Lena Meyer-Landrut: Den Auftritt (fast) verpatzt

Lena Meyer-Landrut
Lena Meyer-LandrutEPA ( JOERG CARSTENSEN)
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Deutschland schickt Lena Meyer-Landrut ins Song-Contest-Rennen. Die 18-Jährige maturiert, trotzdem reden alle nur von Nacktbildern der Künstlerin in einer Doku-Soap.

Über die guten oder die möglicherweise wirklich wichtigen Ereignisse wird selten berichtet. Dass Lena Meyer-Landrut gerade die schriftliche Matura hinter sich gebracht hat, wissen wenige. Dass sie die Deutschprüfung mit einer 2- bestanden hat, demnach auch. Dass sie in einer Dokusoap für einige Sekunden nackt zu sehen war, wissen seit Mittwoch in Deutschland so gut wie alle.

In einigen Wochen wird die 18-Jährige für Deutschland am Eurovision Song Contest (ESC) in Oslo teilnehmen. Das von Stefan Raab moderierte Casting „Unser Star für Oslo“ hat die Hannoveranerin mehr durch Zufall und ihr charmantes Lächeln als durch Können gewonnen. Sie singt Englisch mit passablem Akzent, sagt aber: „Ich war noch nie in England. Der Akzent ist das Werk meines Englischlehrers“. Trotzdem haben sich die Deutschen schnell in die Dunkelhaarige mit dem Tatoo auf der Innenseite am linken Oberarm „verguckt“, wie man es Bundesdeutsch ausdrücken würde. Das Feuilleton versucht seit Wochen, ihren Erfolg zu ergründen, zieht sogar Parallelen zu Effi Briest. Die Deutschen hätten seit der Schaffung dieser literarischen Figur von Theodor Fontane „eine Schwäche für leicht unangepasst höhere Töchter“, schreibt etwa „Spiegel Online“ am vergangenen Mittwoch. Eine solche höhere Tochter sei auch Meyer-Landrut. Maturantin und Spross einer bürgerlichen Familie. Spätestens nach diesem Satz wird gerne auf ihren Großvater verwiesen, den Botschafter und Chef des Bundespräsidialamtes unter Richard von Weizsäcker.

Die Tätowierung auf dem Oberarm war bisher der einzige Ausdruck winzig-kleiner Rebellion. Wenn eine in den Arm geritzte Lilie überhaupt für so etwas stehen kann.


Seit Dienstag ist das Image der 18-Jährigen um eine leicht skurrile Facette reicher. Da veröffentlichte der deutsche Privatfernsehsender RTL Bilder von ihr, die sie nackt in einer Dokusoap zeigen. Besonders perfid vom Sender: Er dreht im Vorjahr die zehnteilige Dokusoap „Helfen Sie mir“, bei der Meyer-Landrut als Komparsin auftritt, und bringt nun, da sie bekannt ist, absichtlich das „verfängliche“ Material. Die „Bild“ war rasch zur Stelle, zeigte „die nackte Lena“ tags darauf auf der Titelseite und schon haben einschlägige Seiten ihren Skandal. Einen „aufgeblasenen Busenblitzer“ nennt hingegen der „Stern“ die kleine Posse und verweist damit auf die besonders beliebte Methode weiblicher Stars, die an Popularität verlieren, bei Live-Auftritten wie unabsichtlich ihren Busen zu zeigen (in den prüden USA eine Schande) oder eine Frau zu küssen (nachzuschlagen bei Madonna und Britney Spears).

Und was sagt Lena Meyer-Landrut? Die gibt sich betont gelassen. „Ich hab's gemacht, ich find's ok, ich hab' keinen Porno gedreht“, sagt sie. Seit ihrem zwölften Lebensjahr wollte sie Schauspielerin werden. Sie dachte, mit der Rolle in der Dokusoap werde sie diesem Traum ein bisschen näher kommen. „Es war nur eine Rolle, ich war ja nicht ich.“

So spricht eine junge Frau, die ganz genau weiß, was Bilder, wie die nun kursierenden, schaden oder eben auch helfen können. Und natürlich: Die ganze Sache ist ziemlich absurd, schließlich hat man die Sendung erst vor wenigen Monaten live auf RTL sehen können, nur war Meyer-Landrut da eben noch nicht bekannt. Sie trat auch bei Gerichtsshows und in Krimiserien als Statistin auf. Für Befürworter der 18-Jährigen nur der Beweis, dass sie Spaß am öffentlichen Auftritt hat und bestens für Oslo gewappnet ist. Kurz gesagt: ein Skandal, wo gar keiner ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2010)

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