Tausende Buchstaben fließen über die Bilder von US-Künstler Doug Argue. Er hat aber auch schon Hühnerporträts gemalt – und Donald Trump.
„Ich sehe mich selbst als Konzeptkünstler“, sagt Doug Argue, und er lacht. „Vor allem, weil mir das erlaubt, alles zu machen, was ich will.“ Der US-amerikanische Künstler, der in der Wiener Galerie Kovacek erstmals mit einer Ausstellung in Europa ist, arbeitet mit Buchstaben und experimentiert mit Farbtupfern. Er hat jahrelang unzählige Hühner gemalt und einmal auch US-Präsident Donald Trump, der in seinen Tweets untergeht.
Gerade steht er vor einem Bild, in dem Tausende verzerrte Buchstaben über ein Stillleben laufen. Ursprünglich stammt dieses vom flämischen Maler Frans Snyders, gemalt hat Argue es mit Originaltechniken, drei Monate lang – bevor er darüber Buchstaben aus Arthur Rimbauds „Illuminationen“ verteilte. „Man blickt durch die Buchstaben in die Vergangenheit“, sagt Argue. „Es ist wie ein Bild der Zeit. Man sieht die Bewegung, es ist im Fluss.“
Der Fluss der Zeit ist ein zentrales Motiv für den in New York lebenden Künstler. Oft sehe man Dinge im Augenblick, ohne sich eigentlich bewusst zu sein, was darunter liege: Sprachen würden sich laufend verändern, Generationen würden von anderen abgelöst, sagt Argue. „Es gibt keinen statischen Augenblick. Ich versuche, diesen Fluss, diese konstante Bewegung auszudrücken. Und die Buchstaben können dafür eine Metapher sein.“
Eines der Bilder, das so funktioniert, ist „Genesis“ – ein vier mal sieben Meter großes Werk, das für die Lobby des neuen World Trade Center in New York bestellt wurde. Dort fliegen Buchstaben, die Argue aus dem biblischen Buch Genesis genommen hat, wie bei einer kosmischen Explosion nach außen. „Genesis meint auf Englisch auch einen neuen Anfang“, sagt er. Und die Buchstaben etwas, aus dem Neues geschaffen werden kann.
Buchstaben sind Bausteine
Üblicherweise formen die Buchstaben in seinen Bildern dabei keine Worte. Sie sind oft verzerrt, einzelne Lettern sind sichtbar, gemeinsam bilden sie aber abstrakte Formen, einen abstrakten Raum. „Für mich sind die Buchstaben eigentlich so etwas wie Bausteine“, sagt Doug Argue. „Ich sehe sie als Atome oder Chromosomen, manchmal als Musiknoten. Das sind sie irgendwie, weil sie ja auch die Melodie einer Sprache ausmachen.“
Der Künstler hat freilich auch ganz andere Dinge gemacht. Ein emblematisches Bild ist etwa das mit den Hühnern, das in einem Museum in Minnesota hängt, wo der 57-Jährige aufgewachsen ist (und einst von der Uni geworfen wurde, nachdem er ein provokantes Bild der Lehrenden hinterließ). Inspiriert von Franz Kafkas „Forschungen eines Hundes“ finden sich auf rund drei mal fünf Metern unzählige Hühner – jedes individuell: zwei Jahre Arbeit, täglich von neun bis fünf.
Es folgte eine Serie von Hühnerporträts, die Don-Quijote-haften Charakter haben. Als Argue irgendwann ein Huhn sprechen lassen wollte, befand er, dass die Buchstaben, die er aus den Schablonen gedrückt und an die Wand geklebt hatte, eigentlich interessanter waren als das, was er rational zu fabrizieren versuchte. „Dann bin ich umgestiegen – und habe auch begonnen, mich in Sprache und ihre konstante Veränderung einzulesen.“
Abgesehen davon ist auch die Wissenschaft eine Inspiration für ihn – etwa die Tatsache, dass Rot die langsamste Farbe ist. „Das ist eine interessante Art, abseits von Designfragen über Farben nachzudenken.“ Er werde freilich immer ein Unwissender bleiben. „Aber was es mir erlaubt, ist, mich von etwas inspirieren zu lassen, das anders und einzigartig ist“, sagt er. „Ich nutze das für meine Zwecke – so wie van Gogh den Sonnenuntergang.“
Und auch wenn man nicht wisse, was dahinterstecke: „Ich versuche, die Gemälde interessant zu machen – sogar, wenn man die tiefere Bedeutung nicht kennt“, sagt Argue. „Ein bisschen wie bei einem Musikstück.“
Zur Person
Doug Argue (57) ist bekannt für Bilder, in denen unzählige Buchstaben die Leinwand überziehen. Eines davon ist Genesis (2007), ein Auftragswerk für die Lobby des neuen World Trade Centers in New York, für das er sich der Buchstaben des Buchs Genesis bedient hat. Ebenfalls emblematisch: sein von einer Erzählung Franz Kafkas inspiriertes „Chicken painting“. Der in Minnesota geborene Künstler lebt in New York. Aktuell ist Argue erstmals mit einer Ausstellung in Europa: Bis August sind seine Bilder in der Galerie Kovacek in Wien zu sehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2019)