwürdig. Ist Daenerys der Bösewicht, den es am Ende der Serie zu besiegen gilt? Das legen jedenfalls die Folgen der achten Staffel nahe. Sie wird zunehmend als irrational und brutal charakterisiert, Tyrion hat neuerdings Angst vor ihr und Varys wendet sich schon halb von ihr ab. Dass Daenerys ein dunkle Seite hat, ist nicht neu. Schon in Staffel eins hat sie die Hexe Mirri Maz Duur, die ihren Ehemann Khal Drogo vergiftet hat, bei lebendigem Leib verbrennen lassen (angebunden am Scheiterhaufen, an dem Khal Drogos Leichnam lag). Später ließ sie Sklavenhändler kreuzigen, sie steckte einen Tempel in Brand und tötete alle darin Anwesenden, hat Samwell Tarlys Vater und Bruder brutal exekutiert. Ja, Daenerys hat Grausamkeit und Wahnsinn in sich, aber ihr Wandel geht zu schnell. „Breaking Bad“ ließ Walter White fünf Staffeln Zeit, um wirklich „böse“ zu werden. Es braucht viel, damit die Zuschauer sich von einem Helden oder einer Heldin abwenden – mehr, als „Game of Thrones“ bisher geliefert hat.

Kritik: Wieso tötet Cersi Tyrion nicht? Wieso schickt Cersei Bronn als Auftragskiller zu ihren Brüdern, und als die Gelegenheit hat, Tyrion zu töten – nämlich vor den Toren der Stadt am Ende der Folge – tut sie es nicht. Das wirkt auf den ersten Blick unlogisch, ist es meiner Meinung nach aber nicht. Denn Cersei hatte schon öfter die Gelegenheit, ihren verhassten Bruder zu ermorden, hat es aber nicht getan. Vielleicht kann sie ihm dabei einfach nicht in die Augen sehen. Schließlich ist familiärer Zusammenhalt eine der wichtigsten Tugenden in der Serie, selbst für die Antagonisten. Möglich ist freilich auch, dass Cersei einen anderen Plan verfolgt, sie tut sich sonst doch leicht, Menschen zu berechnen, wieso nicht auch beim gierigen Bronn, der sie bei erstbester Gelegenheit hintergeht?

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Euron Greyjoy schleicht sich ständig mit seiner Flotte an(c) HBO

Kritik: Euron Greyjoy ist zu stark. Schon wieder ein Hinterhalt, schon wieder Euron. Daenerys gelingt in Westeros nichts (außer die Schlacht gegen die White Walker). Sie hat ihre Flotte verloren, den Großteil ihrer Heere. Schuld daran ist auch Dummheit – oder das Drehbuch. Euron Greyjoy ist aus dem Nichts aufgetaucht und scheint irgendwelche Superkräfte zu besitzen: Drei Pfeile schießt er auf Rhaegal ab, drei Mal trifft er den Drachen. Und Daenerys kommt nicht auf die Idee, die Flotte von hinten anzufliegen … Euron ist für die Drehbuchautoren ein zu billiges Mittel, um Daenerys zu schwächen. Und das alles tut er nur, um in Cerseis Bett zu gelangen? Irgendwie kauft man ihm das nicht ganz ab.

Kritik: Alles geht zu schnell. Schon seit Staffel sieben wird ordentlich Tempo gemacht auf Westeros. Distanzen werden in kürzester Zeit überwunden, für die Figuren davor mehrere Folgen lange gebraucht haben. Die Serie will ihre Fäden zusammenhalten – und am Ende zusammenführen. Sie stößt dabei aber auf ein Problem, das auch aus der Vorlage stammt: George R.R. Martin verzettelt sich gerne. Einerseits ist das toll, weil er ständig neue Geschichten und spannende Figuren liefert. Andererseits ist es problematisch, weil er nicht und nicht zum Ende findet. Um aus diesem Figuren- und Handlungsreichtum ein befriedigendes Ende (für möglichst viele) herauszudestilieren, braucht Zeit. Diese ist in „Game of Thrones“ leider nicht mehr gegeben.

