Vorarlberg, Mai 1919: Als es fast zum "Gsixit" kam

Einladung zu einer Diskussionsveranstaltung in Bern, unter Verwendung des Briefkopfs der Vereinigung Pro Vorarlberg, 1919. Redner war Gonzague de Reynold, Befürworter eines Beitritts von Vorarlberg.Schweizerische Nationalbibliothek

Vor 100 Jahren stimmten 81 Prozent der Vorarlberger einem Wechsel vom chaotischen, scheinbar hoffnungslosen Deutschösterreich zur reichen Schweiz zu. Daraus wurde nichts, was bis heute für gewissen Spott in Restösterreich sorgt. Dass man dort halt den Anschluss ans Deutsche Reich suchte, wird gern übersehen oder verdrängt.

Es war 1798, da hatten die Schweizer schon einmal die Chance: Damals schloss ein Emissär der gerade frisch gegründeten Helvetischen Republik, des so instabilen wie kurzlebigen französischen Vasallenstaates (1798 bis 1803), mit Frankreich einen Allianzvertrag, der einen geheimen Zusatz enthielt: Mehrere Gebiete sollten mit Hilfe der Franzosen an „Helvetien" fallen. Darunter Vorarlberg, das kleine österreichische Ländchen am Bodensee und östlich des Rheins, der dort Alpenrhein heißt.

Es gehe um die „Abrundung der Schweizer Grenze nach Osten", hieß es, und der so legendäre wie listige Außenminister Frankreichs, Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754-1838), betonte das Interesse seines revolutionären Landes daran, „aus wirtschaftlichen, geografischen und militärischen Gründen".

Indes, sein Chef – Napoleon Bonaparte – ließ die Sache bald wieder platzen: „Die Umstände erlauben es dem Ersten Konsul nicht, der Schweiz die Erwerbung Vorarlbergs zu verschaffen", ließ er im Sommer 1801 ausrichten, nachdem bis dahin nichts in dieser Richtung geschehen war. Zu verworren war Napoleon die Lage in der Schweiz, selbst die frankreichfreundlichen Kräfte waren in sich zerstritten. Zudem hatte kurz zuvor der Frieden von Lunéville den Zweiten Koalitionskrieg jedenfalls mit Hinsicht auf das Heilige Römische Reich bzw. Österreich beendet.

Karte der kurzlebigen Helvetischen Republik, Stand 1798/99. Rot markiert die heutigen Grenzen, Gebiete wie Graubünden ("Rhätien") und solche in der französischen Schweiz kamen damals bzw. später erst dazu. Rechts unmarkiert Vorarlberg und Tirol, im Norden das Heilige Römische Reich inklusive Gebieten Vorderösterreichs.
Karte der kurzlebigen Helvetischen Republik, Stand 1798/99. Rot markiert die heutigen Grenzen, Gebiete wie Graubünden ("Rhätien") und solche in der französischen Schweiz kamen damals bzw. später erst dazu. Rechts unmarkiert Vorarlberg und Tirol, im Norden das Heilige Römische Reich inklusive Gebieten Vorderösterreichs.Marco Zanoli/Wikipedia CC BY-SA 4.0

Rund 120 Jahre später hatte die Eidgenossenschaft wieder die Chance, sich rechtsrheinisch um das Land bis zum Arlberg zu vergrößern, das der böhmische Romancier Alfred Meißner (1822-1885), der lange in Bregenz lebte und dort starb, anno 1878 treffend „österreichische Rheinprovinz" nannte. Ja das Völkchen der Vorarlberger, Schätzungen zufolge nur rund 130.000 bis 140.000, klopfte 1919 regelrecht an die eidgenössische Tür, wollte den Verband mit Österreich verlassen. Doch das kam wieder nicht zustande. Wieder vor allem wegen Frankreich. Und das kam so:

Der rapide Zerfall der Monarchie Ende 1918

Im Herbst 1918 war die jahrhundertealte Habsburgermonarchie nach vier Kriegsjahren zerbröselt. Kaiser Karl, auf dem Thron seit 1916, wollte am 16. Oktober mit dem „Völkermanifest" noch eine Art Föderation seiner 17 Kronländer der cisleithanischen Reichshälfte mit ihm als Herrscher anregen (die Länder der ungarischen Reichshälfte hatte man schon abgeschrieben); er rief seine Länder daher zur Gründung von Nationalparlamenten auf.

Das wurde freilich durchwegs als Erlaubnis zur Sezession gewertet und beschleunigte den Zerfall der Monarchie.

Vereinfachte Darstellung der Kronländer von 1867 bis 1918: (1) Böhmen; (2) Bukowina; (3) Kärnten; (4) Krain; (5) Dalmatien; (6) Galizien und Lodomerien; (7) Küstenland: ein Sonderfall, denn es sind eigentlich drei Kronländer: Görz und Gradisca, Istrien, Triest; (8) Österreich unter der Enns; (9) Mähren; (10) Salzburg; (11) Ober- und Niederschlesien; (12) Steiermark; (13) Tirol; (14) Österreich ob der Enns; (15) Vorarlberg. (16) und (17) zeigt die ungarische (transleithanische) Reichshälfte mit Ungarn sowie Kroatien und Slawonien; nicht erkennbar ist bei (17) der Spezialfall der Freistadt Fiume (Rijeka). (18) ist Bosnien-Herzegowina, besetzt ab 1878, annektiert 1908, und kein Kronland.Wikipedia/gemeinfrei

Die nichtdeutschen Länder bzw. Ethnien, von Tschechen und Polen bis hin zu Südslawen, riefen eigene Staaten aus oder schlossen sich anderen an. Die 208 deutschsprachigen Abgeordneten des Reichsrates in Wien gründeten am 21. Oktober im niederösterreichischen Landhaus in Wien die Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich, aus der am 30. Oktober eine Regierung hervorging, mit dem aus Mähren stammenden Sozialdemokraten Karl Renner (1870-1950) als Kanzler.

Die formelle Konstituierung Deutschösterreichs als Staat im Sinne des Völkerrechts war damit abgeschlossen, wobei die Grenzen aber noch unklar waren: Viele deutschsprachige Gebiete wurden gerade, oder wenig später, besetzt, etwa Südtirol von Italien, in Böhmen, Mähren und Schlesien durch die neu gegründete Tschechoslowakei und Polen. Das aber ist eine andere, sehr komplizierte Geschichte.

Deutschösterreich, wie es Ende Oktober 1918 von der Provisorischen Nationalversammlung in Wien beansprucht wurde.
Deutschösterreich, wie es Ende Oktober 1918 von der Provisorischen Nationalversammlung in Wien beansprucht wurde.Wikipedia/gemeinfrei

Die meisten Teil-Länder dieses Deutsch-Österreichs erachteten sich jedenfalls prinzipiell für autonom und wollten, wie es oft hieß, vorerst nur „provisorisch" an der Nationalversammlung in Wien mitwirken und sich eine Letztentscheidung über ihre Zukunft vorbehalten.

3. November 1918: Weg von Tirol 

Vorarlberg fällte am 3. November 1918 eine fundamentale Vorentscheidung, als im Hotel „Österreichischer Hof" am Bregenzer Hafen eine provisorische Landesversammlung zusammentrat. Heute steht das Bregenzer Kunsthaus an diesem Ort. Am selben Tag schloss das Armeekommando den Waffenstillstand mit der Entente. 

