Und jetzt die erste Kanzlerin...

Blick ins Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz.
Blick ins Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz.(C) Clemens Fabry

Bundespräsident Alexander Van der Bellen könnte auch eine Frau zur Übergangs-Regierungschefin machen. Obwohl das Geschlecht bei der Auswahl dieses Amtes keine Rolle spielen sollte, sollten Frauen genauso in Betracht kommen wie Männer.

Spätestens seit Montagnachmittag, 16:15 Uhr, fragt sich die Republik: Wer kann Kanzler auf Zeit? Bemerkenswert, dass da zunächst nur die Rede von einem „Kanzler“ war, nicht von einer „Kanzlerin“. Nach 15 Männern im Amt seit der Gründung der Zweiten Republik, Fünf-Tage-Kanzler Hartwig Löger schon einberechnet, liegt der Gedanke an eine Frau offenbar nicht auf der Hand. Schon seit vergangener Woche waren verschiedenste Namen von Männern gefallen, die geeignet scheinen, das Land für die nächsten drei bis wer-weiß-wie-viele Monate zu regieren; lange bevor endgültig fest stand, dass die türkis-blaue Bundesregierung durch ein Misstrauensvotum von SPÖ, FPÖ und der Liste Jetzt abdanken muss: Altbundespräsident Heinz Fischer etwa, der ehemalige VfGH-Präsident Gerhart Holzinger, Alt-EU-Kommissar Franz Fischler, der aktuelle EU-Kommissar Johannes Hahn, Ex-VwGH-Präsident Clemens Jabloner oder Regierungssprecher Peter Launsky-Tieffenthal. Namen raten ist eines der beliebtesten Spiele in Umbruchszeiten wie diesen.

Erst nach einer Nachdenkpause fiel einigen im Land ein, dass womöglich auch eine Frau für diese Aufgabe in Frage komme, zum Beispiel Rechnungshof-Präsidentin Margit Kraker, Ex-Außenministerin Benita Ferrero-Waldner, die ehemalige Chefin des Liberalen Forum, Heide Schmidt, oder Ex-Frauenministerin Maria Rauch-Kallat. Doch sofort war  auch Kritik an diesem Vorschlag zu hören: Eine Frau als Übergangskanzlerin wäre das falsche Signal, weil es bloß vermitteln würde, dass Frauen nur zum Aufräumen und Lückenbüßen geeignet sind, hieß es da. Mit Verlaub, dieses Argument ist schwach. Eine Bundeskanzlerin, auch auf Zeit und „nur“ an der Spitze einer Übergangsregierung, wäre in jedem Fall ein schönes Signal. Dass nämlich in Österreich im Jahr 2019 eine Frau Regierungschefin sein kann. Punkt.

Etwas, dass Frauen bisher über den klassischen Parteiweg nicht vergönnt war.

Nun ist Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Zug. Und er könnte diesen einen Gedanken mitnehmen: Das Geschlecht sollte bei dieser historisch einmaligen Bestellung der Regierungsführung keine Rolle spielen, aber es wäre schön, wenn man (oder: er) das Amt einer Frau genau so selbstverständlich zutrauen würde wie einem Mann. Wenn erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik eine Frau ins Bundeskanzleramt einziehen würde, dann hätte diese Regierungskrise nach vielen erstaunlichen und historisch erstmaligen Wendungen noch eine weitere einzigartige - und seien wir ehrlich: ziemlich phänomenale - Wendung bekommen. Einen Versuch wäre das doch wert, oder?