Jennifer Teege: „Es gibt kein Nazi-Gen“

Jennifer Teege ist heute zu Gast im Haus der Geschichte.
Jennifer Teege ist heute zu Gast im Haus der Geschichte.(c) Teege

Die Deutsche Jennifer Teege fand mit 38 Jahren zufällig heraus, dass ihr Großvater ein sadistischer KZ-Kommandant war. In Wien spricht sie darüber.

Nach dem Schicksal wird Jennifer Teege oft gefragt. Ob sie daran glaubt. Ob sie daran gedacht hat, als sie vor zehn Jahren, als damals 38-Jährige, die bei einer Adoptivfamilie aufgewachsen ist – ausgerechnet! –, in Israel studiert hat, Hebräisch spricht, in Barcelona gelebt hat und nun in Hamburg als Werbetexterin arbeitet, durch Zufall herausgefunden hat, dass ihr leiblicher Großvater ein KZ-Kommandant war. Eine Entdeckung, die sie tief erschütterte. Wer ist man, fragte sie sich, wie viel von der Familie trägt man in sich? Heute sagt sie: „Ich habe da ein schönes Bild im Kopf, von einem Baum, mit Wurzeln, einem Stamm, Ästen. Aus einem Apfelbaum wird keine Palme mehr. Aber die Äste und Blätter haben Möglichkeiten zur Entfaltung.“

Teege war in der Hamburger Zentralbibliothek zufällig auf ein Buch gestoßen. „Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?“ war der Titel, es erzählte in Interviewform die Lebensgeschichte von Monika Göth, der Tochter des Österreichers Amon Göth, bekannt geworden als „Schlächter von Płaszów“: Als Kommandant des Konzentrationslagers in der Nähe von Krakau verantwortete er 8000Morde, im Film „Schindlers Liste“ spielte Ralph Fiennesdiesen Sadisten, der morgens zum Warmwerden vom Balkon seiner Villa mit dem Jagdgewehr auf Häftlinge schoss und Hinrichtungen mit klassischer Musik untermalte.

 

„Ich stand dann vor dem Spiegel“

Den Film hatte Teege gesehen, eine Verbindung zu sich hatte sie natürlich nicht hergestellt. Den Namen Monika Göth erkannte sie aber, auch deren Geburtsdatum, das jenem in Teeges Adoptionsunterlagen entsprach: Es war ihre leibliche Mutter. Auch ihre Großmutter, die sie noch als warmherzige Person in Erinnerung hatte, kam im Buch vor. Viel wusste Teege davor nicht über ihre Familie. Die in München als Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers Geborene kam im Alter von vier Wochen in ein Säuglingsheim, mit vier Jahren zu einer Pflegefamilie, mit sieben wurde sie adoptiert – danach hatte sie keinen Kontakt mehr zur leiblichen Familie. Vom Großvater, der 1946 wegen Massenmordes zum Tode verurteilt wurde, hatte ihr nie jemand erzählt.

Doch da, auf diesem Buchumschlag in der Bibliothek, war sein Bild. „Ich stand dann auch vor dem Spiegel. Es gibt äußere Gemeinsamkeiten“, erzählt Teege. Hatte ihr Großvater auch seine Eigenschaften an sie vererbt? „Es gibt natürlich kein Nazi-Gen“, sagt sie heute entschieden, doch bis zu dieser Gewissheit vergingen Zeit und Therapien, Recherchen und Reisen, etwa an die Gedenkstätte des KZ Płaszów.

Die Suche nach den Wurzeln, die wohl alle adoptierten Kinder umtreibt, hatte zu einem Ergebnis geführt, einem beängstigenden. Ist Nichtwissen jemals besser? „Nein“, sagt Teege entschieden. „Und es ist irrational zu glauben, dass etwas, was man nicht weiß, keine Rolle spielt.“ Es war ihr daher wichtig, vor ihren beiden Söhnen, die mittlerweile im Jugendalter sind, transparent mit dem Thema umzugehen. „Es gibt keine Geheimnisse. Wenn da etwas Dunkles ist, soll es ans Tageslicht.“ Auch mit ambivalenten Gefühlen hat sie sich abgefunden, etwa der Großmutter gegenüber, die sie als Kind so mochte, die aber, wie sich herausstellte, bis zu ihrem Tod ein Bild des Großvaters über dem Bett hängen hatte. „Darf man diese positiven Gefühle noch formulieren? Ich habe für mich entschieden, dass es möglich ist, beides zu empfinden.“

 

„Wien ist ein Stück Heimat“

Eine Sache, die Teege bis heute erstaunt: Was ihre dunkle Hautfarbe betrifft, hatte ihre Großmutter „keine Ressentiments. Das ist die Komplexität der Geschichte.“ Vor fünf Jahren schrieb Teege ein Buch: „Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen“. Die Berliner Künstlerin Magda Korsinsky ließ sich davon zu einer raumgreifenden Installation anregen, in der Videointerviews von anderen dunkelhäutigen Frauen, deren Großmütter in der NS-Zeit gelebt haben, auf Patchworkdecken projiziert werden. Die Arbeit ist noch bis 10. Juni im Haus der Geschichte zu sehen; heute, Freitag, kommt Teege für ein öffentliches Gespräch mit der Künstlerin nach Wien.

Zu Wien hat sie übrigens eine besondere Beziehung – die nichts mit Amon Göth zu tun hat: Ihre Adoptivoma war Wienerin, oft war Teege zu Besuch, Wörter wie Paradeiser sind für sie ganz normaler Sprachgebrauch. „Wien ist immer ein Stück Heimat.“

AUF EINEN BLICK

Ausstellung und Lesung. Im Haus der Geschichte Österreich ist bis 10. Juni die Kunstinstallation „Stricken“ von Magda Korsinsky zu sehen, die sich mit afrodeutschen Frauen und deren Beziehung zu ihren Großmüttern mit nationalsozialistischer Vergangenheit befasst. Inspiration für die Arbeit war Jennifer Teeges Buch „Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen“. Heute, Freitag, liest Teege im Haus der Geschichte daraus und spricht unter der Moderation von Direktorin Monika Sommer mit der Künstlerin. 19 Uhr, Eintritt frei.