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Jay-Jay Johanson: Songs über Schweiß, Tabak und treulose Freundinnen

Jay-Jay Johansons Album „Kings Cross“
Jay-Jay Johansons Album „Kings Cross“(c) Kuroneko/29 Music/Hoanzl
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KritikStille Hymnen auf die Paradoxien des Lebens: Jay-Jay Johansons Album „Kings Cross“ ist ein Meisterwerk. Romantik mit Abgründen.

„It Hurts Me So“ hieß das erste Lied seines Debütalbums, „Whiskey“, im Jahr 1996. Seither hat der der blonde, dünne Schwede Jay-Jay Johanson den Schmerz in vielen Facetten besungen, meist romantisierend, zuweilen im Gewitter von Loops und Technogeräuschen. Mit „Kings Cross“ liefert er nun ein Meisterwerk ab, das mit jedem Mal hören faszinierender wird.

Singende Basslinien locken in die karge Erzählung von „Not Time Yet“. Zu grüblerischen Flöten und geheimnisvollem Zischeln entrollt Johanson ein offenbar postkoitales Szenario, bei dem es einem der beiden unendlich schwerfällt zu gehen. Am Ende rafft er sich, allen Unwägbarkeiten zum Trotz, doch zum Abschied auf. Umflort von fragilen Sounds. Johanson spielt Klavier, Trompete, Gitarre und würzt zuweilen mit Samples. Die Anmutung seiner Musik ist akustisch, die elektronischen Zusätze sind extrem dezent.

Jay-Jay Johansons Album „Kings Cross“
Jay-Jay Johansons Album „Kings Cross“(c) Kuroneko/29 Music/Hoanzl

Johansons Stammtrio wird u. a. von Robin Guthrie (einst bei den Cocteau Twins) und der französischen Sängerin Jeanne Added verstärkt. Das Duett mit Added heißt „Fever“, ist aber nicht der Jazzklassiker, sondern eine schummrige Eigenkomposition, die mit Kontrabass, Fingerschnippen und einigen elektronischen Signalen hohen Liebreiz ausstrahlt. Mit dem Geständnis „The perfume of your unkempt hair can give me goosebumps anytime“ betritt Johanson mutig jene Sphären, in denen leichter Ekel erotisiert. Und bald schwimmt er in einem „pool of sweat“.

Nur nichts auf morgen verschieben!

Kurios auch das von einer lieblichen Flöte eingeleitete „Swift Kick in the Butt“. Warum braucht der Mensch solche Tritte? Weil Prokrastinieren nicht guttut. Schon gar nicht, wenn es um Gefühle geht. Und auch Ideen soll man nicht, wie Heidegger sagen würde, im Werdegrund belassen: „So many great ideas that just never become real“, klagt Johanson. Seine Conclusio? „We better live our lives right now.“
Ein Hit von der Ohrwurmqualität seines alten Songs „So Tell the Girls That I Am Back in Town“ ist auch dabei. Er heißt „Heard Somebody Whistle“ und erfreut mit luftigem Arrangement. Dicke Basslines, jazziges Getrommel und ein übermütiges Pfeifen begleiten den spöttischen Gesang.

In „Smoke“ preist Johanson, der bleiche Mann im Hahnentrittsakko, der so skeptisch vom Cover blickt, Verbotenes: das Rauchen. Nicht so verbissen wie Kollege Joe Jackson, aber doch: „The smoke from a cigarette is all that I need to get transported back in time to the moment when you were mine.“ Rauch als Trigger für romantische Erinnerungen. So innig wie das hier gesungen ist, betört es garantiert auch militante Nichtraucher. Weitere Themen auf dieser bestechenden Songsammlung sind alte Hunde und treulose Freundinnen. „Leave me alone, you promised me you'd never leave me alone“, lautet da der paradoxe Refrain. Das Leben kann so schön sein, wenn es kompliziert ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2019)