Wenn der EZB-Rat heute in Lissabon zusammentritt, wird der Leitzins nur eine Nebenrolle spielen. Es wird damit gerechnet, dass die EZB selbst griechische Anleihen kauft.
Der EZB-Rat hat am Vormittag unter dem Eindruck der Griechenland-Krise in Lissabon mit Beratungen über den künftigen Kurs der Notenbank begonnen. Auf dem Tisch des EZB-Rats, der sich zweimal im Jahr nicht am Stammsitz der Notenbank in Frankfurt trifft, liegt das Rettungspaket für Griechenland. Dessen mögliche Folgen für die Zentralbank dürften die Debatte bestimmen.
Die EZB hatte erst am Montag bekanntgegeben, dass sie auch künftig die mittlerweile als Ramsch eingestuften Anleihen des im Krisensumpf steckenden Mittelmeerlandes als Sicherheiten gegen Zentralbankgeld akzeptieren wird. An den Finanzmärkten wird mittlerweile darüber spekuliert, dass die Notenbank im schlimmsten Fall sogar griechische Staatsanleihen aufkaufen könnte.
Tabu gebrochen
Fragen über Fragen, denen sich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet wird stellen müssen, wenn er wie gewohnt um 14.30 Uhr, eine dreiviertel Stunde nach dem offiziellen Zinsbeschluss, vor die Presse treten wird. Viele Beobachter und Analysten fordern von ihm Erklärungen, warum die EZB und auch er persönlich in der Griechenland-Krise in den zurückliegenden Wochen ein vormaliges Tabu der Notenbank nach dem anderen gebrochen hat. Investoren und Spekulanten an den Märkten sind gespannt auf die Antworten des mächtigen Zentralbankchefs, dessen Amtszeit in gut eineinhalb Jahren zu Ende geht.
Experten gehen davon aus, dass der Schlüsselzins für die Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld auch weiterhin bei 1 Prozent bleibt. Er liegt seit genau einem Jahr auf diesem historisch niedrigen Niveau. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte damals wie andere Notenbanken auch ihre Zinsen massiv gesenkt, um die Banken in der schwersten Krise seit Jahrzehnten zu entlasten. Derzeit spielt die eigentliche Geldpolitik aber lediglich eine Nebenrolle.
(APA)