Schnitzel-Causa war eigentlich ein Aprilscherz

SymbolbildDie Presse/Michaela Bruckberger

Kanzler Kurz nennt ein Beispiel der EU-Überregulierung, das auf eine Mischung aus Jux und Überzeichnung zurückgeht.

Wien. Warum wird das Schnitzel immer wieder in der heimischen Diskussion mit der Überregulierung der EU in Verbindung gebracht? Die Antwort hat mit einem fiktiven und einem realen Hintergrund zu tun. Ausgelöst wurde die Erregung durch einen Aprilscherz der „Presse“ im Jahr 2015. Damals versuchte unsere Zeitung, ein pädagogisches Ziel durch einen Jux zu erreichen. Wir wollten vor Augen führen, dass es allzu leicht ist, der EU alles in die Schuhe zu schieben. Nachdem selbst Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) nun auf diese Weise die EU kritisiert, muss das Experiment als gescheitert angesehen werden.

Im Jux-Artikel, der einen Tag lang für große Aufregung in ganz Österreich sorgte, wurde behauptet, „der Panier droht ein EU-Verbot“. Als Grund wurde der enthaltene allergene Cocktail aus Ei, Mehl und glutenhaltigen Semmelbrösel angeführt, der gemeinsam mit Schweine- oder Kalbfleisch Neuerkrankungen auslösen könne. Die EU-Lebensmittelbehörde wurde fälschlich mit dem Vorschlag zitiert, künftig als Bindemittel Kartoffelstärke oder Sojamehl zu verwenden.

Der heutige Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) twitterte damals erbost über den Regelungswahn in Brüssel, auch viele andere nahmen den Artikel für bare Münze. Am 2. April 2015 lösten wir auf Seite 1 den Scherz auf, mussten aber bemerken, dass er inzwischen eine unaufhaltsame Eigendynamik entwickelt hatte. Der oberösterreichische FPÖ-Bundesrat Michael Raml postete noch Monate später: „Die EU kann mir kein knuspriges Schnitzel verbieten.“

Dann kam ein reales Problem hinzu: Die EU-Kommission legte einen Vorschlag zur Reduzierung von Acrylamid vor. Darin wurde festgelegt, dass Öl beim Frittieren von Pommes frites wegen der Krebsgefahr nicht über 175 Grad Celsius aufgeheizt werden sollte. Auch wenn die Regelung nicht auf das Schnitzel abzielte, wurde es in Österreich so interpretiert. Küchentechnisch übersetzt bedeutet die Regelung lediglich: Lassen Sie ihr Schnitzel nicht anbrennen. (wb)