Hallo, Nachbar! Wer wohnt gleich hinter der nächsten Tür?

Keine Spionage mehr: Nachbarschaftsnetzwerke erfreuen sich großer Beliebtheit.
Keine Spionage mehr: Nachbarschaftsnetzwerke erfreuen sich großer Beliebtheit.Pixabay

Auch in den Städten wollen längst nicht alle anonym wohnen. Studien zeigen, dass die Österreicher durchaus Interesse an den Menschen nebenan haben, entsprechende Netzwerke erfreuen sich regen Zulaufs.

"Gott weiß alles, aber die Nachbarn wissen mehr“: Wer die alte Redensart für überholt hält und glaubt, dass sich vor allem in den Städten niemand mehr dafür interessiert, was hinter der nächsten Tür passiert, irrt. Das zeigen nicht nur aktuelle Studien, das zeigt auch der Erfolg neuer Online-Nachbarschaftsnetzwerke, die seit Kurzem vor allem im urbanen Bereich florieren.


Recherche im Netz


Die Mehrheit der Österreicher ist allerdings grundsätzlich der Meinung, dass es sie nichts angeht, was der Typ von der Sechserstiege beruflich macht oder ob das Pärchen nebenan überhaupt verheiratet ist. Zumindest geben sie das bei einer aktuellen repräsentativen Umfrage von immowelt.at an: 67 Prozent verzichten ihren Aussagen zufolge deshalb darauf, im Internet den lieben Nachbarn hinterherzuspionieren, weitere 18 Prozent sind einfach nicht daran interessiert, mit wem sie Tür an Tür wohnen. Die verbleibenden 15 Prozent haben dagegen durchaus reges Interesse an den Nachbarn und nutzen das Netz, um mehr über sie herauszufinden. 72 Prozent von ihnen nutzen dafür Google, Bing oder Yahoo; 62 Prozent schauen, wessen Facebook-Profil öffentlich ist, und 16 Prozent, was für Bilder die Nachbarn denn so auf Instagram posten. Womit sich meist Dinge wie der Beziehungsstatus, das Geburtsdatum oder die letzten Urlaubsdestinationen herausfinden lassen. Um die Neugier in Sachen Beruf zu befriedigen, werden dagegen von 17 Prozent der Interessierten gezielt Netzwerke wie LinkedIn oder Xing bemüht. Die Grenze ist aber für die meisten dort erreicht, wo es um das Ausspionieren des Liebeslebens geht, weshalb fast alle Befragten zumindest angegeben haben, dass Dating-Apps wie Tinder nicht in Sachen Nachbarschaft durchsucht werden.

Wer ist neugieriger - Frauen oder Männer?

Überraschend ist dagegen der Vergleich zwischen den Geschlechtern. Das Klischee, dass Frauen so viel neugieriger seien als Männer, findet sich in der Umfrage nicht bestätigt: Hier stehen 13 Prozent weiblichen Informationssuchenden 17 Prozent männliche gegenüber. Am größten ist das Interesse in Haushalten mit Kindern: In diesen interessieren sich 19 Prozent dafür, wem der Nachwuchs denn vielleicht im Stiegenhaus begegnen könnte.

Netzwerken

Wie groß das Interesse an einer gelebten Nachbarschaft abseits allfälliger Spionagetätigkeiten ist, zeigt sich an dem Erfolg von Nachbarschaftsnetzwerken wie FragNebenan.at, deren Mitgliederzahlen kontinuierlich steigen. 2013 in Wien gegründet, hat der Österreich-Ableger der deutschen Plattform FragNebenan.de inzwischen 67.000 Mitglieder, Tendenz weiter steigend. Vor allen in den Städten ist die Nachfrage hoch, wie Plattform-Sprecherin Veronika Mench berichtet: „Den größten Teil unserer Mitglieder haben wir natürlich in Wien, aber wir versuchen, alle großen Städte abzudecken.“

Nachbarschaftshilfe

Wobei die Netzwerke erst ab 5000 Mitgliedern pro Stadt aktiv werden, die im ländlichen Raum oft schwer bis gar nicht zusammenzubringen sind. Allerdings sei der Bedarf auch davon unabhängig auf dem Land weniger vorhanden, weil dort das Thema Nachbarschaft augenscheinlich ohnehin offline noch stärker gelebt wird. Im urbanen Raum herrscht aber reges Interesse daran, sich mit den Nachbarn zu vernetzten und einander auszuhelfen, wie die Umfragen der Plattform zeigen. Laut diesen haben im vergangenen Jahr gut 40 Prozent der dort vernetzten Mitglieder für Nachbarn Pflanzen gegossen und den Postkasten geleert; 23,3 Prozent haben während der Abwesenheit der Nachbarn deren Haustiere versorgt – und eine weitaus größere Zahl wäre bereit dazu, bei diesen Dingen auszuhelfen. Außerdem borgt man einander innerhalb der Nachbarschaft – vernetzt werden FragNebenan-Mitglieder im Umkreis von 750 Metern – Lebensmittel wie Eier und Milch oder Handwerkszeug. „Das funktioniert grundsätzlich gut, hängt aber immer auch ein bisschen von der Gegend ab“, weiß Mench.

Gemeinschaft stärken

Grundsätzlich gehe es außerdem darum, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und den Menschen die Vorteile ihre Grätzels bewusst zu machen. Was bisher in Österreich auch recht friktionsfrei funktioniert, wie Mench berichtet. Die meisten Mitglieder seien sehr engagiert und idealistisch; wenn überhaupt, schwärze man Nachbarn nur per Mail an das Plattform-Team an. Aber auch das komme sehr selten vor. Womit im internationalen Vergleich die Devise „Tu felix Austria“ zu gelten scheint, denn in anderen Ländern gibt es durchaus auch unschöne Entwicklungen zu beobachten. So berichteten deutsche und US-amerikanische Medien bereits über die Kehrseite der Medaille, wenn diese Netzwerke etwa dazu genutzt werden, um die Falschparker in der Nachbarschaft anzuprangern oder Mitglieder zu diffamieren. Denn auch wenn die Netzwerke online sind – anders als bei Facebook, Instagram oder Xing wohnen diese Kontakte eben gleich nebenan. (SMA)

Was Sie wissen sollten über  . . . Nachbarschaftsnetzwerke

Tipp 1: Wie es geht. Plattformen wie FragNebenan.at vernetzen Nachbarn in einem Umfeld von 750 Metern direkt miteinander, für grätzelübergreifende Themen gibt es Gruppen, in denen man sich austauschen kann. Überprüft wird die Adressangabe durch das Zusenden einer Postkarte; überlegt wird derzeit auch die Möglichkeit, sich für den Arbeitsplatz freischalten zu lassen.
Tipp 2: Worauf man achten sollte. Da man sich in der Nachbarschaft buchstäblich nicht aus dem Weg gehen kann, sollte man sich gut überlegen, welche Daten man im Profil von sich preisgibt: Denn in Deutschland oder den USA haben sich inzwischen auch die Schattenseiten dieser Netzwerke gezeigt, indem Falschparker angeprangert werden oder Streitigkeiten eskalieren.