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Musikfestival: In Göteborg lebt der Müll und fliegen die Funken

Aion/Olaf Tryzna
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Göteborg feierte die erste Auflage des „Point Music Festival“ – mit Kommissar Wallander als Eifersuchtsmörder und Prokofjews Enkel als DJ, mit Richard Strauss' Feier bürgerlichen Familienglücks, neuem Tanztheater und Bartóks Abbild einer Jugendliebe.

Müllsäcke! Schon im Foyer des Konserthuset am Götaplatsen, dem kulturellen Herzen der Stadt, stolpert man beinah über sie. Hapert es etwa dem Göteborger Pendant der MA 48 an Effizienz, ausgerechnet dann, wenn ein neues Musikfestival vom Stapel läuft? Nein: Plötzlich regt es sich in den schwarzen Beuteln, sie werden lebendig, trippeln durchs ankommende, entgeisterte Publikum ein paar Meter weiter und sinken wieder zu Boden. Keineswegs bloß Kinder lassen sich spontan von den Spompernadeln der Compagnie „Art of Spectra“ verzaubern: von einem freundlichen Herrn auf Stelzen, von geheimnisvollen Langsamgehern oder eingefrorenen lebenden Bildern, die nach wenigen Sekunden plötzlich ausbrechender Betriebsamkeit wieder in Bewegungslosigkeit versinken. Tatsächlich entsteht dadurch eine besondere Atmosphäre, die dem ersten „Point Music Festival“ in Göteborg einen Zusammenhalt sichert, der über eine bloß konzentrierte Folge von Konzerten hinausgeht.

So wie im Rahmenprogramm Tanztheater und Varieté zusammenkommen, wollte Sten Cranner, der Intendant der Göteborger Symphoniker, an vier Festivaltagen Musik und Performance im weitesten Sinne miteinander reagieren lassen. Natürlich galt es da, ein paar Kinderkrankheiten zu überstehen: Projizierte Farb- und Formlichtspiele haben noch nie etwas Wesentliches zu einem klassischen Konzert beitragen können. Dabei brannte Patricia Kopatchinskaja als Solistin in Bartóks 1. Violinkonzert ohnehin Wunderkerzen der Zärtlichkeit wie des Schalks ab: Ihr geigerischer Funkenflug ließ auch die Göteborger Symphoniker entflammen.

 

Ein würdiges Nationalorchester

Als Gegenstück zu diesem klingenden Abbild der letztlich gescheiterten Jugendliebe zwischen Bartók und Stefi Geyer folgte Richard Strauss' „Symphonia Domestica“. Und auch wenn diese ironisch-bombastische Feier bürgerlichen Familienglücks bei aller Plastizität der Details spätestens im Finale etwas zu trocken und nüchtern ausfiel, wurde doch klar, dass die Göteborger mit ihrem Chefdirigenten Santtu-Matias Rouvali in die Ehrenrolle eines Schwedischen Nationalorchesters zurückzufinden: Der junge Finne, zu Amtsantritt noch ein Unbekannter auf dem internationalen Parkett, hat seinen Vertrag in Göteborg gerade bis 2025 verlängert und wurde außerdem soeben beim Philharmonia Orchestra zum Nachfolger von Esa-Pekka Salonen ab 2021 gekürt.

Wie sehr Musik und Bewegung ursächlich zusammengehören, bewiesen die entfesselten Göteborger unter Anna-Maria Helsing und die Iceland Dance Company in der Choreographie von Erna Ómarsdóttir bei der Uraufführung von „Aion“ der Isländerin Anna Thorwaldsdóttir. Thorwaldsdóttirs Musik verliert zwar, für sich genommen, auf die Dauer an Spannkraft mit ihren tonalen Ölbädern, wo vom Grund mächtige Geräusche heraufblubbern und an der Oberfläche atonale Schaumkronen treiben. Aber: Wie eruptiv sich die Tänzer zu einem Wesen vereinten und wieder auseinanderstoben, wie sie ins Orchester eindrangen, Instrumente erbeutet wurden und zu schweben begannen, wie Musik und Tänzer zum „Klangkörper“ wurden und das Ganze zum rituell aufgepeitschten Gesamtkunstwerk verschmolz, erregte beim vielfach jugendlichen Publikum Jubelstürme. Das Norwegische Kammerorchester hingegen spielte seine Vorzüge weniger bei einer bemühten Jazz-Bearbeitung von Bachs Goldberg-Variationen aus als vielmehr mit einer musikalischen Durchdringung von Tolstois „Kreutzersonate“, bei der sich die Novelle mit Beethovens zitierter Violinsonate als Ausgangspunkt und Leoš Janáčeks packendem Streichquartett mischte. Krister Henriksson, als TV-Kommissar Wallander bekannt, streifte sich keine historische Maske über, sondern erfüllte den schwedischen Text mit gruselig anmutender Aktualität. Die Norweger glänzten dazu in einer klugen Streichorchesterbearbeitung, mit Glut und Präzision. Und wer hätte gedacht, dass Komponistenenkel Gabriel Prokofiev sein Geld mit Electro, Hip-Hop und Grime sowie als DJ verdient? Das ließen sich die Schweden in Clubatmosphäre gefallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2019)