England: Logis beim Adel

Gravetye Manor liegt in einem versteckten Tal im Westen der Grafschaft Sussex.
Gravetye Manor liegt in einem versteckten Tal im Westen der Grafschaft Sussex.(c) Gravetye Manor

In ehemaligen Herrensitzen im Süden Englands können sich Urlauber fühlen wie die Royals.

Im Haus des Gärtners: Gravetye Manor, West Hoathly, Sussex

Wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit liegt Gravetye Manor mit seinen Giebeln, Türmchen und Kaminen in einem blühenden Garten in einem versteckten Tal im Westen der Grafschaft Sussex. Die Geschichte des Hauses begann mit einer Romanze. Richard Infield erbaute es 1598 für seine Braut Katherine Compton. Von der Liebesgeschichte aus spätelisabethanischen Tagen zeugen bis heute die Initialen des Paars, die über der Tür, die vom formellen Garten ins Haus führt, in Stein geschlagen sind. Die Por­träts der beiden finden sich in Eiche geschnitzt über dem Kamin in einem der heutigen Gästezimmer.

Nach einem Intermezzo als Schmugglerlager im 18. Jahrhundert gelangte das Anwesen 1884 in die Hände des Iren William Robinson (1838–1935), einem der einflussreichsten Köpfe in der Geschichte britischer Gartenkunst. Neben seiner Arbeit als Gärtner und Autor erfolgreicher Gartenbücher verwirklichte er hier seinen persönlichen Gartentraum: ein scheinbares Durcheinander von Büschen, Kräutern, Blumen und Kletterpflanzen, das mit der Vorliebe seiner viktorianischen Zeitgenossen für gezirkelte Rabatten gründlich aufräumte und Vorbild des englischen Blumengartens wurde. Noch als über Neunzigjähriger setzte er hier, bereits im Rollstuhl sitzend, Blumenzwiebeln.

Seit 1958 ist Gravetye ein Hotel, seit 2010 führt Inhaber Jeremy Hosking die Luxusherberge mit 17 Zimmern und Suiten. Der ummauerte Küchengarten liefert Blumen fürs Haus sowie Gemüse und Obst fürs Restaurant. Die spektakuläre historische Bausubstanz wird nur vom Zauber der Gärten übertroffen. Eine Crocketwiese gehört dazu, ein Azaleen- und ein wilder Garten, eine Wildblumenwiese und ein Obsthain. Das Herzstück, der Blumengarten, schließt unmittelbar an die Bar an. Von Frühling bis Spätherbst leuchtet seine Blütenpracht. Hier nippen die Gäste an Tee oder Champagner und genießen weite Blicke ins Tal. Schade ist nur, dass Robinson seinen Garten nicht im Reifezustand eines guten Jahrhunderts erleben konnte.

Info: Vowels Lane, West Hoathly, Sussex, RH19 4LJ
Tel.: +44/(0)1342/81 05 67, www.gravetyemanor.co.uk
Classic Room im Winter 275 Pfund, im Sommer 395 Pfund, Robinson Suite im Winter 650 Pfund, im Sommer 850 Pfund.

 

Royale Jagd-Lodge: Great Fosters Hotel, Egham, Surrey

Wer schon immer in einem königlichen Schloss schlafen wollte, wird dieses Hotel lieben. Seine Wurzeln reichen ins 13. Jahrhundert zurück, der heutige Bau ist stolze fünfhundert Jahre alt. Nach einigen Inhaberwechseln diente er Heinrich VIII. und später seiner Tochter Elizabeth I. als Jagdschlösschen.

Inmitten von Gärten und einem großen Park liegt er in der Grafschaft Surrey. Nicht weit entfernt vom königlichen Schloss Windsor Castle, von Knole, einem der ältesten Herrensitze Englands, sowie Chartwell, dem Alterssitz Winston Churchills, fügt es sich optisch wie historisch gut in den Klub einzigartiger historischer Herrensitze des englischen Südens. Seit 1931 ist Great Fosters ein luxuriöses Hotel, in dem schon Charlie Chaplin mit seiner Familie abstieg.