Der Ort der Vorarlberger Unabhängigkeitserklärung am 3. November 1918. Heute steht dort das Kunsthaus Bregenz. Links außerhalb des Bildes ist in kaum 100 Metern Entfernung der Hafen.
Der Ort der Vorarlberger Unabhängigkeitserklärung am 3. November 1918. Heute steht dort das Kunsthaus Bregenz. Links außerhalb des Bildes ist in kaum 100 Metern Entfernung der Hafen.Vorarlberger Landesarchiv

Die Versammlung bestand aus 30 Männern, die von den Parteien nach dem Ergebnis der Reichstagswahl 1911 nominiert waren (19 Christlichsoziale, sechs Deutschfreisinnige, fünf Sozialdemokraten) und nach kurzer, gelassener Beratung mit Hinsicht aufs Selbstbestimmungsrecht der Völker, das nicht zuletzt US-Präsident Woodrow Wilson (im Amt 1913-1921) proklamiert hatte, die Abspaltung Vorarlbergs aus dem Verbund mit Tirol erklärten. Man sei fortan „selbständiges Land im Rahmen des deutsch-österreichischen Staates".

Herrscher für Wien aus der späteren Schweiz

Wie war das noch einmal geschichtlich: Das Gebiet des heutigen Vorarlbergs war ab 1363 von den damals schon in Wien residierenden Habsburgern stückweise erworben worden; in besagtem Jahr fiel Tirol an den Habsburger-Herzog Rudolf IV. von Österreich (1339-1365). Er war schon in Wien geboren worden, sein Vater, Albrecht II. (1298-1358), noch im Stammsitz der Familie, der Habsburg im Aargau nordwestlich von Zürich in der Nordschweiz.

Die Habsburg im Aargau. Spötter meinen bis heute, die klugen Österreicher hätten sich jahrhundertelang von Schweizern regieren lassen. Aber lassen wir das, es stimmt von den Begrifflichkeiten schon nicht ganz.Roland Zumbuehl

Die Gebiete im Osten, also die Herzogtümer Österreich und Steiermark samt Krain, waren 1282 vom ersten Römisch-Deutschen König der Habsburger, Rudolf I. (1218-1291, König ab 1273), seinen Söhnen Albrecht I. und Rudolf als Lehen gegeben worden. Zwischen diesen neuen Landen im Osten und ihren Stammgebieten wollten die Habsburger naturgemäß eine Brücke bauen.

Letztere Stammgebiete waren die habsburgischen „Vorlande" bzw. „Vorderösterreich". Das war ein Flickerlteppich, zu dem über die Zeiten hinweg Territorien im Elsass, in Baden, Württemberg, Westbayern und Vorarlberg zählten, während jene in der heutigen Schweiz bald abfielen.

maria-theresia-hofburg.antonprock.at

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Vorderösterreich und Vorarlberg 1780
Vorderösterreich und Vorarlberg 1780Voyager/Wikipedia/CC BY-SA 3.0

Vorarlberg war lange in rund zwei Dutzend Kleinherrschaften zersplittert. Als politisch-topographischer Begriff taucht der Name erst Anfang des 18. Jahrhunderts auf. Von einem beginnenden Landesbewusstsein, das die vielen Flecken zwischen Bodensee, Bregenzerwald, Walgau und Montafon überspannt, meinen Historiker, könne man frühestens ab den Napoleonischen Kriegen sprechen.

Politische Karte der Herrschaften und freien Gemeinden Vorarlbergs 1783Gemeinfrei

Im Zuge dieser bekam das Ländle seine heutige Außengrenze (Gebiete im Norden fielen damals an Bayern). Auch im Inneren dauerte die Landesformierung Jahrhunderte: So kam die Grafschaft Hohenems erst 1765 zu Habsburg bzw. Vorarlberg, die Rheingemeinde Lustenau, seit dem 9. Jahrhundert als „Freier Reichshof" ein reichsunmittelbares Gebiet, erst 1830.

Die habsburgischen Vögte und lokalen Ämter unterstanden im Lauf der Zeit höheren Verwaltungsebenen in Ensisheim nahe Mülhausen (Elsass), Freiburg im Breisgau und Konstanz, meistens jedoch jener für Tirol (und fürs übrige Vorderösterreich bis zu dessen Ende 1805) in Innsbruck. 1750 wurde ein „Oberamt Bregenz" nur für das damalige Vorarlberg zwischengeschaltet. Damit erschien Vorarlberg erstmals als verwaltungsmäßige Einheit, wenngleich von untergeordnetem Range.

1861: erstmals eigenes Erbland

Gewisse Bestrebungen zur Sezession aus dem Verbund mit der Grafschaft Tirol gab es spätestens im Revolutionsjahr 1848. Im Februarpatent 1861 verfügte Kaiser Franz Josef (1830-1916, Regierung seit 1848) einheitliche Landesordnungen für seine Erblande. Vorarlberg wurde zu einem solchen erklärt und von Tirol getrennt. Allerdings nur mit halber Kraft: Im April 1861 konnte sich zwar ein eigener Landtag im Sinn einer dauerhaften Institution plus Landesregierung konstituieren (Landtage im Sinne von Zusammenkünften von Vertretern der vielen Herrschaften gab es seit Jahrhunderten, aber in der Regel nur einmal im Jahr oder bei Bedarf).

Aber die Kompetenzen der neuen Organe waren bescheiden, etwa Landwirtschaft, Landesbauten. Und in Innsbruck war weiter die kaiserliche Statthalterei für die meisten Agenden auch bis Rhein und Bodensee zuständig.

Otto Ender, undatierte Aufnahme, wohl in den 1920ern.geschichtewiki.wien.gv.at

All das endete wie gesagt im November 1918. Als Chef des neuen Landesrates (der Regierung) von Vorarlberg wurde bei der Sitzung der provisorischen Landesversammlung Otto Ender bestimmt, ein 43-jähriger, wohlbestallter Anwalt aus Altach, der in Bregenz lebte und unter anderem Oberdirektor der Landes-Hypothekenbank war.

Man forderte die Loyalität der lokalen österreichischen Behörden und Sicherheitskräfte ein. Das Staatsamt für Inneres (Innenministerium) in Wien verfügte tatsächlich am 19. November das Ende der Zuständigkeit der Innsbrucker Statthalterei für Vorarlberg. Letzter Statthalter, quasi Gouverneur, war Rudolf von Meran (1872-1959), ein gebürtiger Steirer.

Doch die neue Selbstständigkeit stand vor dem Hintergrund eines verlorenen Krieges, extremer Armut, dem Kollaps der Behörden, Warenknappheit und genereller Unsicherheit, auch wegen der Umtriebe kommunistischer Räte und soldatischer Banden im nahen Bayern.

Kaiser Karl dankte am 11. November ab. Am folgenden Tag rief die Nationalversammlung in Wien formell den Staat Deutschösterreich aus und verfügte im Gesetz über die Staats- und Regierungsform, dass Deutschösterreich Teil Deutschlands sei und der dortigen Republik beitreten werde (in Wahrheit blieb Deutschland als Republik weiter ein Reich - das formuliert auch die Weimarer Reichsverfassung von 1919, wird aber gerne übersehn, weil es so nach Kaiser und Imperium klingt).

Lebensfähig?

Es glaubte eben kaum jemand, dass der neue Kleinstaat lebensfähig ist. Zwar lag auch Deutschland menschlich, wirtschaftlich und finanziell ausgeblutet am Boden, aber allgemein dachte man zu Recht, dass sich das große, hoch entwickelte Land einmal erfangen werde.

Anstehen für Lebensmittel vor der Bäckerei Spiegel in Dornbirn.Stadtarchiv Dornbirn

Dass dort indes die seit 9. November amtierende sozialdemokratische Regierung zum auch amtlich vorgetragenen Beitrittswerben aus dem Süden für längere Zeit eisig schwieg, war sowohl dem Chaos, der Not, internen Kämpfen samt großräumiger Bürgerkriegsgefahr sowie Diplomaten und Politikern zuzuschreiben, die vor einer verfrühten Aufnahme Österreichs warnten: Deutschland würde auf einige Zeit vom Wohlwollen und materieller Hilfe der Sieger abhängig sein, einen strategischen Akt wie die Aufnahme eines anderen Landes konnte man auch mit Hinsicht auf einen Friedensvertrag nicht wagen und es sich wirtschaftlich und organisatorisch vorerst nicht leisten.

