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Ohne Umwege: Niki Lauda, der Grenzgänger mit dem roten Kapperl

Trauer um Niki Lauda: Österreichs Motorsportlegende verstarb Montagabend im Alter von 70 Jahren.
Trauer um Niki Lauda: Österreichs Motorsportlegende verstarb Montagabend im Alter von 70 Jahren.(c) imago images / Kräling (Bildagentur Kräling)

Der Rennfahrer. Niki Lauda bestritt 171 F1-GP, er gewann dreimal die WM, führte Mercedes auf die Überholspur. Doch der Feuerunfall 1976 veränderte sein Leben von Grund auf.

Niki Lauda verstand sein Geschäft wie kaum ein anderer. Er war immer erreichbar, zu markanten Aussagen bereit und nie um Kritik oder einen räuspernden Hauch Ironie verlegen. Er war Rennfahrer, der dreimal die Formel-1-WM gewann und vor allem bewundert wurde, weil er nach dem Feuerunfall auf dem Nürburgring 1976 das Schicksal besiegte. Er war neben Arnold Schwarzenegger Österreichs berühmtester Weltstar.

Mit Schmäh und Charme, mit seinem Auftreten und seinem roten Kapperl verkörperte er eine unglaubliche Kämpfernatur. Und Lauda war auch als Airliner und Geschäftsmann erfolgreich. Er war seit 2012 Anteilseigner beim F1-Team Mercedes, ihm gehörten zehn Prozent dieses rasenden Millionenunternehmens. Zusammen mit dem Wiener Toto Wolff formte er aus den Silberpfeilen auch eine Siegermannschaft: Seit 2014 gewann Mercedes jede WM. Egal ob Fahrer- oder Konstrukteurswertung. Und darauf war Lauda genauso stolz wie auf seine Errungenschaften in der Vergangenheit.

 

Karriere mit Krediten gestartet

Einzigartig war schon sein Weg in den Motorsport. Er setzte gegen den Willen seiner Eltern – und vor allem seines Großvaters – unaufhaltsam den innigen Wunsch durch, Rennfahrer zu werden. Legendär war die Reaktion seines Großvaters Hans Lauda, einst Präsident der Industriellenvereinigung, auf die Idee seines Enkels: Ein Lauda müsse nicht auf der Titelseite der „Kronen-Zeitung“, sondern im Wirtschaftsteil der „Presse“ stehen. Der Enkel blieb hartnäckig, borgte sich Geld von Oma und nahm Kredite bei der Bank auf – und schaffte es.

1968 raste er als 19-Jähriger in einem Mini Cooper S 1300 auf Platz zwei.

Er fuhr Formel V, ersetzte bei Kaiman den Steirer Helmut Marko (heute Motorsportberater bei RB Racing), der in die Formel 3 aufstieg, in der auch Lauda wenig später selbst mitfuhr und die Gefahr schnell kennenlernte mit spektakulären Unfällen (1970). Um seinen großen Traum, den Einstieg in die Formel 1, finanzieren zu können, fuhr Lauda Tourenwagen (Porsche 908/2), 1973 gewann er das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring.

Da fuhr er schon seit zwei Jahren in der Königsklasse, die er im Lauf der Jahre lieben, verteufeln, verlassen und zurückerobern sollte. Sein Debüt stieg 1971 beim Großen Preis von Österreich, er fuhr für March-Ford (Ausfall). Im Jahr darauf kaufte er sich das Cockpit für die ganze Saison, zwei Millionen Schilling soll es gekostet haben. Im Rückspiegel betrachtet lachte er oft über diese Summe. Es mag was dran gewesen sein, dass ihn manch einer für geizig hielt.

 

Ferrari! Der Lockruf der Scuderia

Als 1974 Enzo Ferrari anrief, veränderte sich sein Leben erneut. Ferrari war damals mit Sportwagen erfolgreich, aber seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr in der F1. Lauda stellte alles auf den Kopf, 1975 wurde er erstmals Weltmeister mit der Scuderia. Die Italiener liebten ihn, die Österreicher auch, Skifahrer jedoch noch viel mehr. Bei der Wahl zum Sportler des Jahres wurde Lauda Zweiter hinter Franz Klammer.

Aber das Jahr 1976 änderte endgültig alles mit dem verheerenden Feuerunfall auf dem Nürburgring. Sein Ferrari 312T2 ging in Flammen auf, fast 200 Liter Benzin fingen Feuer – und Lauda wurde schwerst verletzt geborgen, weil es Arturo Merzario gelang, die Gurte zu lösen. Er zog sich Lungenverätzungen und schwere Hautverbrennungen zu – er fiel ins Koma. Man bangte um ihn, der Priester stand der Legende zufolge für die letzte Ölung schon parat. Doch nach nur 42 Tagen, quasi direkt aus der Intensivstation kommend, saß Lauda wieder im Cockpit. Er fuhr dem Tod davon, doch eine lädierte Lunge und zwei Nierentransplantationen forderten fortan ihren großen Tribut.

 

Das Leben nach dem Feuerunfall

1977 stand der Bruch mit Ferrari bevor, Bernie Ecclestone hatte ihn zu Brabham gelockt. Zum zweiten Mal Weltmeister wurde er dennoch, und er war auch mit seiner Lebensgeschichte endgültig zu Österreichs Nummer eins geworden. 1984 (McLaren) feierte er nach seinem Comeback den dritten Titel – der Franzose Alain Prost hatte um einen halben Punkt das Nachsehen.