(c) flickr/wetwebwork (CC BY 2.0)

In der Lobby, die der Gast durch ein imposantes Holzportal betritt, knistert im Kamin ein Feuer. Davor sind Sofas und Sessel gruppiert, in denen man gern einen Abend verstreichen lassen würde, ein Glas Whisky zur Gesellschaft. Die Wände zieren alte Stiche, in einer Ecke steht ein Flügel. Ein eichenes Treppenhaus führt zu den 43 Gästezimmern im ersten Stock. Die historischen Räumlichkeiten (Zimmer und Suiten) sind mit Antiquitäten ausgestattet, die alten Dielen knarren zufrieden bei jedem Schritt.

Formale Gärten mit einer japanischen Brücke, ein weiter Park mit einem See und der beheizte Außenpool machen es zu einem perfekten Fluchtort und lassen vergessen, dass ganz in der Nähe die Autobahn M5 London rahmt. Und als wäre das alles nicht genug, bietet das Restaurant The Estate Grill mit modern interpretierten englischen Klassikern denkwürdige Geschmackserlebnisse in einem Ambiente aus alter Architektur und moderner Kunst. Im mit Seidentapeten und einem Wandteppich aus dem 17.  Jahrhundert dekorierten Tudor Room wird Fine Dining gepflegt, seit 2016 im Glanz eines Michelin-Sterns.

Info: Great Fosters Hotel, Stroude Road, Egham, Surrey TW20 9UR, Tel.: +44/(0)1784/433 82, www.greatfosters.co.uk
DZ ab 135 Pfund; die 61 Quadratmeter große „Nursery Suite" für vier Personen kostet ab 385 Pfund. In dieser Suite
schliefen einst Chaplins Kinder.

 

Heinrichs Balzplatz: Four Seasons Hotel, Dogmersfield, Hampshire

Schon vor tausend Jahren waren Dogmersfield und das Herrenhaus Dogmersfield Park an dieser Stelle ansässig. Als „Docce mere feld" verzeichneten es die Verwaltungsbeamten Williams des Eroberers im Domesday Book, der Bestandsaufnahme des erfolgreichen Feldzugs. Der Landsitz war einmal im Besitz der Krone, einmal hohen Kirchenherren übereignet. Heinrich VII. arrangierte hier ein schicksalhaftes Date: Er kam mit seinem Sohn und Erben Arthur, dem Prinzen von Wales, her, damit dieser seine aus Spanien angereiste Braut Katharina von Aragon kennenlernen sollte. Mit dabei: Arthurs jüngerer Bruder Henry. Er folgte Arthur nach, als der kurz nach der Teenager-Hochzeit starb, auf den Thron und an die Seite der Infantin. Es war eine Liebesheirat, bis Jahre später Anne Boleyn auf den Plan trat, um Katharina als zweite der sechs Gattinnen Heinrichs abzulösen. Die Verwirrungen, die zum Bruch Heinrichs mit Rom führten, haben hier ihren Ursprung. Heute trägt das Haupthaus den georgianischen Look von 1728. Seine Seitenflügel mussten nach einem schweren Brand 1981 erneuert werden.

Seit 2005 ist das Haus ein Four Seasons Hotel, mit 133 überaus geschmackvoll eingerichteten Zimmern und Suiten. In der Lobby liegt der Haushund am Kamin. Auf der weiten Wiese vor dem Haus lassen sich Wochenend-gäste vom Hubschrauber absetzen, um die Staus um London zu umgehen. Draußen picken glückliche Hühner, die für die Frühstückseier sorgen, die übrige Landschaft gehört ländlichen Aktivitäten wie Reiten, Falknern und Touren im hauseigenen Klettergarten. Luxuriöser wird Landleben nicht. Die Küche im „Wild Carrot" besinnt sich englischer Traditionen, in der Bibliothek wird ein üppiger Afternoon Tea gereicht, gern mit Champagner. Der Rest ist makelloser Service: vom Tuch zur Bildschirmreinigung, das der Gast wie zufällig auf dem Laptop im Zimmer vorfindet, bis zur winzigen Bettdecke, mit denen beim Turn-Down-Service die Stofftiere mitgereister Kinder zugedeckt werden.