Da und dort, etwa in Tirol, gab es in Deutschösterreich auch Stimmen, die sich für eine regionale Sezession von Deutschösterreich und einen Anschluss an Deutschland auf direktem Weg aussprachen: Manche in Tirol wollten sich „nicht an Wien binden", berichtet die „Neue Freie Presse" am 20. November.

Ein „Luschnuoar" sieht einen Sonderweg

Für Vorarlberg sieht jemand noch eine Option: Der Lustenauer Ferdinand Riedmann (1886-1968), Sohn eines Hafnermeisters, eines von neun Kindern. Ein Lehrer und Kinobesitzer, der 1914 als Reserveleutnant für den Kaiser in den Krieg gezogen und Anfang November 1918 zurückgekehrt war, über Linz von der Front mit Italien. Dass jemand, der seit 1914 auch an der Front im Kriegseinsatz war, zurückkehrte, noch dazu gesund, war damals nicht so wahrscheinlich.

Ferdinand Riedmann mit seiner Frau Karolina 1912, noch als stolzer österreichischer Leutnant der Reserve.Aus: Geschichte Vorarlbergs, Teil 3, Meinrad Pichler, 2015, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck.

Er findet, Vorarlberg solle zur Schweiz gehen, die er als Bewohner des unmittelbaren Grenzstreifens am Rhein und wegen Verwandt- und Bekanntschaften dort drüben sehr gut kennt, die vom Krieg verschont und trotz einiger Härten und Probleme reich genug blieb, um Züge mit Hilfsgütern, vor allem Nahrung, nach Vorarlberg und anderen Teilen Österreichs zu bringen.

Die Schweiz liegt sichtlich offen jenseits des Rheins, Restösterreich abgetrennt hinter dunklen Bergen. Riedmann lobt das Schweizer Modell der Demokratie und des Wirtschaftens. Und findet, dass Vorarlberger und Schweizer im Umweg über eine im Kern gemeinsame alemannisch/walserisch/rätisch- bzw. „germanisiert romanische" Abstammung ohnehin engere Verwandte bei Sprache, Kultur, Lebens- und Denkungsart seien als im Vergleich zu den bajuwarisch- und slawischstämmigen Österreichern östlich des Arlbergs.

Die Schweiz-Welle hebt an

Am 13. November hält Riedmann in seinem Kino, das es noch heute gibt, einen Vortrag. Er ist sprachlich extrem beschlagen und kann mitreißen. Und wenn er später auch noch auf „die Wiener Juden" schimpft, von denen man hier nichts wissen wolle, und dass Wien (ein christlichsozialer Politiker nennt es „Skandalizien") die Vorarlberger angeblich „nicht kennt", rennt er offene Türen ein.

Riedmann als junger Volksschullehrer in Alberschwende, BregenzerwaldVorarlberg Chronik/Land Vorarlberg

Schnell bildet sich ein „Werbeausschuss" für einen Schweiz-Anschluss, der rasch Ableger in vielen Orten hervorbringt und Massenveranstaltungen bewirkt. Eine Welle der Begeisterung fürs „gelobte Land" hebt an. Im Jänner 1919 ergibt eine privat organisierte  Volksbefragung im nördlichen Rheintal Mehrheiten von mehr als 90 Prozent, dann sammeln Riedmanns Leute, zu deren Führungsebene unter anderen Bauern, Kleinfabrikanten, Baumeister und weitere Lehrer dazustoßen, bis Februar rund 40.300 Unterschriften pro Schweiz. Angesichts von 70.505 für die kommende Landtagswahl Ende April Stimmberechtigten sind das 57 Prozent.

Nachdem die Liste Landeshauptmann Ender am 1. März übergeben wird, sieht dieser ein, dass die Sache vor die provisorische Landesversammlung muss. Er steht dabei der Bewegung skeptisch gegenüber, will nichts überstürzen und die Landtagswahl abwarten. Tendenziell scheint er für einen Verbleib bei Deutschösterreich zu sein, allerdings bei einem, bei dem die Länder wirklich stark sind, also eher einer Konföderation als einem Bundestaat.

Das Bremsen der Elite  

Das Bremsen Enders wird symptomatisch für Vertreter der kleinen bürgerlichen Elite gewesen sein. Mit Riedmanns Schweiz-Vision wenig glücklich waren laut dem Historiker Meinrad Pichler nämlich etwa Vermögende wie Anwälte, Ärzte und Ingenieure, denen die Kriegsnot weniger zusetzte und die mehr nach Deutschland blickten; die meisten Offiziere, Beamten und Justizbediensteten wegen ihrer gewohnten Loyalität zu alten Strukturen und der Sorge um ihre Pensionen; Geistliche, weil ihnen die protestantische Konkurrenz in der Schweiz missfiel; und viele der größeren Unternehmer, vor allem der dominanten Textil- und Holzindustrie: Das gebe es in der Schweiz zur Genüge, die Textilindustrie befände sich dort zudem in einem Schrumpfungsprozess, hieß es. Vorarlberg brächte also wenig neues mit und werde wohl Betriebe angesichts einer neuen Binnenkonkurrenz schließen müssen.

Der deutsche Markt sei viel größer, nicht gesättigt, und die Situation der Industrie vor allem in Süddeutschland besser als in der Schweiz.

Die Schwabenkapitel

Fabrikanten waren folglich unter den mächtigsten Protagonisten einer Alternativbewegung, die sich „Schwabenkapitel" nannte, von Deutschnationalen und Sozialdemokraten getragen wurde und ihren Ursprung in der Region Schwaben in Südwestdeutschland hatte. Im Süden Deutschlands gab es ohnehin Gedanken, einen eigenen, süddeutschen Staat zu gründen, um der preußischen Vormacht zu entfliehen.

Die Schwabenkapitel warben nun aus wirtschaftlichen Gründen für eine Trennung Vorarlbergs von Deutschösterreich und den Anschluss an Deutschland. Aus ethnisch-nationalistischen Gründen allerdings in der konkreten Form, dass Vorarlberg zusammen mit den schwäbischen Regionen von Baden, Württemberg und Westbayern quasi eine verkleinerte Neuauflage des mittelalterlichen Stammesherzogtums Schwaben, lange als „Alamannien" bekannt, bilden solle.

Herzogtum Alamannien (hier mit dem Elsass) und Hochburgund im 10. und 11. Jahrhundert.Marco Zanoli/Wikipedia/CC BY-SA 4.0

Die Schweiz sei Vorarlberg ethnisch-kulturell zwar verwandter, aber ein nur scheinbar freier Vasallenstaat Frankreichs. Und ja: In der Schweiz würden ohnehin zu viele Juden an den Schalthebeln sitzen, sagen manche deutschfreundliche Protagonisten. Hier ein Link zu einem Flugblatt der Schwabenkapitel, dessen Text man dort vergrößert durch eine Lupe lesen kann.

Die Sozialisten wiederum erhoffen durch einen Anschluss an Deutschland auch eine Fortsetzung der Revolution und Umgestaltung der Gesellschaft. Dieses Motiv war auch jenes ihrer Genossen anderswo in Deutschösterreich, speziell in Wien.

Umgekehrt konnte Schweizwerber Riedmann auf die große Masse des Volkes setzen, auf die Bauern, Handwerker, Arbeiter, Knechte, gewerblichen Mittelständler und Händler etwa, also auf jene Schichten, die am meisten unter dem Krieg gelitten hatten.

Enders Rede vom 15. März 1919

Otto Ender sprach nun am 15. März vor der Landesversammlung und legte Möglichkeiten einer staatlichen Orientierung dar (am selben Tag wurde von der nunmehr Konstituierenden Nationalversammlung in Wien die zweite Regierung Renner angelobt, mit dem mächtigen christlichsozialen Klubchef Jodok Fink (1853-1929) als Vizekanzler, einem Landwirt aus Andelsbuch im Bregenzerwald.

