Eine Klangreise mit einem Hexenmeister

Oleg Maisenberg ergründete die Möglichkeiten der Tonart c-Moll und zauberte impressionistische Farben.

„Wenn jemand eine Reise thut, so kann er was verzählen“, wusste bereits Matthias Claudius. Oleg Maisenberg begibt sich stets auf Reisen jenseits ausgetretener Interpretationspfade, ergründet die Atmosphäre eines Stückes oder einer Komponistenpersönlichkeit neu. Nie ahnt man, wo man ankommen wird. Das verleiht seinem Spiel Spannung und Authentizität und verführt das Publikum zu Abenteuern. Wie meinte Mauricio Kagel? „Musik hören ist nicht schwer – es sei denn, man hört zu.“

Im Mozart-Saal gab es am Mittwoch viel zu hören, viel zu „verzählen“. Etwa zur Bedeutung der Charaktertonart c-Moll zur Zeit der Wiener Klassik. In Maisenbergs verinnerlichter Darstellung von Mozarts Fantasie (KV 475) ergibt sich ein Minidrama in „Don Giovanni“-Dimensionen. Jahrzehnte später drohen in Schuberts c-Moll-Sonate aus dem Todesjahr 1828 Gefahren und Gefährdungen unter scheinbar idyllischer Oberfläche.

Nicht umsonst hat Maisenberg 1967 beim Wiener Schubert-Wettbewerb einen Preis gewonnen, lebt seit 1981 in Wien und beweist seit Langem seine Schubert-Kompetenz, weil er eben nicht wie viele seiner Kollegen die Tasten mit Samtpfoten streichelt. Er zeigt im Menuett auch Sinn für das Spiel mit Klischees oder später für das Experiment eines neuen Zeitbegriffs, wenn sich der Rondorhythmus nahezu endlos fortspinnt.

Nach der Pause schlug mit Charakter- und Stimmungsmalereien die Stunde des Magiers von Klang- und Tonabmischungen – mit einem Endloskatalog technischer Tricks. Nicht nur Obertöne machen hier die Musik, ebenso Anschlag, Instinkt und Raffinement. Chopins fragiles Fis-Dur-Nocturne (op. 15/2) darf da neben Debussys „Estampes“ und aufregenden Skrjabin-Miniaturen glanzvoll bestehen. Jubel für einen Großen.