Dieter Kaufmanns Klang-Beschwörung einer besseren Welt

(c) Clemens Fabry

Zur Uraufführung von „Tolleranza 2016“ im Wiener Konzerthaus.

Der einstige Avantgardist ist milde geworden. Dieter Kaufmann webt nun an schwebenden bis wirbelnden Klangflächen und versetzt sie mit kecken Motivfetzen oder scharfen Rhythmen. Der Altmeister beherrscht nach wie vor das Spiel mit dem dramatischen Pfeffer oder – als hätte er sich des Zufallsgenerators bedient – er schummelt heimelige Akkorde und Wohlklangoasen dazwischen. Derart kurzweilige Monologe für großes Orchester dauern knapp zwölf Minuten und nennen sich „Tolleranza 2016“. Das muss noch kein melancholischer Schwanengesang sein, eher ein Aufbruch zu neuen (alten) Ufern – eine retrospektive Grundhaltung verstößt nicht gegen die guten Sitten.

Dieter Kaufmann (Jahrgang 1941) hat Generationen von Hörern und Studenten zur Neuen Musik geführt und mit seiner Frau Gunda König im „Experimentalstudio“ unterschiedlichste Wege, Perspektiven und Methoden der Avantgarde zur Diskussion gestellt und schließlich auch die elektronische Musik hierzulande salonfähig gemacht.

Er wäre nicht der Pionier Kaufmann, hielte er für seinen Aufruf zur Toleranz nicht auch Argumente und Bekenntnisse gesellschaftspolitischer wie philosophischer Natur bereit – in Anspielung auf Luigi Nonos „Intolleranza 1960“.

Soweit die Hirnarbeit, die Uraufführung dieser sechsten „Etüde für eine bessere Welt“ im Konzerthaus wurde von einem toleranten Publikum akzeptiert und beklatscht. Einen Gutteil des Erfolges verdankt Kaufmann der respektablen Leistung des RSO unter dem jungen britischen, so engagierten wie geschickten Dirigenten Duncan Ward. (wagü)