Krisenfeste Gefühle sorgen in der Hochzeitsmode für Hochkonjunktur. Die Ansprüche der Braut werden gerade in Zeiten ökonomischer Flaute immer höher.
Mit Gefühl geht alles besser: Das stimmt natürlich auch in der Mode, und zwar in jeder erdenklichen Hinsicht. In dem in höchstem Maße emotionsgesteuerten Bereich der Hochzeitsmode nämlich ist eine geradezu explosionsartige Entwicklung zu beobachten. Eigene Capsule Collections wurden unlängst von renommierten Häusern wie Carolina Herrera, Oscar de la Renta, Lanvin und Vivienne Westwood lanciert. Im wohl bestückten Brautmodenrayon des Luxusonlineshops Net-a-porter.com finden sich auch Modelle von Avantgardelabels wie Erdem oder Halston, die man eher nicht mit Kutschenfahrten und Straußwerfen assoziiert. Auch zu haben: Modelle der Londoner Designerin Alice Temperley, deren Brautkollektion mittlerweile fast bekannter ist als ihre „ledige“ Prêt-à-porter. „Paare werden immer heiraten – die Ansprüche der Braut werden aber gerade in Zeiten ökonomischer Flaute immer höher. Die Passform muss perfekt, die Stoffe müssen kostbar sein“, will Temperley eine Art Flucht nach vorn feststellen.
Bridal-Boom. Natürlich könnte man Mutmaßungen anstellen, dass sich in Tagen krisenbedingter Entbehrungen die Menschen nach Zweisamkeit und wahren Werten wie dem immerwährenden Ehebund sehnen. Dies keineswegs in Abrede stellend, ist es in Modedingen derweil realistischer, dass viele Labels in einem bislang vernachlässigten Bereich Umsatzeinbußen auszugleichen hoffen. Lange nämlich umwehte eine Brise der Verstaubheit das Segment, und auch das Brautmodell am Ende jedes Couture-Defilees war nicht eben die Inkarnation des Progressiven. „Es gab schon immer Kundinnen, die uns nach Hochzeitskleidern gefragt haben. Anfangs haben wir uns selbst ein bisschen dagegen gesträubt“, meinen Annette Prechtl und Sandra Thaler vom Label Elfenkleid, die erst letztes Jahr eine eigene White Collection lancierten. „Jetzt merken wir aber, dass der Bereich sehr gut zu uns passt und wir damit eine Nische bedienen.“ Schließlich ist der Schritt vor den Altar nicht für jede Braut mit Opulenz in Seidensatin gleichzusetzen.
Einfallsreichtum. So sehr es um die großen Gefühle geht, so heiß umkämpft ist der Heiratsmarkt auf Anbieterseite. Das bestätigt auch Ursula Effenberger, Organisatorin der Wiener Hochzeitsmesse „Trau Dich!“. „Die Hersteller müssen sich heute einiges einfallen lassen. Vor zwanzig Jahren war das noch anders, da wurden die meisten Kleider einfach dort gekauft, wo schon die Brautmutter ihres erstanden hatte.“ Auch wenn traditionell in den Monaten Mai und Juni Hochzeitshochsaison herrscht und sich auch der September wachsender Beliebtheit erfreut, der Traum in Weiß (oder Pastell) will von langer Hand vorbereitet sein.
Die Auswahl ihres Kleides steht üblicherweise weit oben auf der Erledigungsliste einer Braut. Im traditionsreichen Wiener Brautsalon Flossmann etwa setzt die Nachfrage gleich nach den Weihnachtsfeiertagen ein. Man berät Bräute, die sich nach allen Regeln der Kunst in aufwendiger Maßkonfektion einkleiden möchten. Einen Boom sieht Julien Flossmann allerdings nicht. „Bei uns sind die Kundenzahlen seit Jahren etwa gleich bleibend. Wichtig ist auf jeden Fall eine zufriedene Braut, die uns weiterempfiehlt. Die Schwierigkeit besteht ja darin, dass wir keine Stammkundinnen haben und jedes Jahr neu werben müssen.“
Farbenpracht. Neben avantgardistischer Hochzeitsmode und romantischen Rüschenträumen kommt im alpenländischen Raum auch der Tracht große Bedeutung zu. „Wir sind in der Hochzeitsmode nicht auf einen fahrenden Zug aufgesprungen, weil sie für uns seit jeher wichtig ist. Allerdings fährt auch bei uns der Zug jetzt ein bisschen schneller“, meint Gexi Tostmann – die Grande Dame der österreichischen Tracht. „Wir haben eine große Auswahl von Hochzeitsmodellen und fertigen auch nach Maß. Neben den sogenannten echten Trachten bieten wir auch modisch abgewandelte Kleider an.“ Immer wieder werde übrigens von kunstsinnigen Bräuten eine Replik des Hochzeitsdirndls aus Ferdinand Georg Waldmüllers Gemälde „Niederösterreichische Bauernhochzeit“ verlangt. Der lebendige Farbenreichtum dieser Szene ist in der Tat so verlockend, dass man die Tableau-vivant-Gelüste von trachtenaffinen Brautleuten nachvollziehen kann.
Wachstumspotenzial. Neue Kundenkreise könnten sich bald dank der veränderten Gesetzeslage einstellen, die ja seit Jänner 2010 eingetragene Partnerschaften für
homosexuelle Paare vorsieht. „Das Thema wurde heuer erst von wenigen Ausstellern aufgegriffen, allerdings war das zeitlich auch sehr knapp“, meint Ursula Effenberger. Für die nächste Ausgabe der „Trau Dich!“ erwartet sie freilich ein deutliches Anwachsen des spezifischen Angebots. „Wir fragen ja nie, ob unsere Kundinnen Männer oder Frauen heiraten“, meint auch Sandra Thaler von Elfenkleid. „Vielleicht war schon jemand dabei.“ Schließlich fungiert Mode immer wieder als Seismograf für gesellschaftliche Entwicklungen. So wird es spannend sein zu sehen, ob und wie sich jüngste Veränderungen auch in der Hochzeitsmode niederschlagen.