Aber: „Game of Thrones“ war auch in den sieben Staffeln vor der aktuellen nicht fehlerlos. Ich erinnere an Dorne (ein einziger Murks), an die beiläufige sexuelle Gewalt. Die eineinhalb Jahre Pause zwischen Staffel sieben und acht haben die Erwartungen der Zuschauer steigen lassen – teils in Höhen, die die Serie einfach nicht erreichen kann.

Achtung, ich spekuliere über den Ausgang der Show. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich richtig liege: Sie wurden gewarnt!

Game of Thrones - Das Lied von Eis und Feuer
Traum, Vision oder Prophezeiung? Daenerys mit Khal Drogo und ihrem Sohn im "House of the Undying"(c) HBO (helen sloan)

Wie „Game of Thrones“ ausgehen wird, das haben die Serienmacher schon gewusst, bevor sie die erste Einstellung gedreht haben. Und sie haben es möglicherweise auch den Zuschauern schon gezeigt. Im Finale der zweiten Staffel geht Daenerys ins „House of the Undying“, um ihre Drachen zu befreien, und hat dort eine Vision: Sie geht in den Thronsaal in King's Landing. Dort liegt Schnee am Boden und am Eisernen Thron – oder ist es Asche? Das Dach fehlt und Daenerys wird, als den Thron berühren wird, vom Schrei eines ihrer Drachen abgelenkt. Ein Tor führt aus dem Raum, es ist das Tor bei Castle Black unter der Wall. Daenerys tritt hinaus in den Hohen Norden, findet mitten im Schneegestöber ein Dothraki-Zelt. Darin sitzt Khal Drogo mit einem kleinen Kind. „Vielleicht bin ich tot und weiß es noch nicht“, sagt sie zu ihrem toten Ehemann. Er antwortet, dass sie vielleicht träume oder dass er sich vielleicht geweigert habe, ins Jenseits einzutreten ohne sie. Daenerys zitiert die Antwort von Mirri Maz Duur (die Khal Drogo vergiftet hat) auf ihre Frage, wann Khal Drogo wieder so sein würde wie früher. „Bis die Sonne im Westen aufgeht und im Osten untergeht, bis die Flüsse austrocknen und die Berge im Wind wehen wie Blätter“. Dann wendet sie sich ab und geht weiter ihre Drachen suchen. „Valar Morghulis“ heißt die Folge: alle Menschen müssen sterben.

Was könnte das bedeuten? Dass auf dem Thron (mutmaßlich) Schnee liegt, ist ein recht deutlicher Hinweis darauf, dass dieser schon besetzt ist: von Jon Snow, also Schnee. Dass er am Ende (dank kräftiger Mithilfe von Sansa) über Westeros herrschen wird, kann ich mir gut vorstellen. Auch wenn er nicht will. Wie sein Ziehvater Ned Stark, der nicht „Hand of the King“ sein wollte, ist Jon sehr pflichtbewusst.

Ein „bittersüßes“ Ende

Die Macher haben uns ein „bittersüßes“ Ende versprochen. Ich dachte immer, Jon werde am Ende sterben, aber vielleicht stirbt auch Daenerys – kurz, bevor sie ihr Ziel erreicht hat. Von Westeros wurde sie bisher nur enttäuscht. Ihr Leben lang war Daenerys im Exil. In ihrer eigentlichen Heimat ist sie aber eine Fremde, das sieht man bei der Feier am Beginn der Folge „The Last of the Starks“ deutlich: Sie sitzt allein im Abseits, ist eine Außenseiterin. Ihr gelingt es im Norden nicht, sich anzupassen – wie bei den Dothraki oder in Meereen.

Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie in einem direkten Duell stirbt, wirklich die Antagonistin sein wird. Zwar hat sie grausame Seiten, aber sie hat auch Sklaven befreit, Menschen gerettet. Sie ist eine hervorragende Revolutionärin, nur leider keiner sehr gute Herrscherin. Am Ende wird sie das Richtige tun, davon bin ich überzeugt. Wie sagte einst Missandei über sie? „Because I believe in her.“

 

>> „Die Presse“ bloggt zu jeder Folge der neuen Staffel:  DiePresse.com/gameofthrones

 

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