Obwohl Ender, liest man seine Memoiren, sich nicht festlegen will, schimmert in der Rede nun doch zumindest keine Abneigung gegenüber einem Schweiz-Beitritt durch. Er argumentiert sogar geografisch, wirtschaftlich, historisch und ethnisch für die Schweiz, hält Vorarlberger für „demokratischer gesinnt als Tiroler" und Deutschösterreich für ein „unnatürliches", ressourcenarmes Gebilde, das einem „Komet" gleiche: „Die Stadt Wien ist der Kopf, das übrige der dünner bevölkerte Schweif dazu." Und dieses Gebilde könne leicht auseinanderfallen.

Schließe man sich der Schweiz an, werde man vermutlich schneller auf die Beine kommen als mit Österreich und sogar Deutschland. „Der Instinkt", so Ender, würde wohl „erstens in die Schweiz, dann nach Württemberg führen, weit eher als nach München-Bayern oder Wien-Österreich".

Doch er ahnt: „Können wir uns überhaupt frei entscheiden?" Deutsch-Österreich würde Vorarlberg zwar offenkundig gern behalten und ein Schwabenstaat gewiss übernehmen. In der Schweiz aber diskutiere man erst darüber. Und die Siegermächte könnten Vorarlberg wohl zuordnen, wem sie wollten.

Letztlich beschloss die Versammlung in Bregenz, zunächst den Landtag zu wählen. Sollte dieser dann beschließen, sich für ein anderes Staatswesen als Deutschösterreich zu entscheiden, würde eine Volksabstimmung nötig sein. Zuvor sollten aber Emissäre nach Wien, Deutschland und in die Schweiz reisen, um vorzufühlen.

Ein erster Dämpfer in Bern

Aus Letzterer kamen sie alsbald konsterniert zurück, denn die Regierung in Bern hatte sie nicht empfangen und das nicht begründet. Erst durch einen semioffiziellen Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung" vom 9. April erfuhr man, dass die Schweizer Regierung sich aus Gründen der Nichteinmischung nicht zu den Aspirationen der Vorarlberger äußern könne. Sollten sich die Menschen aber in einer amtlichen und unverbindlichen Befragung pro Schweiz erklären, wären Schweizer und Vorarlberger Behörden zu Gesprächen legitimiert.

Wenig später beantragt Riedmanns Werbeausschuss bei der Landesregierung, so eine Befragung anzusetzen. Und die Provisorische Landesversammlung stimmt dem ganz kurz vor der Volkswahl zum Landtag Ende April auch zu. Die Landtagswahl ergibt dann 22 Sitze für Enders Christlichsoziale, 5 für die Sozialdemokraten, 2 für die Deutsche Volkspartei, einen für die Unabhängige Bauernpartei.

Man wolle dabei nur fragen, ob das Wahlvolk dem Grunde nach mit der Eröffnung von Beitrittsgesprächen zur Eidgenossenschaft einverstanden ist. Ein Beitritt bedürfe noch eines zweiten Referendums irgendwann (ein solches würde dann natürlich auch in der Schweiz nötig sein).

Felix CalonderGemeinfrei

Ender traf Anfang Mai in Bern den Schweizer Außenminister, Bundesrat Felix Calonder (1863-1952), einen Rätoromanen aus Scuol im Unterengadin nahe der Grenze zu Tirol und Vorarlberg, der einen Anschluss guthieß. Vorarlberg bliebe dann auch ungeteilt und würde ein vollwertiger Kanton, sagte er zu. Und weil Calonder im Fall eines positiven Referendums Verhandlungen versprach, setzte man die Abstimmung im Ländle eilig schon auf Sonntag, 11. Mai, fest.

Der Triumph eines Lehrers

Das Votum wurde zum Triumph für den Lustenauer Lehrer Riedmann: 80,7 Prozent der gültigen Stimmen waren pro Schweiz, eine sehr klare Aussage. Interessanterweise wurden und werden die genauen Zahlen bis heute oft falsch angegeben, selbst von Ender in seinen Memoiren. Wie Ulrich Nachbaur, Leiter des Vorarlberger Landesarchivs, der „Presse" anhand von damaligen Dokumenten der Behörden darlegt, gab es Fehler bei der Übertragung einiger Gemeindeergebnisse, die noch zu händischen Korrekturen schon gedruckter Kundmachungen führten, offenbar aber nicht bei allen. Es ging aber nur um wenige hundert Stimmen. Letztlich gab es exakt 48.302 Ja- und 11.552 Nein-Stimmen.

Abstimmungsergebnis mit handschriftlichen Korrekturen.Vorarlberger Landesarchiv

In vielen Orten stimmten mehr als 90 Prozent mit Ja, oft waren es pro Ort weniger als zehn Nein. In Dünserberg (Bezirk Feldkirch) stand es sogar 65 zu Null. Nur die Industrie- und Eisenbahnerstadt Bludenz sowie die Wälderdörfer Hittisau und Bolgenach stimmten gegen die Schweiz (51,4%, 65,8%, 90,1%).

Interessante Zahlenspiele

Die Zahlen geben Anlass für interessante Vergleiche. Wie viele Einwohner Vorarlberg damals im Mai 1919 zunächst einmal hatte, ist laut Nachbaur nicht exakt bestimmbar. Bei der Zählung 1910 waren es etwa 145.000 gewesen, eine außerordentliche Zählung im Jänner 1920 ergab etwa 133.000, allerdings sind deren Daten fragwürdig. Vieles war im Fluss, Soldaten kamen erst heim (oder nicht), es gab viele Flüchtlinge und andere Ausländer in Vorarlberg sowie schwache Verwaltungsstrukturen.

Ender nannte später mehrfach die Zahl 140.000. Nachbaur geht für die folgenden Überlegungen von 130.000 aus (Österreich hatte damals wohl etwa 6,5 Millionen Bewohner).

Von den 130.000 also waren 70.505 stimmberechtigt, analog zur Landtagswahl im April. Man musste dazu Bürger Deutschösterreichs und in einer dessen Gemeinden heimatberechtigt sein, vor dem 1. Jänner das 20. Lebensjahr vollendet sowie den ordentlichen Wohnsitz in einer Gemeinde Vorarlbergs haben.

Stimmberechtigt waren am Ende nur 54,2 Prozent der Anwesenden, was eigentlich überraschend wenig wirkt, auch wenn man den gefühlsmäßigen Anteil von Kindern und Jugendlichen (es gibt keine Alterstrukturdaren von damals) abzieht. 

Die Sache wird noch interessanter: Gültig abgestimmt hatten 59.854 der 70.505, also 84,9 Prozent der Wahlberechtigten und nur 46 Prozent der Anwesenden. Die 48.302 Pro-Stimmen repräsentierten demnach zwar besagte 80,7 Prozent des Endvotums, aber nur 68,51 Prozent der Stimmberechtigten und 32,7 Prozent der anwesenden Bevölkerung.

Die auffallenden Differenzen zwischen Zahl der Bewohner, Wahlberechtigter und gültig Abstimmender erklärt Nachbaur vielfältig. Etwa durch das deutlich höhere Wahlalter von 20 Jahren (in Vorarlberg beträgt es heute 16 Jahre). Weiters hatte Vorarlberg in der Endphase der Monarchie neben Triest und Wien/Niederösterreich den größten Anteil an Ausländern, laut Zählung von 1910 waren es 8,6 Prozent.

Heimatberechtigt im Ländle selbst waren übrigens schon damals nur etwa 78 Prozent der Anwesenden. Ein wesentlicher Teil der Landesfremden waren Trientiner aus dem italienischsprechenden Teil Tirols und Italiener, gesamt mehr als fünf Prozent der Bevölkerung.

Hoher Ausländeranteil

Das starke Auseinanderklaffen zwischen Bevölkerungs- und Wahlberechtigtenzahl ist in Vorarlberg auch heute noch so: Bei der Landtagswahl 2014 waren laut Nachbaur rund 65 Prozent wahlberechtigt.

