Belarus: Zwischen Prachtstraßen und Plattenbauten

Die Skyline der Belarus-Hauptstadt Minsk.
Die Skyline der Belarus-Hauptstadt Minsk.(c) Getty Images/iStockphoto (bruev)

Weißrussland ist für die meisten Reisenden eine große Unbekannte. Doch die ehemalige Sowjetrepublik überrascht mit Naturschönheiten, europäischer Geschichte und Kultur.

Spielt ein Dokumentarfilm in Paris oder London, sieht man in der Regel – wenn auch nur ganz kurz – die eine oder andere bekannte Sehenswürdigkeit wie den Eiffelturm oder die Tower Bridge durchs Bild huschen. Dann wissen alle Bescheid. Meist war man ja selbst schon einmal dort. Aber was weiß man als Mitteleuropäer vom weißrussischen Minsk, der Hauptstadt eines Landes nicht kleiner als Großbritannien, keine zwei Flugstunden von Wien entfernt? Recht wenig. Wer dann noch Filme sieht, die sich bemühen, alles Äußere möglichst trist und hässlich erscheinen zu lassen, kommt eher nicht auf die Idee, sich diese spannende Metropole und das wunderschöne Land um sie herum einmal genauer anzuschauen.

Kaputte Straßen und heruntergekommene oder seelenlose neue Wohngebiete, wie sie etwa der schwedische Regisseur Staffan Julén in seinem berührenden Dokumentarfilm über die Liebe, „Lyubov – Love in Russian" (der in Minsk gedreht wurde und bei internationalen Filmfestivals zu sehen war), zeigt, gibt es auch in westlichen Ländern. Ebenso jedoch ein modernes Zentrum und eine liebenswerte, schmuck zurechtgemachte Altstadt.

Der Maler Vladimir Schelkun, zufällig einer der Protagonisten des Films, zeigt seinem Gast mit Stolz das hübsche historische Quartier in der Oberstadt. Nachdem Minsk 1499 das Magdeburger Stadtrecht erhalten hatte, entstanden hier neben dem Rathaus Bürgerhäuser, Straßen, Plätze, Kirchen. „Leider ist von der ursprünglichen Bebauung nur wenig übrig geblieben", sagt der Künstler. Umso mehr freut er sich, dass in den vergangenen Jahren so viel saniert und originalgetreu rekonstruiert wurde, darunter das Rathaus, das 1857 unter Zar Nikolai I. abgerissen worden war. Die prunkvolle Mariä-Namen-Kathedrale gleich daneben erhielt schon in den 1990er-Jahren ihre barocken Türme und Fassaden zurück – während der Sowjetzeit wurde das Gotteshaus des katholischen Jesuitenkollegs als Sporthalle genutzt.

Kirchen und Kino

Weitere markante Bauwerke des alten Minsk sind die strahlend weiße, grün gedeckte, barocke orthodoxe Kathedrale des Heiligen Geistes. Gegenüber befinden sich die Josefskirche und Teile des ehemaligen Bernhardinerklosters, in dem jetzt unter anderem ein Restaurant untergebracht ist. Überhaupt ist das Viertel voller Lokale – teils gemütlich rustikal mit nationaler Küche, teils sehr chic und stylish wie Schelkuns Lieblingsweinbar namens Svobody 4.

Vom Rand der Oberstadt schaut man auf den Swislatsch-Fluss und seine weitläufigen Promenaden, die durch mehrere Parks führen, sowie die Dreifaltigkeitsvorstadt, einen kompletten Nachbau aus dem 19. Jahrhundert. Überragt wird alles von hohen grauen Wohnblöcken, die sich rund um die Mitte und bis zum Stadtrand drängen. Irgendwo dazwischen funkeln die vergoldeten Zwiebeltürme der orthodoxen Allerheiligen-Gedächtniskirche im altrussischen Stil. Sie wurde erst nach der Wende gebaut und 2008 fertiggestellt.

