Victoria und ihre Zeit

Victorias Wunderland

Gäste aller Gesellschaftschichten in einem Londoner Pub
Gäste aller Gesellschaftschichten in einem Londoner Pub. Die Zeichnung stammt aus den 1870er-Jahren.(c) Getty Images (Hulton Archive)

Die Abgründe der viktorianischen Gesellschaft traten gerade im Bereich der Sexualität besonders krass hervor.

London – das war für die Viktorianer die Metropole der ganzen Welt. Jede Volkszählung war eine Sensation: Nicht einmal eine Million Menschen gab es 1801 in der Hauptstadt, ein Jahrhundert später waren es fast fünf Millionen. Darauf konnte man stolz sein, so stellte man sich das Zentrum eines einzigartigen Weltreichs vor. Politische Macht, materieller Reichtum, intellektuelle Brillanz, eine Stadt, die expandierte wie eine losgetretene Lawine. Verfolgte aus allen Ländern des rückschrittlichen Europa kamen hierher, ins liberale London. Wohin sonst?

Zum Bevölkerungswachstum kam der Wandel der Agrargesellschaft. Die alten, ländlich geprägten Lebenskonzepte begannen zu zerbröseln, als der raue Wind der Industrialisierung das Land durchströmte. Die Zeit gewann an Tempo und Schnelllebigkeit, ihr Symbol ist ja nicht durch Zufall die Eisenbahn. „Fahren Sie doch nicht so wahnsinnig schnell, Sie stürzen uns alle ins Unglück“, soll einer der adeligen Passagiere bei der ersten Bahnfahrt dem Lokomotivführer zugerufen haben. Man hatte das Gefühl, in 30 Jahren das zu erleben, wofür man früher 300 gebraucht hatte.

Die Armen wurden zur „gefährlichen Klasse“ Pauper und Krimineller, dazwischen wurde nicht unterschieden, nicht einmal in der Unterschicht selbst. Die viktorianische Zeit hatte unterschiedliche wirtschaftliche Phasen, Hungerjahre (die „Hungry Forties“) und satte Jahre, Boomzeiten, in denen man Vermögen machen konnte und die ökonomische Sicherheit genoss. Es war gut, in der Hochkonjunktur die Karriere zu starten. Die etablierte Gesellschaft sah sich als fleißig und ehrbar. Sie lebte in dem Bewusstsein, mit ihrer Tüchtigkeit den Rest der Welt technologisch, ökonomisch und ja - auch moralisch hinter sich zu lassen. Das war der „viktorianische Wertehimmel“, wie die Historikerin Karina Urbach meint: Bildung, Sparsamkeit und Familienzusammenhalt.