Episodenblog

"Game of Thrones" Staffel acht, Folge fünf: Woran erkennt man ein Monster?

Game of Thrones - Das Lied von Eis und Feuer
"Every time a new Targaryen is born, the gods toss the coin in the air and the world holds its breath to see how it will land", heißt es. Nun wissen wir, auf welche Seite Daenerys' Münze gefallen ist.(c) HBO/Sky (Helen Sloan)

Blog "The Bells" setzt leider den Trend der achten Staffel fort: Das Gewaltlevel steigt und das Niveau sinkt.

Spoiler-Warnung: In diesem Episodenblog wird die Handlung der jeweils beschriebenen "Game of Thrones"-Folge verraten.

Seit Ned Stark in Staffel eins getötet wurde, hat man bei "Game of Thrones“ Angst um die Figuren. In Staffel acht wird die Befürchtung, dass die Helden und die unwiderstehlichen Bösewichte sterben, nun abgelöst von einer anderen Angst: Dass sie Opfer eines schlechten Drehbuchs werden. Folge vier "The Last of the Starks" wurde bereits heftig debattiert, bei Folge fünf wird diese Kritik noch lauter werden: "The Bells", 80 Minuten stark, besteht vor allem aus Gewalt. Logik? Nebensache. Figurenentwicklung? Kann man zurückdrehen. Dialoge? Wozu, wir haben doch einen Drachen.

Das Niveau der Serie war in Staffel sieben bereits niedriger als zuvor. Aber diese musste die Weichen stellen für das Ende - da verzeiht man die eine oder andere Schwäche. Nur leider bleibt Staffel acht weit unter den Erwartungen. Der Sender HBO hat den Serienerfindern David Benioff und D.B. Weiss angeboten, zwei Mal zehn Folgen zu produzieren. Benioff und Weiss bestanden auf sieben Folgen für Staffel sieben und sechs teils überlange Folgen für Staffel acht. Dabei hätte ein bisschen mehr Luft zum Erzählen der Serie gut getan. Als Zuschauer fragt man sich nämlich: Warum diese Straffung, warum diese Schlampigkeiten in Plot und Dialogen? Dieses Ende haben die Figuren nicht verdient. Dieses Ende hat "Game of Thrones" nicht verdient.

Die Tode lassen einen seltsam kalt

Aber zurück zur aktuellen Folge: Diesmal sterben Königin Cersei und Jaime Lannister (mutmaßlich), Spion Varys (fix), Euron Greyjoy und Qyburn (beide: endlich) sowie Sandor "The Hound" Clegane sowie sein Bruder Gregor "The Mountain" Clegane (der war vermutlich aber ohnehin untot). Ihr Tod lässt einen seltsam kalt. Ich empfand mehr dabei, als Arya die Leichen der Menschen sieht, die sie zu retten versuchte: eine Mutter und ihre kleine Tochter, einander im Moment des Todes umarmend. Zwei Verbrannte, die an die Gipsabdrücke der Toten von Pompeji erinnern.

Jetzt ist sie das Monster

"The Bells" geht es vor allem um eines: Königin Daenerys Targaryen, die schöne junge Frau mit den weißblonden Haaren, muss zum Monster werden. Für alle, vor allem aber für einen: Jon Snow, Ex-Geliebter, Neffe und wahrer Erbe des Eisernen Throns. Nur wenn er sich selber als bessere Alternative erkennt, wird er sein Schicksal annehmen und versuchen, König zu werden.

Der Grad der Entfremdung zwischen den beiden nimmt im Laufe der Folge zu: Zu Beginn kommt Jon nach Dragonstone, wo ihn Varys abfängt, der sich schon von Daenerys abgewandt hat und sich Jon als König wünscht. Der erteilt ihm eine Absage. Varys wäre nicht Varys, hätte er nicht vorgebaut - er hat Briefe geschrieben, in denen er Jons wahre Herkunft verrät. Wohin die Briefe gehen? Vermutlich an alle großen Häuser in Westeros. Das Geheimnis ist draußen, der Druck auf Daenerys wird steigen.

