Die Steinmetzin Evangelia Papathanasiou arbeitet an der Renovierung des Linzer Mariendoms – als einzige Frau. Geplant war ihr Weg eigentlich nicht so.
Witze gab es noch keine – aber dass ihr Vorname dem neuen Chef beim Vorstellen gefallen hat, ist kein Wunder. Er lautet Evangelia, übrigens: die gute Nachricht. Und der Job dreht sich um eine Kirche: den Linzer Mariendom. Also irgendwie durchaus passend.
Seit gut zwei Monaten arbeitet die deutsch-griechische Steinmetzin Evangelia Papathanasiou dort, seit Kurzem an der Renovierung des 134 Meter hohen Turms, die sich über die kommenden drei Jahre ziehen wird – als einzige Frau. Dabei hatte die 30-Jährige eigentlich gar nicht geplant, das einmal beruflich zu machen. Anfänglich war die Bildhauerei bloß Spaß.
Auf Tinos, einer griechischen Kykladeninsel mit einer sehr langen antiken Marmorkultur, wollte Papathanasiou nach ihrem Abitur in München eigentlich nur kurz bleiben – um sich dann mit „ernsthafteren Dingen“ zu beschäftigen, wie sie lachend erzählt. „Ich habe Kunst immer geliebt – aber damals hatte ich im Kopf: Kunst, was soll man damit schon machen?“.
Beste ihres Jahrganges
Letztlich blieb sie auf der Insel, machte dort die komplette Ausbildung zur Marmorbildhauerin („Ich war jeden tag am Marmor, habe jeden Tag gebildhauert und gemalt“). Als sie als die Beste ihres Jahrgangs die Möglichkeit bekam, ohne eine Eignungsprüfung an die Universität der Bildenden Künste in Athen zu gehen, machte sie weiter und im Jahr 2016 ihr Diplom. „So kam das“, sagt Papathanasiu.
Es folgten Jobs als Steinrestauratorin in Griechenland und Deutschland, unter anderem an der gotischen Ritterstiftskirche in Bad Wimpfen und am Burgturm in Sinsheim. In Linz bewarb sie sich, weil ihr das Konzept der Dombauhütte gefällt, einer Art Werkstatt, die laufend an der Erhaltung der Kirche arbeitet. „Solche großen Bauten sind ja die ganze Zeit Baustelle. Wenn irgendwo etwas fertig wird, geht es auf der anderen Seite wieder los.“
Außerdem ist da die Geschichte solcher Gebäude – und die Tatsache, dass bei der Arbeit in einer Dombauhütte vieles zusammenläuft, was interessant ist: „Da findet sich der Schnittpunkt von Kunst, Geschichte und Architektur“, sagt sie. „Und ich bin immer am Denkmal – das macht Spaß.“
Konkret werden da etwa die Steine angeschaut, abgeklopft und abgehört – mitunter in ziemlicher Höhe. Da werden Risse gefüllt, mürbe Steine gefestigt oder fehlende Stücke wieder anmodelliert. „Das ist das Spannendste, wenn man mit Statuen zu tun hat und dann zum Beispiel wieder eine neue Hand dazu machen muss“, sagt Papathanasiou. „Das geht dann auch mehr ins Bildhauerische und Kreative.“
Damit, dass man beim Restaurieren eher Ideen folgt, als selbst zu kreieren, hat sie kein Problem. „Da findet man sich in der Freude, daran teilzuhaben, dass etwas von dem Schönen erhalten bleibt, das es auf der Welt bereits gibt“, sagt die Steinmetzin. „Aber natürlich stimmt das schon auch: Wer Kunst macht, hat auch das Verlangen, selber zu kreieren – und das mache ich natürlich auch weiter.“
Malerei und Konzeptkunst
Aktuell ist sie gerade dabei, eine neue Ausstellung zu organisieren – eher mit Malerei und konzeptueller Kunst. Dass sie da eher weniger bildhauerisch arbeitet, hat eher praktische Gründe: Mit Stiften, Pinseln, Leinwand zu arbeiten sei dann doch einfacher, als sich einen Block Marmor zu besorgen und eine Skulptur zu machen – erst recht, wenn man, wie sie in den vergangenen Jahren, oft von Ort zu Ort unterwegs ist.
Apropos Ausstellung: „Was mir in Linz bisher besonders gefällt ist, dass es ein sehr großes Kultur- und Kunstangebot gibt – obwohl die eher kleine Stadt insgesamt ja doch übersichtlich ist“, sagt Papathanasiou. „Von Malerei über Plastik, Theater, Musik, alles gibt es hier.“
Zur Person
Evangelia Papathanasiou (30) ist in München geboren und aufgewachsen. Ihr Vater ist Grieche, ihre Mutter Deutsche. In Griechenland machte sie nach dem Abitur die Ausbildung zur Marmorbildhauerin auf der Insel Tinos, danach studierte sie Kunst in Athen. 2016 schloss sie ihr Studium ab. Seit gut zwei Monaten arbeitet Papathanasiou als Steinmetzin im Team der Dombauhütte in Linz – als einzige Frau. Das aktuelle Großprojekt am Mariendom ist die Renovierung des 134 Meter hohen Turms. Sie wird drei Jahre dauern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2019)