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Rivella und Prügeli

(c) REUTERS (Denis Balibouse)

An einer Grenze aufzuwachsen hat viele Vorteile.

An einer Grenze aufzuwachsen hat viele Vorteile, und noch mehr, wenn es sich bei dieser Grenze um die Schweizer Grenze handelt, dann hat man überhaupt den Jackpot geknackt. Denn als junge Teenager war es für uns das größte Abenteuer, mit dem Rad durch ein Sumpfgebiet am Rhein in ein anderes Land zu fahren, in die Ortschaft Sankt Margrethen (Kanton St. Gallen), wo es außer einem Mineralheilbad absolut rein gar nichts gibt. Unser Ziel war aber sowieso ein anderes: der Rheinpark, ein Betonklotz nahe der Autobahn, der für uns Bodensee-Vorarlberger das repräsentierte, was einem Einkaufszentrum am nächsten kam, zumindest war das in den 90ern so. Im Rheinpark gab es ein paar kuriose Geschäfte, zum Beispiel einen Zooladen, wobei viele der Reptilien und Fische gar nicht käuflich waren, oder ein Schlapfengeschäft, wo vor allem das Umfeld der Mama gerne zugeschlagen hat, weil die Modelle mit dem gängigen türkischen Schlapfendesign korrespondierten. Und natürlich der riesige Migros im Erdgeschoß, wo wir all die Dinge kaufen konnten, die es bei uns nicht gab: Erdnussbutter, Marshmallows, die Prügeli-Schokoriegel, Biberli-Lebkuchen und Rivella, das schwer zu beschreibende Erfrischungsgetränk mit der grotesken Zutat Milchserum.

Wir haben also die Rucksäcke mit all dem Kram vollgepackt und wollten ganz lässig an der Grenzpolizei vorbeiradeln, nur ist uns das kein einziges Mal geglückt, weil wir immer die ganze Beute auspacken und herzeigen mussten, wie mittelamerikanische Drogenkuriere, die auf dem Weg nach Arizona erwischt wurden. Für die Polizisten waren wir wohl ein Mysterium, diese Kinder, die für ein Glas Erdnussbutter bei Wind und Wetter 25 Kilometer zurücklegten. Heute braucht man ja gar nicht daran denken, denn in Vorarlberg kriegst Rivella schon an jeder Ecke und in Erdnussbutter können wir mittlerweile auch alle gemeinsam baden. „Weißt du noch, wie wir immer in die Schweiz gepilgert sind?“, frage ich kürzlich meine Freundin, woraufhin sie mit der schönen und einzig logischen Antwort daherkommt: „Ich weiß, wo wir Prügeli bestellen können!“

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2019)