In der Schweiz war 1919 übrigens kaum ein Viertel der Einwohner wahlberechtigt. Hauptgrund: Die Frauen durften, anders als in Vorarlberg bzw. Deutschösterreich, nicht wählen. Sie wären also auch über eine Aufnahme Vorarlbergs gar nicht befragt worden.

Die 85-Prozent-Rate gültiger Stimmen, die angesichts von Wahlpflicht und eines potenziell folgenschweren Referendums mäßig scheint, war schließlich nur zu einem geringen Teil (zwei bis drei der 15 Prozentpunkte Differenz) leeren oder formal sonst ungültigen Stimmzetteln zuzuschreiben. Das Gros der rund 11.000 Nicht-Stimmer waren vielmehr je etwa zur Hälfte Vorarlberger Soldaten, die noch gefangen (etwa 3000), vermisst, gefallen und noch nicht für tot erklärt waren, sowie Bewohner von Bergregionen, die am Abstimmungstag, an dem übles Wetter herrschte, nicht zu den Urnen kommen konnten.

Die Winde drehten sich bald

Das Ergebnis der Abstimmung blähte die Segel der Riedmannschen Anschlussbewegung enorm auf. Die Sache schien nun entschieden, überall im Land gab es Freudenkundgebungen. Indes, die Winde würden sich alsbald drehen oder hatten das bereits im Hintergrund getan. So schrieb etwa der Verband der Vorarlberger Industriellen wenige Tage nach der Abstimmung einen Brief an die Regierung (den Bundesrat) in Bern, worin man von einem Anschluss abriet. Auch in der Schweiz wurden die mahnenden Stimmen lauter, doch dazu später.

S. 1 des Schreibens der Vorarlberger Landesregierung vom 12. bzw. 13. Mai 1919 an den Schweizer Außenminister Calonder.Vorarlberger Landesarchiv

Landeshauptmann Ender reiste bereits am 13. Mai mit der Delegation der Staatsregierung Deutschösterreichs per Eisenbahn von Feldkirch nach Paris, zu den mit Spannung und üblen Vorahnungen erwarteten Friedensgesprächen mit den Siegermächten.

Die Einladung, Vorarlberg solle einen Vertreter stellen, war erst einige Tage vor der Abstimmung gekommen, und diese schien Enders Absicht, die „Vorarlberg-Frage" bei den Gesprächen anzuschneiden, durch ihren klaren Ausgang auf ein eisernes Fundament der Beachtlichkeit zu stellen. Man hatte auch schon einen Brief mit dem Endergebnis des Votums an Calonder in Bern geschickt (siehe oben).

Deutschösterreichs Delegation in Paris, vorne 4. von links Kanzler Renner. Doch die große Frage an unsere Leser: Wo ist Ender? Ist er der Mann zwei Reihen oberhalb des Kanzlers und gleich links? Und wer ist die Frau in der Bildmitte oberhalb Renners in Weiß?rennermuseum.at

In Paris-Saint-Germain indes ließ man die Österreicher mehrere Wochen warten, oder schmoren, Kommunikation mit den Siegermächten war nur schriftlich möglich. Ender, der sich in den Unterkünften der Delegation angesichts von Stacheldrahtsperren und Wachsoldaten wie ein Gefangener und von neugierigen Parisern begafft fühlte, unterrichtete Staatskanzler Renner in einem Vortrag über die Abstimmung in Vorarlberg und Fragen der Geschichte, Wirtschaft, der sprachlichen und kulturellen Verhältnisse zwischen Vorarlberg und der Schweiz.

Ender bat, die Vorarlbergfrage bei den Alliierten anzusprechen. Er selbst konnte das nicht, denn vertretungsbefugt waren nur Renner sowie einige enge Berater des Kanzlers. Ender galt wie die übrigen Mitglieder der großen Abordnung nur als Experte mit internem Mitspracherecht.

Kampf um jeden Flecken Land

Der Kanzler aber ignorierte die Bitte, Vorarlberg „eine Türe offen zu halten", wie Ender schrieb. Bei einer Audienz am 30. Mai sagte Renner sogar ausdrücklich zu Ender, er könne die Vorarlbergfrage bei der Friedenskonferenz nicht anhängig machen, weil er doch um jedes Stück Land kämpfe. Man könne die Causa aber später, nach einem Friedensvertrag, einmal bilateral mit der Schweiz direkt anschneiden.

Tatsächlich war unter den Instruktionen für die Verhandler, die laut dem US-österreichischen Historiker Alfred D. Low (1913-2003) wohl von Außenminister Otto Bauer (1881-1938, Sozialdemokrat aus Wien) führend verfasst worden waren, die Weisung, dass man die Vertreter der (Bundes)Länder „unter allen Umständen daran hindern muss, eigene Politik zu machen". Man möge das Thema des Selbstbestimmungsrechtes auch nur maßvoll und in Hinsicht auf den Gesamtstaat artikulieren, mit Ausnahme eventuell für Deutsch-Böhmen, das Sudetenland und Südtirol, wobei man aber um Letzteres besonders kämpfen solle.

Es soll freilich nicht unerwähnt bleiben, dass Vizekanzler Fink, der in Paris nicht dabei war, ebenfalls für den deutsch-österreichischen Weg war. Der Vorarlberger Historiker Markus Barnay zitiert ihn mit den Worten: „Kommt Vorarlberg zur Schweiz, so kommt ein Bettler zum reichen Prasser, oder besser, wir heiraten als armer Mann eine reiche Frau und werden bis an ein seliges Ende die gleichen bösen Erfahrungen machen müssen."

Die Frage eines Anschlusses Deutschösterreichs an Deutschland, nach wie vor gesetzlich verankertes Ziel der Staatsregierung und mittlerweile auch von den Deutschen als solches gefördert, solle man freilich nicht aktiv vorbringen, hieß es in den Richtlinien. Sollten die Gegner das Thema anschneiden, möge man dabei verzögern, jedenfalls bis zur vertraglichen Regelung der sonstigen Gebiets- und Wirtschaftsfragen. Man solle dann aber eine spätere Volksabstimmung unter Aufsicht des Völkerbundes fordern.

Ender bat nach der Audienz bei Renner um Urlaub und fuhr frustriert nach Vorarlberg. „Kaum war ich heimgekehrt", so Ender, „erschien der Entwurf unseres Friedensvertrages. (...) Darin hieß es: ,Die Grenzen werden bestimmt wie folgt: Mit der Schweiz und Liechtenstein die gegenwärtige Grenze.'" Allerdings sei damit das Begehren Vorarlbergs noch nicht abgewiesen worden, denn „es lag bei den Ententemächten gar nicht vor." Ein Anschluss Österreichs an Deutschland wurde in dem Vertragsentwurf indes auch schon verunmöglicht.

Calonder will Wiens Sanktus 

Das hinhaltende Spiel der Staatsregierung mit Vorarlberg ging weiter. Darin wurde sie indirekt unterstützt, nachdem Ender am 10. Juni in Bern Außenminister Calonder getroffen und dabei schlechte Nachrichten bekommen hatte. Zwar, so sagte der onkelhafte Calonder, habe man eine Prüfungskommission eingesetzt. Doch müsse man schon auch wissen, wie eigentlich Wien zur Anschlussfrage denn stehe - und zwar konkret, ob die Regierung dort das Selbstbestimmungsrecht der Vorarlberger auch anerkenne.

"Das war nun neu und irgendwie enttäuschend", so Ender. Damit war der Anschluss eigentlich schon torpediert, denn die Schweizer wollten, wie Calonder später auch vor der Bundesversammlung betonte, sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen und eine Abspaltung gegen den Willen eines anderen Staates, also Deutschösterreichs, erzwingen.