Es war eine abenteuerliche F1-Karriere mit 171 Rennen, 25 Siegen, 54 Podestplätzen und 24 Pole Positions. Ob March (1971–1972), BRM (1973), Ferrari (1974–1977), Brabham (1978–1979) oder McLaren (1982–1985): Lauda war letzten Endes bei allen der Star. Seine Rennen, Sprüche, Fehden sowie die erbarmungslosen Rad-an-Rad-Duelle mit James Hunt wurden zur Legende – und 2013 sogar von Hollywood („Rush“) verfilmt. Er blieb auch nach dem Karriereende der Formel 1, über die er sich zwar so oft belustigte, die er aber als besten Arbeitsplatz der Welt betrachtete, treu. Als Berater, Kommentator, Teamchef (Jaguar) oder Aufsichtsratschef, dem kein Pilot etwas vormachen konnte, weil er jede Strecke verinnerlicht und alle Tricks des Motorsport gelernt hatte.

 

Das höchste Gut: Seine Familie

Im Rückblick auf den Feuerunfall wurde er oft ernst und nachdenklich. Als ob er gewusst hätte, was auf ihn zukommt. „Wenn man auf der Kippe steht, dann will jeder überleben, wenn er im Kopf stark ist und genügend Kraft hat.“ Denn: „Das Leben ist schön.“ Angst vor dem Tod habe er dennoch nicht, auch wenn er nicht glaube, dass es nach dem Tod etwas gebe, sagte er.

Niki Lauda schlief Montagabend, nur wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag, „im Kreise seiner engsten Familie in der Universitätsklinik in Zürich friedlich ein“, teilte die Familie Lauda Dienstagvormittag in einem Statement mit. „In den letzten zehn Monaten waren wir jede Minute an seiner Seite. Wir haben mit ihm gelacht, geweint, gehofft und gelitten, aber schlussendlich verließen Niki gestern seine Kräfte.“

Die wichtigsten Stationen:

Am 22. Februar 1949 wird Andreas Nikolaus Lauda in Wien in eine Industriellenfamilie geboren. Seine Eltern und der Großvater lehnen die Rennfahrerambitionen ab. Er borgt Geld von der Bank und fährt damit erste Rennen.

Das erste Formel-1-Rennen fährt er 1971 in Österreich. Er fällt aus. Drei Jahre später – inzwischen in einem Ferrari – gelingt ihm in Spanien der erste Grand-Prix-Sieg, 1975 erringt Lauda seinen ersten Weltmeistertitel.

Am 1. August 1976 prallt sein Ferrari auf dem Nürburgring gegen eine Felswand und geht in Flammen auf. Er wird mit schweren Verbrennungen aus dem Wrack gezogen. Die Unfallursache wurde nie bekannt gegeben. 42 Tage später steigt Lauda in Monza wieder ins Cockpit und wird sensationell Vierter.

1977 wird Lauda zum zweiten Mal Weltmeister. Er wechselt nach Differenzen mit Enzo Ferrari zu Brabham. Die rote Kappe des Brabham-Sponsors Parmalat wird sein Markenzeichen. Nach einigen Intermezzi war die Kappe zuletzt wieder rot. Ende 1979 tritt Lauda von seinem Vertrag zurück, er wolle „nicht mehr im Kreis fahren“. Er beginnt, eine eigene Fluggesellschaft, die Lauda Air, aufzubauen.

1982 kehrt er zur Formel 1 zurück, dieses Mal zu McLaren. Zwei Jahre später gewinnt er zum dritten Mal den Weltmeistertitel. Insgesamt gewann Lauda 25 Formel-1-Rennen (171 Starts).

Als Ferrari-Berater (1993 bis 1995) lotst er Michael Schumacher zur Scuderia. Von 2001 bis 2002 ist Lauda Rennleiter und Teamchef des Jaguar-Teams. Bis zum Saisonende 2017 ist er außerdem als TV-Experte für RTL tätig.

Mercedes beruft Lauda im September 2012 zum Aufsichtsratsvorsitzenden seines Formel-1-Werksteams. Anfang 2013 erwirbt er zehn Prozent der Anteile am Rennstall. Zwischen 2014 und 2018 fährt Mercedes mit Lewis Hamilton (4) und Nico Rosberg (1) fünf Fahrer- und fünf Konstrukteurstitel in Serie ein. Auch heuer liegen die Silberpfeile auf WM-Kurs.

Lauda Air wird 1988 mit Linienkonzession neu aufgestellt. Die Airline wächst mit attraktiven Strecken. Der Rückschlag folgt am 26. Mai 1991, als die Boeing 767 mit Namen „Mozart“ über Thailand abstürzt. Alle 223 Insassen sterben. Lauda pocht auf die Klärung der Unfallursache und gewinnt das Verfahren gegen Boeing.

Lufthansa wird 1992 erster Partner. 1997 folgt die AUA, 2002 erfolgt die Komplettübernahme. Lauda ist zwei Jahre zuvor ausgeschieden – nicht ganz freiwillig. Der Machtkampf gipfelt im Flugverbot, das ihm von der AUA auferlegt wird.

Nach der Insolvenz der Aero Lloyd übernimmt Lauda Anteile der Österreich-Tochter und gründet 2003 Niki. Als Partner holt er Air Berlin an Bord. Im August 2017 geht Air Berlin Pleite, im Dezember 2017 folgt Niki.

Am 23. Jänner 2018 kauft Lauda Niki zurück und baut sie zu Laudamotion um. Er beteiligt die irische Ryanair, die Laudamotion Ende 2018 vollständig übernimmt.

Am 20. Mai 2019 stirbt Lauda im Alter von 70 Jahren in der Universitätsklinik von Zürich. Die Todesursache bleibt unklar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2019)