Muttersprache

(c) imago/biky

Eine Sprache in ihrer ganzen Finesse erfassen zu können gehört zu den schönsten Dingen eines Menschenlebens, ist meine Meinung – ganz gleich, ob Muttersprache oder erlernt.

Bulgarisch ist eine wohlklingende Sprache. Ich muss traurigerweise sagen, dass ich mich mit Bulgarisch nicht sehr viel auseinandergesetzt habe, aber der schöne Klang fiel mir bei einem Besuch in Sofia auf, und ich sagte zu mir, das ist so spannend, ich muss mich mehr mit dieser Sprache beschäftigen. Nach meiner Rückkehr vergaß ich leider mein neu entdecktes Interesse sofort wieder. Unlängst jedoch stehe ich am Stephansplatz und warte auf die U-Bahn, als sich drei in ein Gespräch vertiefte Frauen zu mir stellen. Sie sprechen ein, so kommt es mir zumindest vor, seltsam klingendes Türkisch, zwischendurch aber eine andere Sprache, also Bulgarisch, und sie mixen die Sätze so wild hin und her, dass mir einfach nichts anderes übrig bleibt, als sie verwirrt, fasziniert und infolgedessen leider auch mit offenem Mund anzustarren. Woraufhin mich die Damen ihrerseits konfus mustern – und ihr Gespräch im Flüsterton fortsetzen. Was denken die jetzt von mir, frage ich mich, aber überlege, ob ich sie trotzdem ansprechen soll, ich bin einfach so neugierig. Wo kommen sie her, sind sie sogenannte Balkantürken, gab es Tomatenmark im Kommunismus? Aber die U-Bahn kommt, und ich verliere sie aus den Augen. Vielleicht ist es besser so, man soll nicht am Stephansplatz Leute anstarren und sie wahllos nach Diktaturen ausfragen.

Ich werde oft gefragt, wie gut denn mein Türkisch sei. Dafür, dass es meine Muttersprache ist, ist es mir nicht flüssig genug, manchmal stocke ich zwischen den Sätzen, fallen mir Wörter nicht ein, die ich dann umständlich umschreiben muss. Aber ich bin natürlich auch stolz auf diese Sprache, ich liebe sie und finde sie poetisch und herrlich wandelbar. Eine Sprache in ihrer ganzen Finesse erfassen zu können gehört zu den schönsten Dingen eines Menschenlebens, ist meine Meinung – ganz gleich, ob Muttersprache oder erlernt.

Aber etwas haben meine und nachfolgende Generationen in Deutschland und Österreich gemein: Wir sprechen Türkisch mit einem deutschen Ausspracheakzent. Wir nehmen den deutschen Sprachklang mit. Für Türken in der Türkei klingen wir, nun ja, kurios.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2019)