Van der Bellen in Sotschi: Tanzende Kosakinnen und ein Dutzend Leibwächter

Stadtspaziergang in Sotschi unter strenger BewachungAPA/HARALD SCHNEIDER

Bundespräsident Alexander Van der Bellen trifft zu Mittag den russischen Präsidenten in Sotschi. Er stehe zu seiner Aussage, dass er keine „grundsätzliche Vertrauenskrise" sehe. Er fordert „Geduld“.

Alexander Van der Bellen interessiert, „wie Putin die Weltlage sieht“ – und worüber der russische Präsident mit Mike Pompeo Dienstagnacht gesprochen hat. Über China, den Iran, den Konflikt in der Ostukraine und die „guten bilateralen Beziehungen“ zwischen Österreich und Russland will der Bundespräsident heute ebenfalls mit dem russischen Präsidenten reden. Das sagte er in einem ORF-Interview am Dienstagabend in Sotschi.

Van der Bellen trifft Dienstagmittag Wladimir Putin. Nicht in dessen Residenz Botscharow Rutschej, sondern im nahegelegenen Sanatorium Rus, einem Gebäudekomplex im Stalinbarock am Ufer des Schwarzen Meeres. Zuvor gab es eine Stadtführung, bei der dem Staatschef die Meerespromenade und das restaurierte Hafengebäude gezeigt wurden. Flankiert von rund einem Dutzend Leibwächtern führte der Bürgermeister von Sotschi die österreichische Delegation durch die Straßen. Im Wintertheater tanzte für die Delegation ein Kosakinnenchor mit schwingenden Säbeln als Überraschungseinlage.

Intensive Beziehungen im Kultur-Bereich

Am Nachmittag wird im Sanatorium Rus auch das österreichisch-russische Dialogforum „Sotschi-Dialog“ im Beisein der beiden Präsidenten feierlich eröffnet. Vertreter aus Wirtschaft und Kultur sowie mehrere Mitglieder des „Steering Comittees“ unter dem Vorsitz von Ex-Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl sind dazu an die russische Schwarzmeerküste gekommen. Im Bereich der Kultur seien die Beziehungen bereits „intensiv“, sagte Van der Bellen und nannte Opernsängerin Anna Netrebko als Beispiel. „Insofern ist dieser Besuch fast schon Routine angesichts der großen Besucherströme zwischen Moskau und Wien.“ Gleichzeitig sei es angesichts der angespannten Weltlage wichtig, im Gespräch zu bleiben. Genau das verfolge Wien mit der Gesprächsplattform, die künftig einmal jährlich zusammentreffen soll.

Als nächster Austragungsort des Dialogs ist dem Vernehmen nach Salzburg im Gespräch. Kritik, dass in dem Gremium zivilgesellschaftliche Vertreter nicht beteiligt seien, wies Van der Bellen zurück. „Das finde ich eigentlich gar nicht.“ Man solle dem Gesprächsforum eine Chance geben. „Es ist einen Versuch wert.“ In drei bis fünf Jahren werde man erste Ergebnisse auswerten können.

Keine „grundsätzliche Vertrauenskrise"

Van der Bellen verteidigte auf Nachfrage seine Aussage vom Vorjahr, dass er keine „grundsätzliche Vertrauenskrise“ zwischen Russland und dem Westen sehe. „Dazu stehe ich nach wie vor.“ Wien und Moskau wüssten, „woran sie wechselseitig sind“. Er betonte die engen historischen Beziehungen zwischen beiden Staaten. „Man muss etwas haben, was Russen und Österreicher gemeinsam haben, nämlich Geduld. Es bringt nichts, zu erwarten, dass man in fünf Minuten sehr schwierige Probleme lösen kann“, sagte Van der Bellen. Unter Freunden sei es möglich, auch unangenehme Dinge anzusprechen, „ohne dass gleich der Kalte Krieg ausbricht“. Er betonte, „normale Diplomatie“ sei, miteinander zu sprechen, sich in die Haut des anderen zu versetzen. Aber: „Es gibt Staaten, die diesen Weg nicht verfolgen, und ich finde das nicht gut“, so Van der Bellen in Anspielung auf die US-Administration von Präsident Donald Trump.

Bezüglich konkreter politischer Erfolge gab sich der österreichische Präsident zurückhaltend. In der Ukraine-Frage sieht Van der Bellen beide Länder gleichermaßen in der Verantwortung. „Beide Seiten bleiben einander wenig schuldig“, sagte der Bundespräsident und verwies auf die Ausgabe von russischen Pässen an die Bewohner der ukrainischen Separatistengebiete und die Verabschiedung des neuen Sprachengesetzes in der Ukraine.