Über rund 15 Kilometer zieht sich der Unabhängigkeitsprospekt durch die Zweimillionenmetropole. Die breite Prachtstraße, geprägt von stalinistischer Protzarchitektur der Nachkriegszeit, verbindet die wichtigsten Plätze und Gebäude, darunter Monumentalbauten wie das konstruktivistische Haus von Regierung und Parlament sowie Ministerien, Unis, Banken, Kinos, Geschäfte und Hotels. Im Kontrast zu den überwiegend farblosen Fassaden und strengen Formen, die nicht von Werbung gestört werden dürfen, steht die neoromanische Simon-und-Helena-Kirche. Der rote Backsteinbau diente im Sozialismus als Kino.

Brot und Bäurinnen

Echte Sehenswürdigkeiten am Unabhängigkeitsprospekt sind das runde Kuppelgebäude des staatlichen Zirkus sowie der Supermarkt Centralny, beide aus den 1950ern. Die hohen, mit prächtigen Säulenbögen, Lustern, Stuck und Wandgemälden ausgestatteten Räume des Lebensmittelladens erinnern an feudale Schlösser. Statt gekrönter Häupter zeigt die Bildergalerie jedoch – passend zu Schinken, Brot und Käse, die darunter verkauft werden – stolze Bäuerinnen mit Kühen, Korn und Früchten. Ein markantes Beispiel für die Epoche, in der nach Stalins Willen selbst Metrostationen als „Paläste der Werktätigen" gestaltet wurden. Ein Beispiel neuerer Architektur ist jenes der weißrussischen Nationalbibliothek, ein komplexer Bau in Form eines archimedischen Körpers.

Mit dem Bus aufs Land

Aufs Land soll es nun wirklich gehen, diesmal allerdings zu Schlössern echter Fürsten. Noch ein Blick vom Hauptbahnhof auf das „Stadttor" (verwandt etwa mit dem Frankfurter Tor in Berlin) im stalinschen Hochzeitstortenstil mit seinen beiden eckigen Wohntürmen – dann startet der Linienbus nach Njaswisch

Die Kleinstadt liegt 120 Kilometer südwestlich von Minsk. Sie hat ein hübsches Rathaus und mit der Fronleichnamskirche aus dem 16. Jahrhundert eines der ältesten Jesuitengotteshäuser der Welt. Bekannt ist sie aber vor allem für ihr Schlossensemble, das, umringt von einem Wassergraben, in einem Park am See liegt. Eigentümer des imposanten Anwesens sind über Generationen die Radziwiłłs gewesen, die mächtigste Adelsfamilie in Polen-Litauen, zu dem auch das Gebiet des heutigen Weißrussland gehört hat.

Nicht weniger beeindruckend ist das nur eine halbe Autostunde entfernte Schloss Mir, einst ebenso im Besitz der Radziwiłł-Fürsten. Beide festungsähnlichen Paläste aus dem 16. Jahrhundert vereinen Baustile von Gotik bis Barock, sind Unesco-Weltkulturerbe und bieten außer Museumsbesuchen preiswerte Übernachtungen und Gastronomie an. An die einst bedeutende jüdische Bevölkerung von Mir, die größtenteils im Holocaust gestorben ist, erinnert heute nur noch wenig. Mit sieben Synagogen war der Mir eines der wichtigsten Schtetl Osteuropas – so wie viele andere Orte in Weißrussland auch eine große jüdische Gemeinschaft hatten.

Belarus-Info

Einreise: Kein Visum bei der Einreise auf dem Flughafen Minsk für Aufenthalte bis zu 30 Tagen nötig (außer bei der Einreise aus der Russischen Föderation), mit gewöhnlichem Reisepass.

Direktflüge: 1:45 h zwischen Wien und Minsk bei der weißrussischen Airline Belavia. www.belavia.by

Pauschalreisen: u. a. bei Intrepid Travel (www.intrepidtravel.de) oder bei Ruefa Studienreisen. www.ruefa.at

Buchtipp: „Weißrussland" von André Böhm, Maryna Rakhlei (Trescher-Verlag).