„Rocketman“: Ein Film, so schillernd wie Elton John

Der Erfolg treibt den Sänger, der ursprünglich Reginald Dwight hieß, auch zu selbstzerstörerischem Verhalten – inszeniert wird das in „Rocketman“ von Regisseur Dexter Fletcher mitunter höchst unkonventionell.
Der Erfolg treibt den Sänger, der ursprünglich Reginald Dwight hieß, auch zu selbstzerstörerischem Verhalten – inszeniert wird das in „Rocketman“ von Regisseur Dexter Fletcher mitunter höchst unkonventionell.(c) Paramount Pictures

KritikDas Musical „Rocketman“ erzählt nicht nur vom Faszinosum Elton John, sondern repräsentiert es fast in jeder Szene: Wild, chaotisch, brillant. Taron Egerton spielt den Sänger, der sich nach Liebe sehnt. Ab Donnerstag im Kino.

Komplett in Orange, in Schlaghosen, mit glitzernden Teufelshörnern auf dem Kopf, gefiederten Flügeln am Rücken und Herz-Brille auf der Nase platzt er durch die Tür und nimmt im Sesselkreis Platz. „Mein Name ist Elton Hercules John, und ich bin Alkoholiker“, sagt er, „und Kokain-abhängig, Sex-abhängig, Bulimiker, kaufsüchtig, habe Probleme mit Gras, Medikamenten und Aggressionen.“ Letzteres wird der Mann noch beweisen, indem er seinen Sessel mit einer schwungvollen Bewegung in die Ecke pfeffert. Die anderen in der Selbsthilfegruppe bleiben ungerührt. Noch so ein gefallener Engel. Oder?

Wer jetzt einen Film erwartet, der die tragischen Verkettungen aufzeigt, die den Musiker, der als kleiner Bub schon am Klavier alles nach Gehör nachspielen konnte, in die Misere stürzten, wird mit etwas weit Besserem beschenkt werden. Denn „Rocketman“ ist alles andere als ein musikalisch aufgehübschtes Biopic, vielmehr ein schillerndes, furchtlos inszeniertes Musical, das vom Faszinosum Elton John nicht nur erzählt, sondern es in fast jeder Szene repräsentiert: Wild, chaotisch, brillant.

Ausgehend von der Therapie-Szene wird die Biografie des Mannes, der ursprünglich Reginald Dwight hieß, aufgerollt. Von Liebe erfüllt ist seine Kindheit nicht. Der Vater ist kaum da; als der kleine Reggie ihn einmal um eine Umarmung bittet, hört er ein knappes „Don't be soft.“ Die Mutter interessiert sich nicht wirklich für ihn. Die Großmutter erkennt sein Talent und spricht ihm Mut zu, als er an der Londoner Royal Academy of Music seine Klavierausbildung beginnt.

 

Die Maskerade hat ihren Zweck

Eine Szene zur rauen Rock'n'Roll-Nummer „Saturday Night's Alright for Fighting” zeichnet Reggies Wandlung zum Rebellen nach: Da fliegen die Barhocker, während der Protagonist durch einen nächtlichen Vergnügungspark tollt, flankiert von wütenden Tänzern. Taron Egerton, bekannt geworden durch die stylische James-Bond-Parodie „Kingsman: The Secret Service“, spielt den erwachsenen Elton John und singt dessen Lieder – ohne ihn getreulich nachzuahmen. Sein Elton John ist ein verunsicherter Mann, der sich nach Liebe sehnt und glaubt, diese nur als schrill verkleideter Entertainer bekommen zu können. Wer würde schon einen dicklichen, schwulen Mann mit schütterem Haar lieben? Am Ende wird er sich selbst akzeptieren, doch die Botschaft des Films ist ambivalent: Letztlich hat dem Protagonisten all die Maskerade nämlich auch dabei geholfen, die Person zu werden, die er sein will – und nicht nur die, als die er geboren wurde.

Seine Interpretation der Figur legt Egerton auch in die Songs, am eindrücklichsten in die Aufsteh-Hymne „I'm still standing“: „Looking like a true survivor, feeling like a little kid“, singt er da, mit trotziger, unsteter Stimme. Inszeniert hat all das der Brite Dexter Fletcher, der schon das Freddy-Mercury-Biopic „Bohemian Rhapsody“ fertiggestellt hat, nachdem der ursprüngliche Regisseur wegen kreativer Differenzen gefeuert worden war. Was hätte aus jenem – eh soliden – Film werden können, hätte man gleich Fletcher machen lassen? In „Rocketman“ bringt er die Depressionen, das Selbstzerstörerische genauso explizit zur Geltung wie die Euphorie des Erfolgs, des Sex, der Drogeneskapaden. Die Produzenten hatten das entschärfen wollen, doch Fletcher setzte sich durch – und Elton John selbst freute sich über den ehrlichen Zugang: „I just haven't led a PG-13 rated life“, schrieb er im britischen „Observer“ mit einem Verweis auf die angestrebte Altersfreigabe (in den USA gilt der Film jetzt als nicht jugendfrei, bei uns ist er ab 12).

 

„Your Song“ entsteht am Küchentisch

Berührend ist die Freundschaft zu seinem jahrelangen Texter Bernie Taupin (Jamie Bell), der, so legt es der Film nahe, den Hit „Your Song“ beim Frühstück am Küchentisch geschrieben hat – ebenso schnell hatte Elton John am Klavier die Melodie beisammen. Ja, der Film porträtiert ihn als Genie. Aufregend dabei ist jedoch die Fantasie, die Regisseur Fletcher spielen lässt: Er schreckt vor ausladenden Musicaleinlagen nicht zurück, lässt ein ganzes Restaurant „Sorry seems to be the hardest word“ singen und deutet Elton Johns Luftsprung am Klavier als Schwerelosigkeit: Da schwebt er bei seinem ersten Auftritt im angesagten „Troubadour“-Club in L. A., und mit ihm in Zeitlupe auch das ganze Publikum – magisch.

Die Folgen eines Suizidversuchs im Pool choreografiert Fletcher, wie man es vielleicht auf einer Bühne tun würde, aber wer wagt das im Film, wo man alles so schön konkret zeigen könnte? Der Regisseur vertraut der abstrakten Sprache von Tanz und Melodien. Gleitende Figuren fischen den Sänger aus dem Wasser, Sanitäter tragen ihn durch eine Zwischenwelt, die aussieht wie ein lichtdurchfluteter Hangar, heben ihn hoch und stellen ihn wieder ins Rampenlicht: Von der Bahre auf die Bühne, eleganter und würdevoller hätte man das kaum darstellen können. Dass Elton John beim folgenden Auftritt, wieder vollständig animiert, buchstäblich zu einer glühenden Rakete wird und ins Weltall schießt, ist da nur konsequent. Ein Rocketman muss fliegen, komme was wolle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2019)