Als die Vorarlberger Landesregierung Mitte Juni in Wien um die Anerkennung des Ländle-Selbstbestimmungsrechtes sowie dessen Geltendmachung gegenüber der Entente anfragte, kam von dort eine ausweichende Antwort. Man könne das Thema nach dem Friedensschluss vor dem Völkerbund im Einvernehmen mit der Schweiz aufwerfen; einer Absonderung ohne Einvernehmen könne aber die deutschösterreichische Regierung nicht zustimmen.

Und wie habt ihr's mit den Schulden?

Einer Abspaltung müsse auch die Nationalversammlung zustimmen. Und, ein Stich mit dem Florett: Bregenz möge doch mitteilen, „unter welchen Modalitäten" man ausscheiden wolle, speziell hinsichtlich einer anteilsmäßigen Übernahme der gigantischen Kriegs- und Staatsschulden Altösterreichs und der Republik.

Kalkulationen eines Schweizer Bankdirektors vom Sommer 1919 zufolge, die von Ender zitiert werden, würden auf Vorarlberg zwar nur etwa eine halbe Milliarde von 90 Milliarden (!) Kronen entfallen. Das aber war für das kleine Land dennoch erdrückend. Letztlich hätte die Schweiz sie wohl tragen müssen. Der Bankdirektor aus Schaffhausen schlug im Anschlussfall zur Tilgung niedrigverzinste Schweizer Anleihen von mindestens 25 Jahren Laufzeit und neue Steuern vor.

Das Hin und Her ging weiter, wobei Ender zwar auf die am 3. November erklärte Eigenstaatlichkeit Vorarlbergs und die nur vorläufige Teilnahme an Deutschösterreich verwies, gleichzeitig aber nicht mutig genug oder willens war, selbst an die Siegermächte heranzutreten. Auch eine formelle Sezession von Deutschösterreich, wie Riedmann ihm im Sinne eines Putsches vorschlug, wagte er nicht.

Die Werber telegrafieren an Clemenceau

Nach Massenkundgebungen pro Schweiz im August - Motto: „Frei sein und Schweizer!" - nahm der Werbeausschuss das Heft selbst in die Hand: Eine Delegation, darunter war freilich ein in Enders Anwaltei tätiger Jurist, fuhr demonstrativ nach Bern und gab dort ein Telegramm an Frankreichs Staatspräsidenten Georges Clemenceau (1841-1929) auf. Er fuhr unter den Siegermächten (primär USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan; daneben waren bei den Verhandlungen auch Assoziierte wie Australien, Belgien, Polen, die Tschechoslowakei, Kanada, Portugal, Griechenland und China vertreten) den härtesten Kurs bei der Abrechnung mit Deutschland und Österreich.

Georges Clemenceau
Georges ClemenceauDeutsches Bundesarchiv

In dem Text an Clemenceau hieß es, die Wiener Regierung verleugne das Selbstbestimmungsrecht der Völker, also bitte man darum, nach Paris kommen zu dürfen, um dieses Recht selbst einzufordern.

Auf diese Aktion folgte in Vorarlberg scharfer Protest der deutschfreundlichen Schwabenkapitel. Und sie wäre wirklich beinahe von Erfolg gekrönt gewesen: Die für die Gebietsaufteilungen zuständige alliierte Territorialkommission der Friedenskonferenz schlug in Folge nämlich tatsächlich eine Vertragsklausel vor, wonach Österreich Vorarlbergs Abtretung anerkenne, falls die Schweiz und Vorarlberg über eine Fusion einig würden.

Haarscharf das Ziel verfehlt

Renner sperrte sich erwartungsgemäß dagegen. Die Berner Tageszeitung „Der Bund" berichtete später unter Hinweis auf Quellen in Paris, Renner habe gedroht, dass die Absetzbewegung von Ländern in Österreich ausufern werde, sollten die Alliierten die Unionstendenzen Vorarlbergs und der Schweiz nicht eindämmen. Und: Die Stadt Wien wäre nach solchen Sezessionen „so isoliert, dass ein Verzweiflungsausbruch seiner Bevölkerung zu befürchten wäre".

Und so fiel der womöglich historisch folgenschwere Passus wieder aus dem Vertrag von Saint-Germain. Am 10. September unterschrieb ihn Österreichs Delegation. Er war knallhart, machte einen Anschluss an Deutschland sowie individuelle Sezessionen unmöglich und untersagte den Staatsnamen Deutschösterreich. Deutschland war eine Einverleibung Österreichs schon Monate zuvor durch den Vertrag von Versailles, unterschrieben am 28. Juni 1919, verboten worden.

Am 21. Oktober ratifizierte die Nationalversammlung den Vertrag von Saint-Germain, der Staatsname wurde in Republik Österreich geändert.

Vorarlbergfrage geht in Verlängerung

Trotz allem ging die Vorarlbergfrage aber noch in Verlängerung, was auch an der Schweiz lag. Dort waren nicht nur Außenminister Calonder, sondern viele weitere Politiker, Medien, Intellektuelle, Wirtschaftstreibende, Militärs und einfache Bürger dem Werben der „Verwandten" angetan. Unter dem Namen „Pro Vorarlberg" bildete sich 1919 ein Komitee, das Hilfslieferungen nach Vorarlberg und dessen Anschluss unterstützte und noch einige Jahre aktiv blieb.

Werbeplakat des Komitees "Pro Vorarlberg" 1919/20 des Schweizer Malers Jules Courvoisier.Vorarlberger Landesmuseum/Gemeinfrei

Verkehrspolitiker fanden, dass die Schweiz mit Vorarlberg ihre verkehrstechnische Vorrangstellung im Alpenraum ausbauen und auch die Arlbergachse, also den West-Ost-Verkehr, kontrollieren würde. Es gab Ideen eines Tunnels zwischen dem Montafon und Graubünden und damit einer Verknüpfung zur Arlbergbahn. Die Armee folgerte, man könne die Nordostgrenze besser abdichten und verteidigen, wenn sie durch die Berge an der Grenze von Vorarlberg zu Tirol und dem Allgäu verlaufe.

Sehr häufig waren ethnische Argumente, dass die „Stammesgenossen" zur Schweiz finden sollten - man konnte das bisweilen sogar überraschenderweise aus der frankofonen Schweiz hören, wo an sich Skepsis angesichts einer Vergrößerung des deutschsprachigen Anteils im Land herrschte, obwohl es auch dort Pro-Vorarlberg-Komitees gab: So war ein Anschlussbefürworter dort der rechtskonservative Schriftsteller und Professor Gonzague de Reynold (1880-1970) aus dem Kanton Freiburg, der allerdings ein Kritiker der Demokratie war und sich im Zweiten Weltkrieg für die Umwandlung des Landes in eine autoritäres System aussprechen sollte.

"Schieß- und jassfreudig"

Manche ethnisch-kulturellen Argumente waren richtig putzig: Ein von Meinrad Pichler zitierter, namentlich leider nicht genannter Pro-Vorarlberg-Aktivist warb in einer Broschüre damit, dass die Vorarlberger „ein Mischvolk wie jenes im Sankt Gallischen Rheintal und im Appenzellerland" seien, und „schieß- und jassfreudig" (Jassen ist ein im alemannischen Sprachraum und teils darüber hinaus beliebtes Kartenspiel - übrigens angeblich arabisch/nordafrikanischer Herkunft).

Viele hoben die Kleinheit des deutschsprachigen und - auch das war ein Diskussionsgrund - fast ausschließlich katholischen Zuwachses hervor: 1920 hatte die Schweiz etwa 3,9 Millionen Einwohner. Rund 130.000 Neuzugänge würden doch die oft beschworene religiöse und sprachliche Balance nicht wirklich stören.

1920 lebten laut Zählung rund 1,6 Millionen (41 Prozent) Katholiken im Land. Eine Zahl hinsichtlich der Muttersprache findet sich im Statistischen Jahrbuch 1920 nur für 1910: Da waren von etwa 3,75 Millionen Wohnbevölkerung 2,6 Millionen Deutschsprachige (69 Prozent). Beidesfalls hätten die Vorarlberger wohl wenig wirklich zu Ungunsten von französisch- und italienischsprachigen Schweizern geändert, denn die angenommenen 130.000 entsprachen 1920 doch nur 3,3 Prozent der Eidgenossen. Aber man diskutierte halt darüber.

