Karl-Peter Schwarz

Mai 1945: Lienz, Bleiburg und die Verratenen von Jalta

In Osttirol und Unterkärnten übergaben die Briten entgegen der Genfer Konvention Kriegsgefangene und Zivilisten dem NKWD und den jugoslawischen Partisanen.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Im Mai und Juni lieferten die Briten in Österreich Zehntausende Kosaken, sowjetische und südslawische Kriegsgefangene und Zivilisten an die Sowjetunion und Jugoslawien aus. Alexander Solschenizyn, der als Gulag-Häftling einige von ihnen kennenlernte, nannte es das „letzte Geheimnis des Zweiten Weltkriegs“. Eine größere Öffentlichkeit erfuhr von diesem Verbrechen erst, als der russisch-englische Historiker Nikolai Tolstoy 1977 sein Buch „Die Verratenen von Jalta. Englands Schuld vor der Geschichte“ veröffentlichte.

Auf der Grundlage des Rückführungsabkommens, das Churchill, Roosevelt und Stalin am 11. Februar 1945 in Jalta beschlossen hatten, deportierten Briten und Amerikaner entgegen den Bestimmungen der Genfer Konvention von Mai 1945 bis Februar 1946 gut 4,2 Millionen Sowjetbürger, unter ihnen Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Flüchtlinge. Die britischen und amerikanischen Offiziere standen vor dem Dilemma, Befehle ausführen zu müssen, die dem Kriegsrecht widersprachen.