Schwanken im Rausch der Geometrie

Alles dreht sich: Marina Apollonio, „Spazio Ad Attivazione Cinetica 6B“ (1966–2015).
Alles dreht sich: Marina Apollonio, „Spazio Ad Attivazione Cinetica 6B“ (1966–2015).Mumok

Ein Zauberland auf zwei Stockwerken: „Vertigo“ zeigt eine Geschichte des Schwindels, der Täuschungen – und die Op-Art als ersten Manierismus der klassischen Moderne. Eine große Ausstellung.

So eine große, die ganze Familie unterhaltende Ausstellung gab es seit der großen Erwin-Wurm-Ausstellung nicht mehr im Mumok, und die ist auch schon wieder über zehn Jahre her. Jetzt aber ist dem grauen Haus im Museumsquartier wieder ein großer Wurf gelungen, der in die Lücke populärer, breitenwirksamer Kunst zielt, die eine Kunsthalle, die sich hauptsächlich auf Kunstvereins-Politkunst konzentriert hat, klaffen lässt im Wiener Ausstellungsbetrieb.

„Vertigo. Op-Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970“ steht auf den schönen Plakaten, die mit einer großen schwarz-weißen Spirale auf einem Boden, in deren Mitte eine Frau steht, schon das Ganzkörpererlebnis anklingen lässt, das einen hier umfangen wird. Die auf einem Spiel mit Komplementärfarben beruhende 160 Quadratmeter große Bodenarbeit „Promenade Chromatique Vienne“ des 1923 in Caracas geborenen Künstlers Carlos Cruz-Diez führt einen die langen Stiegen zum Eingang hinauf, wie der goldene Weg der Dorothy ins Zauberland Oz führte.

 

Die Spirale aus dem Hitchcock-Film

Denn ein Zauberland erwartet einen dort oben auf zwei Stockwerken. Viktor Vasarely ist sicher der berühmteste Künstler dieser Kunstbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre, die sich mit optischen Täuschungen und deren Auswirkungen befasste, natürlich ist er mehrfach vertreten. Aber trotz des Unterhaltungseffekts, den diese Kunst durch die direkte Selbsterfahrung einfach bietet, durch den niederschwelligen Einstieg mit dem Hitchcock-Titel – der Animationskünstler, der den berühmten Vorspann mit der Spirale im Auge gestaltet hat, ist auch vertreten – haben es sich die Kuratoren, Eva Badora-Triska und der Künstler Markus Wörgötter, nicht leicht gemacht. Subkutan vermitteln sie Theorie und Geschichte dieser erst spät, erst bei ihrem Durchbruch in den USA 1965 als Op-Art bezeichneten europäischen Kunstrichtung. Eine der Thesen: Die Op-Art sei der erste Manierismus der Klassischen Moderne. Genau wie einst die hehre klassische Renaissance-Welt durch die Manieristen aufgebrochen, „aus dem Lot“ gebracht wurde, so Badura-Triska, haben die Op-Art-Künstler das auch mit der Abstraktion à la Bauhaus getan.

Mit einfachsten Mitteln werden die klaren, geometrischen Formen und Raster gestört, irritiert und zu faszinierenden Kunstkammerstücken. Dort wären sie in der Vergangenheit gelandet, wie etwa Parmigianinos berühmtes „Selbstporträt im Konvexspiegel“ aus dem Kunsthistorischen Museum.

Und da hängt das kleine, runde Gemälde auch schon, gleich am Beginn, allein auf der Eingangswand. Gibt's ja nicht. Täuschend echt. Ist aber ein 3-D-Druck, so überspielt man mit einer konzeptuellen Volte perfekt die Enttäuschung, das Original nicht geliehen bekommen zu haben.

In diesem ersten, einführenden Geschoß werden didaktisch kunsthistorische Gegenüberstellungen gewagt, mit Riefelbildern aus dem 17. Jahrhundert, Camouflage-Beginnen um 1900 oder dem Wiener Kinetismus einer Erika Giovanna Klien. Im nächsten Stock dann darf man ganzkörperlich eintauchen in ein Labyrinth aus Kojen und Installationen, nachempfunden den kollektiven Ausstellungserlebnissen, die Op-Art-Künstler in Frankreich damals inszenierten: Laserlicht-Dunkelkammern, der Spazio Elastico von Gianni Colombo, in dem die Matrix, in der man sich wiederfindet, sich zu verschieben beginnt, oder auch mit Klang experimentierende Räume wie der von Jesús Rafael Soto wechseln sich ab. Alles bewegt sich hier, ob technisch oder (nur) optisch, ein Effekt, ein Faszinosum folgt auf das andere.

 

Viele Künstler aus Ex-Jugoslawien

Auffällig ist, dass fast keiner der Künstlernamen geläufig ist. Lang wurde diese Richtung unterschätzt, abgetan, galt als zu leicht, zu unterhaltend, sicher auch durch den alles überschattenden Erfolg von Vasarely. Dabei stecken hinter all dem Forschung, Philosophie und durchaus auch Ideologie. Es geht um das Verhältnis von Mensch zu Maschine, Weltall, auch um die individuelle Wahrnehmung des Einzelnen. Viele Künstler aus dem ehemaligen Jugoslawien, vor allem Kroatien, sind hier führend, an diesem Punkt kommt auch eine unterschätzte Regionenkunstgeschichte (die von Graz ausgehenden Dreiländer-Trigon-Biennalen!) ins Spiel. 1965 wurde etwa bei einer solchen Biennale, erzählt Badura-Triska, das erste Symposium zu Computerkunst abgehalten. Man ahnt, Peter Weibel war nicht weit, hat auch vieles davon aufgearbeitet. Die heute unter Op-Art subsumierten Künstler, die sich selbst lieber Nove Tendencie oder Arte programmata nannten, waren schließlich die Ersten, die in diese Richtung forschten.

Auch das Performative der 1960er-, 70er-Jahre floss stark ein, schließlich geht es immer auch um den Einfluss auf den ganzen Körper, um die bewusste Beteiligung des Betrachters, der erst durch seinen Körpereinsatz diese Kunst vervollständigt. Badura-Triska sieht hier Parallelen zum Aktionismus. So erfährt jeder einzeln, am eigenen Leib, wie leicht sich unsere Sinne täuschen lassen, wie wenig Kniffe es nur braucht, um unsere Realität, unsere „Struktur“ ins Wanken geraten zu lassen, uns in einen Schwindel zu stürzen. Aktueller geht es eigentlich nicht mehr.

Welche heutige Kunst schafft das? Die von vielen Künstlern derzeit erforschten Möglichkeiten der virtuellen Realität wohl am ehesten: Mit VR-Brillen vor den Augen bewegen wir uns bei Biennalen oder internationalen Großausstellungen schwankend durch die Räume, verlieren den Halt, wenn uns vorgegaukelt wird, dass sich der Boden unter uns (oder der Himmel über uns) öffnet. Das ist die Op-Art von heute, der Manierismus der Post-Postmoderne.