Otto Ender zitiert einen Dr. Jakob Kläsi, der 1920 in einer in Zürich erschienenen Broschüre namens „Vorarlberg" zum Bedenken, dass der Schweiz „140.000 Katholiken zuwachsen" würden, schrieb: „Als ob uns nicht alle fünf bis sechs Jahre soviel Leute zuströmten, nur weniger anpassungsfähige und ohne das schöne Land. Als ob übrigens sich die Katholiken bis jetzt als die schlechteren Eidgenossen erwiesen hätten als wir Protestanten."

Bei Kläsi dürfte es sich (Ender erläutert das nicht) um den aus dem Kanton Glarus stammenden renommierten Psychiater und späteren Professor Jakob Kläsi (1883-1980) handeln, einen Protestanten, der die Schlafkur zur Behandlung der Schizophrenie propagierte; dabei wurden die Patienten mit Medikamenten tagelang schlafend gehalten. Die Todesrate war allerdings bei unzureichender Sorgfalt und Pflege mit etwa zehn Prozent der Patienten hoch.

Schweizer Angst vor Union Deutschland-Österreich

Viele Schweizer wollten durch eine Aufnahme Vorarlbergs auch ganz einfach dessen Zuschlag - individuell oder im Verband mit Deutschösterreich - an Deutschland verhindern. So etwas wollte die Schweizer Regierung auch nicht, weil man eine geografische Umklammerung durch Deutschland auch von Osten her fürchtete. Zahlreiche Zeitungen warnten davor, und dass eine Union Deutschland-Österreich einen Sogeffekt auf deutschschweizer Regionen im Norden und am Bodensee haben und somit die Schweiz destabilisieren könnte.

Der britische Botschafter in Bern berichtete im Februar 1919 nach London, Calonder habe ihm klipp und klar die „Angst" vor einer Union Deutschland-Österreich vermittelt, und dass auch die Tschechoslowakei damit fast umzingelt würde. Auch Vorarlberg oder Tirol allein wolle man nicht, hieß es später, mit Deutschland vereint sehen.

Klar gegen Vorarlbergs Aufnahme: Wirtschafts-Bundesrat Edmund Schulthess.Staatsarchiv Bern

Die Pro-Vorarlberg-Strömung konnte sich dennoch nicht durchsetzen. Dagegen wirkten erwähnte sprachlich-ethnisch-konfessionelle Bedenken, darin war sogar die Regierung uneins, wo unter anderem der mächtige, für Wirtschaft zuständige Bundesrat Edmund Schulthess (1868-1944) ablehnend eingestellt war.

Schweizer Industrielle, die in Vorarlberg aus Zollgründen Fabriken für den Markt in Österreich und (Süd)Osteuropa hatten, wollten diese durch einen Anschluss nicht wieder im Inland stehen sehen, zumal Vorarlberg für sie ein Billiglohnland war. Justament Schweizer Grenzorte am Rhein waren auch gegen einen Anschluss der Nachbarn jenseits davon: Eben wegen des Billiglohn- und Niedrigpreisstatus Vorarlbergs; in Buchs (allerdings von Vorarlberg getrennt durch Liechtenstein) sorgte man sich um den großen Grenzbahnhof mit Anschluss hinüber nach Feldkirch.

Letztlich war auch die Aussicht, hohe Schulden übernehmen zu müssen, abschreckend. Es gab Ängste, Italien würde einem Anschluss Vorarlbergs nur zustimmen, wenn es dafür Schweizer Gebiete, namentlich im Tessin, erhalte. Und im Hintergrund warnten deutsche Diplomaten die Schweiz, dass sie ja keine offizielle Werbekampagne für Vorarlberg wagen solle: Das würde „ungünstige Effekte" in Frankreich und der Schweiz selbst zeitigen.

Angst vor Zerfall Österreichs wegen Vorarlbergs

Mit dem Vertrag von Saint-Germain schien im Effekt zwar die Sache erledigt: Historiker Low meint, dass das Hauptmotiv der Siegermächte, Vorarlberg bei Österreich zu belassen, tatsächlich aus der von Renner vermittelten Zerfallsangst bezüglich des gesamten Staates genährt wurde: „Vorarlbergs Union mit der Schweiz wurde aus Furcht verboten, dass der deutschsprachige Rest der Habsburgermonarchie zerfalle, hätte man Vorarlberg so einen gefährlichen Präzedenzfall erlaubt."

Aber wie gesagt, es gab noch ein Nachspiel, denn erloschen war die schweizinterne Debatte durch Saint-Germain nicht. Und in Vorarlberg setzte man auf den im Jänner 1920 neu gegründeten Völkerbund: Hatte nicht Kanzler Renner selbst gesagt, man könnte nach einem Frieden die Vorarlbergfrage dort vielleicht aufrollen?

Renner telegrafierte im Dezember 1919 nach Bregenz, dass die Regierung Vorarlberg keinen „gesetzlichen Weg verschließen" werde. Man werde einen Antrag bezüglich eines Schweizanschlusses durchaus an den Völkerbund in Genf übermitteln - freilich samt einer Äußerung zur Wahrung der Interessen Österreichs. Es war klar, dass diese ablehnend sein würde.

Im selben Monat forderte übrigens der Tiroler Landtag in Innsbruck angesichts der extremen Notlage einen Zusammenschluss mit Deutschland jedenfalls als Wirtschaftsraum.

Clemenceau sagt Nein

Zufälligerweise war Renner in diesen Tagen in Paris. Als man das im Ländle erfuhr, erging an ihn sofort ein Telegramm mit der Aufforderung, Renner solle vor Clemenceau und/oder dem Obersten Rat der Alliierten die Vorarlbergfrage ansprechen. Am 14. Dezember hatten Renner und Clemenceau eine Unterredung. Drei Tage später übermittelte Letzterer dem Kanzler eine Note: „Die alliierten und assoziierten Mächte anerkennen die Bestrebungen von Vorarlberg, Salzburg, Tirol usw. nicht. Die Integrität Österreichs muss gewahrt werden, sonst ist das Gleichgewicht in Europa gestört."

Inwieweit Renner der Bitte aus Bregenz nachgekommen war oder sich nicht eher um eine Ablehnung seitens der Alliierten bemüht hat, ist unbekannt. Jedenfalls war die Abfuhr eindeutig.

Im Monat zuvor hatte Calonder im Schweizer Ständerat erklärt, dass man angesichts der ablehnenden Positionen in Wien und seitens der Alliierten keine offiziöse Stellungnahme pro oder kontra Anschluss machen wolle. Sollte sich aber Vorarlberg von Österreich lösen, würde man den Wunsch nach Selbstbestimmung etwa beim Völkerbund unterstützen. Groß sei aber primär „das politische Interesse der Schweiz, dass das Vorarlberg nicht an Deutschland gelange". Für diese Aussage, die Annexionsinteresse andeutete, wurde Calonder innenpolitisch gescholten, und eine Demarche kam aus Paris, wonach man Sezessionen von Österreich nicht unterstütze.

Ender war gegen eine einseitige Abspaltungserklärung, von der er schreibt, Schweizer Aktivisten hätten sie ihm empfohlen. Als er Anfang 1920 nach Bern fuhr und den neuen Bundespräsidenten Giuseppe Motta (1871-1940), einen Tessiner, traf, sagte dieser, auf Verhandlungen vor dem Völkerbund wolle man sich nur einlassen, wenn Wien einer Sezession Vorarlbergs zustimme oder sich das Land bereits effektiv abgespalten habe. Das war praktisch das Schachmatt. Es hätte keinen Sinn mehr gehabt, den Völkerbund über Wien anzurufen, weil eine negative Stellungnahme der Regierung garantiert war und die Schweiz erst gar nicht in Verhandlungen eingetreten wäre.

