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Wolfgang Schüssel verliert Aufsichtsratsmandat in Russland

Der Ex-Kanzler ist für die Wiederwahl im Juni nicht mehr genannt. Interessanterweise dürfte er durch einen berühmten Neoösterreicher ersetzt werden.

Moskau/Wien. Das Gastspiel für den österreichischen Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) beim größten russischen Mobilfunkkonzern MTS war kurz. Vor gerade einmal einem Jahr ist der heute 73-Jährige in den Aufsichtsrat des zum Mischkonzern AFK Sistema gehörenden Unternehmens mit 110 Millionen Kunden in und um Russland eingezogen. Auf der nun am Montag publizierten Kandidatenliste für die Wahl des neuen Aufsichtsrats am 27. Juni findet sich sein Name nicht mehr.

Schüssel scheidet bezeichnenderweise gemeinsam mit zwei weiteren Ausländern aus: mit Ron Sommer und Stanley Miller. Letzterer, gebürtig aus Südafrika, ist Unternehmer ebendort und in Belgien. Ron Sommer wiederum war Vorstandschef der Deutschen Telekom und saß später im Aufsichtsrat von Munich Re oder Motorola. Sommer gilt als langjähriger Vertrauter von Schüssel und war im Vorjahr auch Drahtzieher für das Engagement des österreichischen Ex-Kanzlers beim MTS-Konzern.

Prominenter Schüssel-Ersatz

Schüssel erklärte auf Anfrage der „Presse“, dass Sommers Ausscheiden aus dem Unternehmen für ihn selbst „ein guter Anlass“ gewesen sei, den Arbeitsaufwand zu reduzieren. Schließlich sei er noch Aufsichtsrat bei der deutschen RWE und ziehe im Juni in den globalen Aufsichtsrat von Russlands zweitgrößtem und privatem Ölkonzern, Lukoil, ein. Die „Presse“ hatte Anfang März darüber berichtet. Lukoil wickelt sein internationales Geschäft übrigens über seine Wiener Niederlassung ab.

Sommer bleibt dem MTS-Konzern allerdings erhalten, schreibt die russische Zeitung „Wedomosti“: Er wechsle in den Konsultationsrat des MTS-Präsidenten.

Auffällig ist, dass Wolfgang Schüssel von einem Neoösterreicher ersetzt werden soll. Auf der MTS-Liste der Kandidaten nämlich befindet sich neben zwei weiteren Russen (darunter der Sohn des MTS-Hauptaktionärs und Tycoons Wladimir Jewtuschenkow) auch Valentin Jumaschew. Das ist nicht irgendjemand im russischen Riesenreich. Jumaschew war Administrationschef im Kreml unter dem damaligen Präsidenten, Boris Jelzin, mit dessen Tochter Tatjana Djatschenko er in zweiter Ehe verheiratet ist. Interessanterweise wurde er im Vorjahr wieder zum ehrenamtlichen Berater von Kreml-Chef Wladimir Putin ernannt.

Konnex zu Magna und Strabag

Dabei hat Jumaschew auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Erhalten hat er sie schon 2009 gemeinsam mit seiner Frau, Tatjana. Lobbyiert wurde dies damals vom Magna-Konzern, wie das Wochenmagazin „News“ 2013 unter Berufung auf ein Ministerratsprotokoll berichtete.

Die Familien- und Österreich-Bezüge sind aber noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Jumaschews Tochter aus erster Ehe, Polina, hat nämlich 2001 den Oligarchen und einst reichsten Russen Oleg Deripaska geheiratet, der selbst vergeblich um Staatsbürgerschaft in Österreich angesucht hat, diese aber – etwa zeitgleich mit den Jumaschews – immerhin für seine frühere rechte Hand im Unternehmen, Gulschan Moldaschanowa, erreicht hat. Und Deripaska, in dessen von US-Sanktionen getroffenem Firmenkonglomerat heute der österreichische Manager Siegfried Wolf arbeitet, ist wiederum Großaktionär beim Baukonzern Strabag. Von seiner Frau, Polina, die jedes Jahr in Österreich urlaubt, lebt Deripaska übrigens getrennt.

Kern und Schelling

Schüssel ist nicht der einzige österreichische Ex-Politiker, der in Russland engagiert ist. Ex-Finanzminister Hans Jörg Schelling berät die Gesellschaft zum Bau der Gazprom-Ostseepipeline Nord Stream 2. Christian Kern (SPÖ) soll, wie „Die Presse“ kürzlich erfahren hat, demnächst in den Aufsichtsrat der Staatlichen Russischen Eisenbahnen (RZhD) einziehen. Unter allen westeuropäischen Ex-Politikern sind österreichische überproportional in russischen Unternehmen engagiert.

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