Info: Four Seasons Hotel Hampshire, Chalky Lane,
Dogmersfield, Hampshire RG27 8TD. Tel.: +44/(0)1252/85 30 29,
http://www.fourseasons.com/hampshire
DZ ab 415 Pfund, Suite ab 820 Pfund.

 

Kühle Klarheit: The Grove, Chandler’s Cross, Hertfordshire

he Grove war einst einer der Herrensitze, auf denen die urbritische Institution der Wochenendparty auf dem Land gepflegt wurde: wegen seiner Nähe zur Hauptstadt und der Eisenbahnstation Watford Junction. Denn erst mit der Erfindung der Eisenbahn war der Weg bereitet für die Wochenendspritztour ins Grüne, die Erholung bringen sollte nach einer Woche der Parlamentssitzungen, Partys und des Prassens in der Kapitale. Allerdings hieß das Wochenende damals „Saturday to Monday"; wer es vulgär „weekend" nannte, wies sich als Mitglied der arbeitenden Klassen aus.

Bis 1920 war The Grove das Heim der Earls of Clarendon. Königin Victoria dinierte hier und König Edward VII., weitere Gäste waren Vita Sackville-West, Schriftstellerin und Besitzerin von Sissinghurst, einem der berühmtesten Gärten Englands, der Premier Lord Palmerston und der Künstler George Stubbs.

Dann begann jene Epoche des Umbruchs, in welcher der Adel unter erdrückenden Erbschaftssteuern litt und in der Folge auch Heiz- und Personalkosten schmerzlich zu spüren begann. Nicht wenige Landhäuser verdienten das Geld für ihren Unterhalt fortan als Schlosshotels. So auch das Heim der Earls von Clarendon – nach einigen Umwegen. Zunächst zog ein Mädcheninternat ein, dann eine Gartenbauschule, später eröffnete die englische Bahngesellschaft British Rail ein Schulungszentrum. 1996 erwarben zwei Brüder das Anwesen samt Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, einem Nachfolgebau des ersten Schlösschens. Da waren die Gewächshäuser längst zerstört, der Park war überwuchert, das Haus verwahrlost. 2003 eröffnete das Hotel, gerade rechtzeitig, um für die Dreharbeiten der „Harry Potter"-Filme im nahen Leavesden ein feudales Mannschaftsquartier zu bieten. Durch die Abwesenheit von Chintz und anderen Elementen englischen Landhausstils unterscheidet sich The Grove vom traditionellen Schlosshotel. Ein Ambi- ente aristokratischer Wohnkultur hat es dennoch be- wahrt. Robbie Williams bevorzugte die kühle Klarheit der 191  Zimmer im neuen Westflügel vor den 26 mit Antiquitäten, Hightech-Ausstattung und modernen Kunstobjekten durchaus stylish geratenen Suiten des Herrenhauses. Kylie Minogue hingegen liebt diese Suiten. Vor allem die geräumige Nummer  45, die auch Catherine Zeta-Jones schon gebucht hat.

Info: The Grove, Chandler’s Cross, Hertfordshire WD3 4TG
Tel.: +44/(0)1923/80 78 07, www.thegrove.co.uk
DZ ab 365 Pfund.

Infos

Anreise: Flug nach London.

Weiter mit Mietwagen oder Zug.

Wenn man schon mal da ist . . .
In London läuft von 21. bis 25. Mai die Chelsea Flower Show, www.rhs.org.uk und
http://www.visit­london.com

Windsor Castle: größtes bewohntes Schloss der Welt, www.rct.uk/visit/windsorcastle

Weitere Informationen:
www.visitbritain.com