Game of Thrones - Das Lied von Eis und Feuer
Varys will Jon überreden, den Thron anzustreben.(c) HBO/Sky (Helen Sloan)

"The greater the risk the greater the reward", hat Varys einem seiner "little birds" gesagt. Er war nicht gerade dezent mit seiner Intrige gegen die Königin. Daenerys erkennt, dass er sie verraten hat. Mit ein bisschen Hilfe von Tyrion (Sansa hatte recht: Tyrion hat Angst vor Daenerys). Seine Königin macht ihr Versprechen wahr: Sie lässt ihn verbrennen. Man darf damit rechnen, dass seine Briefe trotzdem ankommen. Für Jon Snow ist Varys' Exekution Schritt zwei der Entfremdung. Schritt eins war davor: Zwar hat er ihr zum ersten Mal gesagt, dass er sie liebe. Aber er will nicht mit ihr zusammen sein. Vermutlich, weil sie seine Tante ist - und sich mit seiner Familie nicht versteht. Wieder einmal streiten die beiden über Sansa (nein, niemand außer Daenerys ist auf sie böse, weil sie Jons Geheimnis verraten hat). Sie werde von den Menschen in Westeros nicht geliebt, beschwert sich Daenerys. Was ihr da noch bleibt? "I only have fear".

Game of Thrones - Das Lied von Eis und Feuer
Tyrion will die Stadt retten - und scheitert(c) HBO (Helen Sloan)

"The stupidest Lannister"

Nun wird also doch King's Landing angegriffen. Zuvor befreit Tyrion noch Jaime, den Daenerys' Truppen aufgegriffen haben ("The stupidest Lannister", wie Cersei weiß). Die Szene zwischen den beiden ist vielleicht die beste der Folge, auch dank Tyrion-Darsteller Peter Dinklage. "You were the only one who didn't treat me like a monster", sagt Tyrion zu seinem großen Bruder und man möchte ihn umarmen - und verzeiht fast, dass Jaime Brienne verlassen hat, um seine Charakterentwicklung wieder rückgängig zu machen und zu Cersei zu gehen.

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Die Schlacht um King's Landing wird brutal(c) HBO/Sky (Helen Sloan)

Beim Angriff auf King's Landing leidet die Logik dann ganz arg. Drachenbruder Rhaegal wurde vom Pfeil einer Riesenarmbrust (genannt Skorpion) getötet? Egal. Drogon braucht keine Rüstung oder den Schutz der Nacht. Er fliegt einfach tief und brennt alle Skorpione, die die Stadt wie ein Ring umfassen, nieder. Ebenso die Flotte von Euron Greyjoy, der seit der letzten Folge verlernt hat zu zielen. Wieso das plötzlich so einfach geht? Weil es das Drehbuch sagt.

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Kann nicht mehr zielen: Euron Greyjoy(c) HBO/Sky (Helen Sloan)

Die Armee der Unsullied ist wieder angewachsen, die Dothraki wurden doch nicht alle von den White Walkern getötet. Und Drogon kennt keine Ermüdungserscheinungen und seine Feuerkraft ist größer denn je: Ein "Dracarys" sprengt die meterdicken Stadtmauern und tötet beinahe die gesamte Söldnerarmee von Cersei, die Golden Company.

Die Münze flog doch auf die "falsche" Seite

Tyrions Plan, die Einwohner zu verschonen, wenn die Glocken läuten, geht natürlich nicht auf. Daenerys hört die Glocken läuten und brennt die Millionenstadt dann trotzdem nieder. Warum? Man weiß es nicht, man sieht sie nur einmal: Wütend, die Augen voller Tränen und wild entschlossen. "Every time a Targaryen is born, god flips a coin", erinnert uns Varys am Anfang. Sieben Staffeln lange wurde den Zuschauern vorgemacht, dass die Münze auf die "richtige" Seite gefallen ist - zumindest im Großen und Ganzen, sie hatte ja immer einen Hang dazu, ihre Feinde zu verbrennen. In Staffel acht zählt das nicht mehr. Daenerys hat einst Sklaven befreit? Jetzt verbrennt sie Zivilisten in den Straßen, lässt ihre Häuser einstürzen, gibt ihnen keine Chance auf Flucht. Da und dort explodieren noch Wildfire-Depots, die ihr Vater einst unter der Stadt hat verteilen lassen. Einst war Daenerys "Mhysa", nun wird sie "Queen of the ashes" sein.

