Eine Symphonie als musikalische Sternwarte

Archivbild: Franz Welser-Möst
Archivbild: Franz Welser-Möst(c) GEORG HOCHMUTH / APA

Kritik Das Musikfest – einst Teil der Wiener Festwochen – begann mit einer veritablen Festspiel-Aufgabe: Franz Welser-Möst dirigierte eine Aufführung von Gustav Mahlers Achter mit mehr als 350 Sängern und philharmonischen Instrumentalisten.

Das wäre vor ein paar Jahren noch der offizielle Auftakt der Wiener Festwochen gewesen. Aber das traditionelle Musikfest musste sich mangels Kooperationsbereitschaft selbstständig machen, greift aber trotz fehlender finanzieller Zuschüsse mit Gustav Mahlers so aufwendiger wie heikler achter Symphonie nach den Sternen. Auch insofern, als der Komponist angesichts des Massenaufgebots an Musikern und Sängern davon sprach, er ließe hier nicht „menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen“ kreisen.

Zuweilen auch kreischen, möchte man ergänzen; ist doch diese Achte im symphonischen Bereich das, was in der Kammermusik Beethovens „Große Fuge“ darstellt: Mögen die Ausführenden sich auch akribisch an die dynamischen Vorgaben halten (und zwischendurch auch pianissimo spielen), am Ende hat das Publikum doch das Gefühl, einem ununterbrochenen, undurchdringlichen Tosen und Toben ausgesetzt gewesen zu sein.

Selbst die allergrößten Interpreten haben dieses Manko nie ganz überwinden können. Mahlers Achte überwältigt zunächst einmal stets durch die pure Klangmassierung. Diese „Planeten und Sonnen“ brauchten vielleicht wirklich den Weltraum, um sich ungehindert entfalten zu können. Im Musikverein war das Stück immer unmöglich – und selbst im größeren Konzerthaussaal muss der Hörer zu abstrahieren versuchen, will er im Nachhinein über Details einer Interpretation berichten.

 

An den Wurzeln der Moderne

Die einleitende Vertonung des Pfingsthymnus „Veni, creator spiritus“ ist der kürzere, aber schwierigere Symphonieteil. Die abschließende Schlussszene aus Goethes „Faust II“ bietet ja zumindest eine mysteriöse Introduktion und einige zarte Intermezzi.

Franz Welser-Möst, der die Festaufführung leitete, ließ sich, apropos Interpretation, auch von diesen ruhigeren Momenten nicht von seiner großen Linie abbringen, die auf jegliche Romantisierung verzichtet, keine vorbereitenden Ritardandi oder klanglichen Subtilitäten duldet, sondern einen radikal geradlinigen Kurs steuert: Mahler, der Ahnvater der Moderne, ungeschminkt, in den kühnen kontrapunktischen Schichtungen seines vielstimmigen Klanggewebes oft voll scharfkantiger Reibungen.

Die glänzend vorbereiteten Chöre, Sängerknaben, Singverein, Singakademie, traten, angestachelt von virtuosen philharmonischen Attacken, entsprechend harsch gegeneinander an, um an den Satzschlüssen doch wohlige Durakkorde von immenser Strahlkraft in den Saal zu setzen, sodass das Publikum am Ende – ergriffen oder eher verblüfft? – innehielt, ehe es mit ähnlich stark instrumentiertem Applaus antwortete.

 

Über allem: Mater gloriosa

Im Solistenoktett, angeführt von der höhensicheren Erin Wall, hatten selbst Kaliber wie Peter Mattei oder Georg Zeppenfeld ihre liebe Mühe mit Mahlers extremen Anforderungen. Wo Stimmen die Fortissimowände durchdrangen, klangen sie nicht selten angestrengt. Nur Regula Mühlemanns Mater gloriosa schwebte unbehelligt über den von Welser-Möst beeindruckend organisierten planetarischen Ordnungen; denen freilich dort, wo (etwa von Emily Magees wohllautendem Gretchen) menschlichere Töne angeschlagen wurden, das eine oder andere liebevolle orchestrale Echo gutgetan hätte.