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EU, ein Segen für die Wissenschaft, aber es gibt noch Luft nach oben

Ohne EU herrschte in der europäischen Wissenschaft der Kantönligeist. Fazit? EU wählen, denn ohne sie haben Europa und Österreich wenig Zukunft.

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Ich will ich mir gar nicht vorstellen, wie es der Wissenschaft im nationalstaatlichen Europa ohne EU ginge. Der Segen der offenen Grenzen ermöglicht es, ohne bürokratische Hürden Dissertanten, PostDocs oder Kollegen zwischen beliebigen Laboren im EU-Bereich auszutauschen. Dies beflügelt die in den Wissenschaften so wichtige Konkurrenz zwischen den und um die besten Köpfe. Dieser konkrete Geist der Freiheit trug manche österreichische Institution und manchen Wissenschaftler an die absolute Weltspitze, etwa bei der Quantenphysik, der Molekularbiologie, den Verhaltenswissenschaften, etc. Aber ohne Geld keine Musik. So sind die europäischen Wissenschaften ohne EU-Mittel nicht denkbar. Unterschiedliche Förderprogramme betonen zwar noch zu stark die Anwendung, aber auch die Grundlagenforschung profitiert immer stärker. Die EU-Wissenschaftsförderung entwickelte sich damit auch zu einem fruchtbaren Weg, sich die nach Brüssel geflossenen Mittel mit viel Mehrwert wieder zurückzuholen.

Eine besondere Erfolgsgeschichte wurde das Erasmusprogramm; es feierte 2017 sein 30-jähriges Bestehen. Es ermöglichte insgesamt 4,5 Millionen Studierenden für ein bis zwei Semester im Ausland zu studieren. Heute gibt es auch Erasmus für Lehrlinge und Jungunternehmer. Damit unterstützte Erasmus die europäische Integration, das wechselseitige Verständnis und den Wissensaustausch mehr als alle anderen Maßnahmen der EU. Und das um weniger als etwa 500 Millionen Euro pro Jahr. Hell scheint also das Licht der EU-Wissenschaftsförderung, aber es gibt auch Schatten. So haben die gesellschaftlichen Bedingungen auch in Österreich noch deutlich Luft nach oben. Zudem sind die finanziellen Bedingungen für eine wirklich entfesselte europäische Wissenschaft, sowohl auf EU-Ebene als auch in den Nationalstaaten, noch nicht erfüllt. Die EU investiert etwa künftig mit etwa 14 Milliarden Euro im Jahr gerade so viel in die Wissenschaft wie der Google-Konzern.

Dagegen werden von 2020 bis 2027 weiterhin 40 Prozent des EU-Budgets in eine nicht nachhaltige Landwirtschaft fließen, also etwa fast 60 Milliarden Euro pro Jahr. Das kann Europa nicht zukunftsfit machen. Und nicht alle Staaten erledigen ihre Hausaufgaben. So liegt etwa Österreich mit seinen Ausgaben für Research & Development (R&D) in Europa hinter Schweden zwar an zweiter Stelle, die Ergebnisse sind aber im Schnitt bloß gutes EU-Mittelmaß. Weil nämlich die schlitzohrigen Ösis erstens allzu viel direkte Wirtschaftsförderung in R&D einrechnen und zweitens viel zu wenig für die Grundlagen ausgeben. Im Moment fließen in Österreich über 200 Millionen Euro pro Jahr per FWF in die Top-Grundlagenforschung. Das ist zwar mehr als zuvor, aber mit knapp zwei Prozent der gesamten Forschungsausgaben immer noch viel zu wenig; etwa, um die heimische Wissenschaft wirklich konkurrenzfähig um EU-Mittel zu machen. Man darf gespannt sein auf die für Herbst angekündigte Exzellenzoffensive.

Noch etwas: Ohne EU herrschte in der europäischen Wissenschaft der Kantönligeist. Noch immer tun sich die Regierungen hinter den nationalen Forschungsförderungsinstitutionen sehr schwer, eine europäische Harmonisierung der Förderungen und damit eine verstärkte Zusammenarbeit zuzulassen. Fazit? EU wählen, denn ohne sie haben Europa und Österreich wenig Zukunft.

Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i. R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2019)