Und warum? Die Burg "Red Keep" ist so schön exponiert, Cersei hat die gesamte Staffel schon nicht zu tun außer am Fenster zu stehen. Wieso fliegt Daenerys mit Drogon nicht gleich zur Burg und brennt diese samt der Königin nieder? Wieso hat sie das nicht schon vor eineinhalb Staffeln getan, als sie noch drei Drachen hatte? Egal. Hauptsache Spektakel. Hauptsache Gemetzel.

Wo ist Cersei?

Hauptsache Action. Jaime will Cersei (und ihr ungeborenes Kind) retten gehen, da kriecht Euron aus dem Wasser und die beiden haben nichts besseres zu tun, als gegeneinander zu kämpfen. Trotz zweier Bauchstiche erklimmt Jaime die Burg, nur um dann im Keller gemeinsam mit der ungewohnt weinerlichen Cersei zu sterben (mutmaßlich).

Hatte diese Staffel wirklich kaum was zu tun: Cersei (Lena Headey). Müssen wir uns jetzt von ihr verabschieden?(c) HBO

"The iron fleet will save us", sagt sie vorher noch am Balkon stehend, als die Schlacht um King's Landing längst verloren ist. Schau mal beim anderen Fenster raus, Cersei: die Iron Fleet brennt! Wo ist die Frau, die Littlefinger einst demonstrierte, dass nur Macht wirklich Macht sei. Die eine Kirche in die Luft gesprengt hat, um ihre Feinde loszuwerden?

Endlich gab es den "Cleganebowl"

Enttäuschend fand ich auch den lange erwarteten "Cleganebowl", aber ich war nie so ein Fan davon: The Hound und sein Bruder The Mountain bekämpfen einander also endlich. Auf einer Stiege, in der einstürzenden Burg Red Keep, ehe sie gemeinsam in die Flammen stürzen. Zuvor hat der Hound noch Arya weggeschickt, die Cersei von ihrer Liste abhaken wollte. "Sandor, thank you", sagt sie noch. Wofür genau jetzt? Vielleicht für die vielen guten Sager.

Game of Thrones - Das Lied von Eis und Feuer
Gregor und Sandor Clegane bekämpfen einander bis zum Tod(c) HBO

Aryas Weg durch die Straßen ist der intensivste Teil der Folge. Hier wird das Ausmaß der Zerstörung wirklich spürbar. Diese Enge und die Beklemmung zu zeigen - das gelang Regisseur Miguel Sapochnik schon in "Battle of the Bastards" gut. Fast glaubt man, Arya würde auf Jon treffen. Der ruft zum Rückzug aus der Stadt - und vielleicht auch von seiner Königin, der er am Anfang der Folge noch die Treue schwor. Schritt drei der Entfremdung. Vielleicht ist das der letzte.

Zitate der Woche:

Insgesamt wenig gute Sager diese Woche

Varys zu Jon: "Men decide where power resides, whether or not they know it." (Wir gehen davor aus, dass er "men" im Sinne von Menschen gemeint hat, nicht im Sinne von Männer.)

Game of Thrones - Das Lied von Eis und Feuer
Tyrion ist erschüttert angesichts der Zerstörung(c) HBO

Nachtrag zu letzter Woche:

Der Abschied Jons von Ghost war wirklich traurig weil so wenig emotional. Und Jon wollte Rhaegal mitnehmen auf seinen Weg in den Süden, das sieht man bei der Besprechung - Grey Worm war dagegen.

Nachtrag zur aktuellen Folge:

  • Wieso will Jon nicht mehr mit Daenerys zusammen sein - und wieso erklärt er das nicht? Was ist an einem „because you're my aunt", so schwierig auszusprechen?
  • Wen hat Arya im Ascheregen auch an die Bilder von 9/11 erinnert?

>> „Die Presse“ bloggt zu jeder Folge der neuen Staffel:  DiePresse.com/gameofthrones

 

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