Nicht die Schule hat ein Problem, wir alle haben eines

Außenaufnahme der HTL Ottakring
Außenaufnahme der HTL OttakringAPA/HERBERT NEUBAUER

Jetzt also Gewalt durch Jugendliche. Politik und Medien fokussieren auf dieses Thema. Und wenden sich nach kurzer Zeit gelangweilt wieder ab.

Es stimmt schon. Jeder hat die Schule besucht; jeder ist irgendwie auch heute noch in das Thema involviert, weil er Kinder hat, weil er Lehrer ist, weil er Lehrer kennt, weil er Leute kennt, die Lehrer kennen. Daher fühlt sich jeder – klar doch – als Bildungsexperte. Österreich muss ein glückliches Land sein.

Debatten über Gewalt, Mobbing, Respektlosigkeit in den Klassen und Leistungsdefizite von Absolventen werden an vielen Orten geführt, vom Stamm- bis zum hochlöblichen Redaktionskonferenztisch. Wird in der Bildung zu viel gespart? Fehlen Pädagogen? Psychologen? Sozialarbeiter? Alle drei Berufsgruppen? Sollen Time-out-Klassen eingeführt werden, wie das Bildungsminister Heinz Faßmann will? Oder ist das Unsinn, wie Schulexperte Heinz-Christian Strache prompt meint. Die Regierung macht sich ihre Opposition nolens volens (in der Schule gut aufgepasst?) selbst, wenn die tatsächliche fehlt.

Natürlich hat die Schule ein Problem. Der Einsatz von mehr qualifiziertem Personal könnte keinen Schaden zufügen. Nur: Woher genau das Geld nehmen? Wo sparen? Bei der Gesundheit? Bei der Sicherheit? Es wird ja niemand ernsthaft auf die Idee kommen, Steuern wieder weiter zu erhöhen. Und vor allem auch: Woher schließlich die vermeintlich oder tatsächlich benötigten Fachkräfte nehmen?

Überhaupt berühren die aktuell mit Lust geführten Diskussionen ja nur die Symptome. Im Mikrokosmos Schule wird vielleicht besonders deutlich sichtbar, was im Makrokosmos (schlecht) läuft. Die Schule ist der Brennspiegel der Gesellschaft. Die Schule hat ein Problem? Nicht die Schule hat ein Problem, wir alle haben eines. Denn die Antwort auf eine Frage wird gern vergessen: Woher kommen denn die vielen Kinderlein, die in die Schulen des Landes gehen? Was ist in den ersten sechs Jahren passiert? Haben sie kein Leben außerhalb des Unterrichts, außerhalb der Schule? Sind Eltern abgeschafft, abgetreten, entmündigt?

Auch Menschen, die nicht gleichsam zeit ihres Lebens im Schulsystem sind, müssen anerkennen, dass an Pädagogen zu vieles delegiert, in Wahrheit aus Mangel an Zeit und/oder Lust abgeschoben wird.

Respekt, wie ihn Schüler selbstverständlich Pädagogen entgegenzubringen haben – und natürlich auch umgekehrt –, ist nicht nur in der Schule gelegentlich ein Fremdwort. Gelegentlich deshalb, weil entgegen dem öffentlich entstandenen Eindruck ja das System weitgehend funktioniert. Exakt so funktionieren wiederum Medien: Dinge, die funktionieren, werden kaum berichtet, weil sie eben kaum auf Leserinteresse stoßen. Man kann das hinterfragen, ändern wird man es kaum.

Wie es um den Respekt im Internet gegenüber Politikern, Prominenten und anderen Usern bestellt ist, muss wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Aber auch das analoge Leben ist nicht gänzlich frei von Erfahrungen, die dem Prinzip Respekt gegenüber anderen Hohn sprechen.

Ja, in der jüngeren Vergangenheit waren Entwicklungen zu beobachten, deren problematische Effekte sich angehäuft haben, im wirklichen Leben wie im geschützten Bereich namens Schule. Problemfelder wurden zu lang nicht wahrgenommen, aus ideologischen Gründen oder einer weltfremden, idealisierenden Sichtweise heraus. Zum Beispiel: Autoritätserosion allgemein, Imageverlust von Pädagogen, Kinder mit schlechten bis fehlenden Deutschkenntnissen, ethnische Konflikte.

Unabhängig davon waren Eltern immer die ersten, die wichtigsten Lehrer. Sie lehren durch ihr Vorbild, im Guten wie im Schlechten. Es muss jetzt nicht die Verpflichtung zu einem „Elternführerschein“ sein, aber vielleicht würden zarte Anreize finanzieller Natur zur Inanspruchnahme von Kursen oder Beratungsgesprächen helfen, Dinge in den Griff zu bekommen, bevor sie eskalieren.

Nicht jede Mutter, nicht jeder Vater hat das Glück, die eigenen Eltern als Role Model nützen zu können, oder ist durch die Gnade der Geburt eines Kindes zum Erziehungsexperten promoviert. Zum Bildungsexperten hingegen reicht es (siehe oben) ja allemal.

E-Mails an: dietmar.neuwirth@diepresse.com