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Wiener Festwochen: Sibylle Berg kündet vom Menschen

Die „Abgehängten“ sind Trolle, die nicht wissen, wie ihnen geschieht unter der Riesenhand: Erst am Ende agieren sie – mit der Waffe in der Hand.
Die „Abgehängten“ sind Trolle, die nicht wissen, wie ihnen geschieht unter der Riesenhand: Erst am Ende agieren sie – mit der Waffe in der Hand.(c) Judith Buss 2019

„Hass-Triptychon – Wege aus der Krise" von Sibylle Berg in der Regie von Ersan Mondtag am Volkstheater: Das große Schlachten und Gähnen.

Wie stellt man sich als hippe Autorin und „Spiegel"-Kolumnistin im schönen Zürich die „abgehängte Peripherie" vor, an die jetzt oft in Diskussionen über „Gilets Jaunes" oder sächsische Rechtsextreme diskutiert wird? Offenbar als Nicht-Orte mit Nicht-Existenzen, bewohnt von kläglichen, namenlosen Lämmchen mit Hängeschultern, die sich rumschubsen lassen – bis man ihnen Waffen in die Hände drückt: Dann kommt das große Schlachten. Das große Gähnen ist da längst schon da.

Bevor die deutsch-schweizerische Autorin Sibylle Berg bei den Wiener Festwochen im Stück „Hass-Triptychon" ihre Figuren in den kollektiven Amoklauf schickt, gönnt sie ihnen ein Vorleben, aber ein reichlich lebloses. Letzteres hat nicht nur mit der Gesellschaft zu tun, die dem Stück zufolge diesen Menschen kein Leben gönnt, sondern auch damit, dass diese Menschen bis zur Unsichtbarkeit zugeschrieben werden. Sibylle Berg nimmt das im „Hass-Triptychon" boshaft aufs Korn – und tut es zugleich selbst.

Eine Handvoll Menschen steht da im Volkstheater beziehungslos vor desolaten Häuserkulissen auf der Bühne herum. Regisseur Ersan Mondtag lässt sie als Trolle auftreten. Jeder dieser Außenseiter sieht unterschiedlich aus, jeder sagt zaghaft eine andere Geschichte auf, zusammen ergibt das die Buntheit von Klebeetikettchen. Da ist der männliche ältere Single, der mit den Jüngeren um die Gunst des Chefs konkurrieren muss. Der aus seinem geliebten Job vertriebene schwule ältere Kindergärtner (die Eltern hatten Bedenken). Der von seinen Hormonen zur Verzweiflung (und zu einer Karikatur von Muttermord) getriebene Teenager. Die Mutter, deren Kind Drogen nimmt und an einem Tag männlich, am anderen weiblich ist („ich muss jeden Morgen fragen, wie es sich fühlt"). Sie alle leben an einem Autobahnzubringer – „der Autobahnzubringer ist Teil unserer Identität". Dort haben Trafik und Schwimmbad geschlossen, der Bankomat spuckt kein Geld aus – was also tun am Sonntag, wenn man endlich fertig ist mit der sinnlosen Arbeit? Schwierig, sagt eine: „Ich möchte am Sonntag optimistischem Konsumverhalten frönen, aber es hat alles zu."

 

Der Mensch als Hasser und Spießbürger

Hier ist Sibylle Berg mit ihren Figuren schon ziemlich fertig (folgt nur noch der Amoklauf). Man muss dafür wohl auch Verständnis haben: Was soll man auch groß mit Wesen anfangen, die man als hirn- und willenlosen Haufen von Jämmerlichkeit wahrnimmt – zumal der Mensch von Natur aus einen unausrottbaren Hang zur Spießbürgerlichkeit hat und der Hass das Einzige ist, was ihn lebendig hält? Schade um die ausgezeichneten Schauspieler vom Maxim Gorki Theater, die Sätze sagen müssen wie (beim Rumballern): „Endlich sieht die Welt aus wie in den Games!" Zwischendurch schwebt, wenn von den Zumutungen der Arbeitswelt die Rede ist, kommunistische Ästhetik von der Decke, das Gegenstück zur geballten Faust: ein Riesenfuß, der die Figuren rumschubst. Regisseur Ersan Mondtag holt nicht nur hier das Schlechteste aus dem Stück heraus, er treibt das dümmlich Plakative zu neuen Rekorden.

Wenn es ein Fazit gibt, dann wohl das: Der Kapitalismus ist zum Rebellieren, die Menschennatur zum Kapitulieren. Bezeichnenderweise ist es nur eine einzige Figur, der die Autorin Ausstrahlung und Eigenleben vergönnt, die absolut im Zentrum steht – und die gehört nicht zu den „Abgehängten". Dieser weiß gekleidete, langhaarige, geschlechtlich undefinierbare Typ ist eine dubiose Figur, Impresario und Therapeutenscharlatan, Führer, Verführer und was sonst noch. Er werkt skrupellos herum mit den Figuren, scheint ihnen helfen zu wollen, nennt sie dann wieder verachtungsvoll „Schweine"; jedenfalls spielt er sein eigenes Spiel. Ein kritischer Blick auf abgehobene (links)intellektuelle Diskurse? Sicher auch. Aber Sibylle Berg kritisiert ein Spiel, nur um es gleichzeitig weiterzuspielen – smarter eben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2019)