Letzter Versuch beim Völkerbund

Und so schlief die Sache wirklich fast ein, wenngleich der Schweizer Bundesrat noch in späteren Jahren in seinem Geschäftsbericht schrieb (etwa 1921), dass man im Fall einer Loslösung Vorarlbergs das freie Entschließungsrecht für es verlangen werde.

Zuletzt arbeitete die Landesregierung 1920 ein Memorandum an den Völkerbund aus, das diesem direkt vorgelegt werden sollte. Es war ein umfangreiches Kompendium historischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Inhalts samt Selbstbeschreibung der Vorarlberger, das letztlich in der Forderung nach Selbstbestimmung mündete und teilweise von Ender geschrieben wurde. Zwei Vertreter und ein Vertrauensmann aus Enders Kanzlei quasi als „Guide" wurden Ende 1920 damit nach Genf geschickt. Sie konnten das Werk übergeben, das letztlich von Kommission und Vollversammlung sogar erörtert wurde.

Der Erfolg blieb aber rein theoretischer Natur: Die neue Weltorganisation erkannte auf Betreiben der Schweiz das Selbstbestimmungsrecht Vorarlbergs an - aber nur, falls sich Österreich als Staat auflöst.

Schachmatt.

Das Schweizanschlusskapitel der Vorarlberger Geschichte war letztlich ein kurzes, aber heftiges Strohfeuer, wie Pichler schreibt. Östlich des Arlbergs wird es aber auch heute noch immer und gern mit dem Ländle und den „Gsibergern" assoziiert, die doch eigentlich keine Österreicher sein wollten. Man muss sich das als Vorarlberger gerade in Wien alle Jahre wieder anhören, wenn wieder einmal eine unseriöse Umfrage in V, oft geführt als Befragung von vielleicht zwei, drei Dutzend Leuten auf der Straße irgendwo in Dornbirn oder Bregenz durch Journalisten, ergibt, dass angeblich die Hälfte der Gsiberger lieber bei der Schweiz wären.

"Ja, wär scho net blöd"

Abgesehen davon, dass das Thema bei näherem und ernsthaftem Hinsehen und Zuhören im Ländle tatsächlich großteils bis weitgehend erledigt ist und es einfach zu unserer Koketterie gehört, bei einer solch hypothetischen Frage aus einer Laune heraus einfach einmal demonstrativ „Ja, wär scho net blöd" zu sagen, auch wegen des in der Tat verbreiteten Abwehrreflexes gegen „das Wienerische" und die „Ostis", muss man schon sagen: So what?

Deutschlands Außenminister Ulrich von Brockdorff-RantzauGemeinfrei

Deutschösterreich als Gesamtes wollte ja damals, aus nicht-verwerflichen und nicht unnachvollziehbaren Gründen, zum Deutschen Reich! Dass Außenminister Otto Bauer am 2. März 1919 in Berlin mit seinem deutschen Gegenüber, Ulrich von Brockdorff-Rantzau (1869-1928), ein Geheimprotokoll über eine künftige Union unterschrieb, das unter anderem Wien als zweite Reichshauptstadt vorsah, ist wohl vergessen, oder?

Ebenso wie jene Referenden in Tirol und Salzburg 1921, die Mehrheiten von über 98% (!) für einen laut den Pariser Friedensverträgen ohnehin unmöglichen Anschluss an Deutschland ergaben. Und auch wie jene halbamtlichen Anschlussreferenden in der Steiermark und Oberösterreich, die wegen Interventionsdrohungen der Alliierten, speziell Italiens, sowie Jugoslawiens (damals „SHS-Staat") gar nicht erst durchgeführt wurden.

Rein theoretisch wäre von Österreich also nicht viel übriggeblieben. Kärnten wäre garantiert denselben Weg gegangen, und man kann nur theoretisieren, was mit Wien und dessen Umland Niederösterreich plus Burgenland geschehen wäre.

Was wäre die g'scheitere Wahl gewesen?

Also ob Vorarlberg damals mit einem Anschluss an die Schweiz nicht die, wie die spätere Geschichte zeigte, g'scheitere Wahl getroffen hätte, sei als Urteil dem Leser überlassen. Der sich vielleicht auch fragen dürfte, wieso ein berühmter Schlüsselbegriff bisher in diesem doch nicht eben kurzen Text noch nicht vorgekommen ist: der vom „Kanton Übrig".

Er wird ja üblicherweise und meist östlich des Arlbergs pejorativ verwendet, um Vorarlbergern (es gibt heute schon mehr als 390.000, drei Mal so viele wie 1919) „hineinzudrücken", dass man sie damals in der Schweiz so abwertend genannt habe und das sogar noch heute tue, weil sie seien damals ja unerwünscht wie Schmuddelkinder gewesen.

Die deutschnationale Sache mit dem „Kanton Übrig"

Nun ja. Die Geschichte war erstens, wie hier ausgeführt wurde, doch nicht so schlicht gestrickt. Und der Begriff stammt überhaupt nicht von den Schweizern: Er führt vielmehr in deutschnationale Sümpfe im „subara Ländle" selbst.

Der Dornbirner Rechtsanwalt Anton Zumtobel (1876-1947), seinerzeit Chef der Fraktion der Deutschfreisinnigen im Landtag, hat ihn laut Historikern erstmals im November 1918 in der Parteizeitung „Volksfreund" als Titel eines Leitartikels benützt, der aus allerhand Gründen, nicht zuletzt ökonomischen, gegen das Schweiz-Werben Riedmanns argumentierte. Für „kluge Schweizer", hieß es, müsse Vorarlberg doch ein „Kanton Uebrig" sein.

Einer breiteren Masse bekannt wurde der Begriff aber erst, als Zumtobel im Frühjahr 1919 ein nur mit „Z." unterzeichnetes Flugblatt gegen einen Schweizanschluss in Umlauf brachte. Monate später gab er zu, der Urheber gewesen zu sein. 1933 trat er übrigens der NSDAP bei und wurde nach Kriegsende 1945 zeitweise in einem Anhaltelager in Brederis nahe Feldkirch festgehalten.

So viel zum Kanton Übrig. Und schuld waren wieder einmal die Franzosen. ;-)

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P.S.: Ferdinand Riedmann, der Werber für die Schweiz, wurde wenige Jahre später als Lehrer suspendiert, hatte einen Prozess vor dem Landesgericht Feldkirch und musste auf juristischen und politischen Druck hin alle politischen Ämter aufgeben. Die christlichsozialen Mächtigen hatten ihn sozusagen abgeschossen. Er arbeitete laut Historiker Pichler als Grundstücksmakler und Kreditvermittler und schrieb ein „Handbuch für den Gemeindepolitiker" mit allerhand Tips für Rhetorik, Auftreten und Selbstverständnis.

Landeshauptmann Ender war von Dezember 1930 bis Juni 1931 Bundeskanzler, als bis heute einziger Vorarlberger. Seine Regierung zerbrach wegen des Zusammenbruchs der Creditanstalt (CA). Danach war er erneut Landeshauptmann und 1934-1938 Präsident des Rechnungshofs.

Bundeskanzler Otto EnderVorarlberg Chronik/Land Vorarlberg

Literaturtipps:

- Vorarlbergs Schweizer-Anschluß-Bewegung, Otto Ender, Vorarlberger Verlagsanstalt, 1952

- Geschichte Vorarlbergs 3 (1861-2015), Meinrad Pichler, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck, 2015

- Vorarlberg: Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart, Markus Barnay, Haymon Verlag Innsbruck, 2011

- Die Erfindung des Vorarlbergers, Markus Barnay, Vorarlberger Autoren Gesellschaft, Bregenz, 1988

- The Anschluss-Movement 1918-1919 and the Paris Peace Conference, Alfred D. Low, American Philosophical Society, Philadelphia, 1974