Porträt

„Dann muss man es einfach machen“

(c) Marlies Czerny

Marlies Czerny arbeitete zehn Jahre als Journalistin, ehe sie sich entschied, Bergsteigerin zu werden. In nur sechs Jahren bestieg sie alle 4000er der Alpen – und das sind immerhin 82 Gipfel.

Das ist eine Blitzkarriere. Vor zehn Jahren hatte Marlies Czerny mit Alpinismus kaum etwas zu tun. Obwohl in den oberösterreichischen Voralpen aufgewachsen, bedeuteten ihr – damals Sportjournalistin – Berge wenig. Das änderte sich auf ihrer Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung, als sie Urlaub und Überstunden abbauen sollte. Sie ging wandern. Sie ging klettern. Sie ging bergsteigen. Und fand darin einen Ausgleich zur Arbeit. 2011 machte sie sich auf den Weg zu ihrem ersten 4000er.

„Ein Schlüsselmoment“, sagt die heute 32-Jährige, über ihre Erlebnisse am Dom (4545 Meter), dem siebenthöchsten Gipfel der Alpen. „Ich wusste nicht, was mich erwartet.“ Die Hütte war überfüllt, sie brach früh Richtung Gipfel auf, es war finster und kalt. „Aber plötzlich waren wir über den Wolken. Es war wie wenn man aus dem Meer steigt. Und das Matterhorn ragte wie eine Insel aus den Wolken.“ Zwei Tage später stand sie auf dem höchsten Gipfel der Alpen, dem Mont Blanc (4810 Meter). Sechs Jahre später hatte sie alle 82 4000er der Alpen bestiegen, im August 2017 war das. Diese Bergerlebnisse zu ihrem Projekt zu machen, hatte sich – eher zufällig – 2015 ergeben, als sie resümierte, dass nur noch 20 Gipfel fehlten.

Auf-, ab-, aus- und einsteigen

Auf- und absteigen, das gehört zum Bergsteigen logischerweise dazu. Czerny aber stieg auch aus. Aus dem sicheren Journalistinnen-Job bei den Oberösterreichischen Nachrichten und hinein in die Selbstständigkeit.

Heute steht sie auf mehreren Standbeinen: als Bergsteigerin, als Autorin (ihr Buch „4000erleben“ ist kürzlich erschienen), als Vortragsrednerin (ihre Multimediashow zu den 4000ern wurde beim Abenteuer- und Reisefestival El Mundo ausgezeichnet), als freie Journalistin und als Storytellerin („In die Berge gehen und darüber erzählen.“). Darüber hinaus hat sie während einer Bildungskarenz die Ausbildung zur Kinder-Skilehrerin und zur Fitness- und Mentaltrainerin absolviert („Ein Backup schadet nie“).

Die Entscheidung, nach zehn Jahren aus dem Angestelltenverhältnis auszusteigen, fand zwar in ihrem Umfeld wenig Verständnis. Für sie war es aber „keine mutige Entscheidung“. Denn sie hatte schon einige Zeit gespürt, dass das Feuer erlosch und sie die Berge immer mehr anzogen. „Die Leidenschaft ergibt den Weg – Schritt für Schritt“, sagt sie.

Bergsteigerin und Unternehmerin zu sein, gebe ihr viel Freiheit, Selbstbestimmung wie auch Selbstverantwortung, sagt Czerny. „Ich investiere viel Zeit“, sagt sie, „aber es ist Zeit, die ich in meine Geschichte investiere. Man weiß, es gibt Zeiten zum Reinbeißen, dafür Freiräume, rauszugehen, Expeditionen zu unternehmen.“ Wichtig sei daher zu wissen: Was ist mein Anspruch, was macht mich glücklich und was sind meine Werte.

Bergsteigerin und Unternehmerin zu sein, berge einige Parallelen, sagt Czerny. „Du brauchst Ziele und Projekte, um weiterzukommen, sonst dreht man sich nur im Kreis.“

Außerdem gelte es, immer wieder bewusst Entscheidungen treffen: „In welche Richtung gehe ich, wo steige ich hin, welcher Klettergriff hält?“ Und noch etwas: Man müsse genau schauen, mit wem man sich an ein Seil bindet. Czerny fand mit Andreas Lattner nicht nur einen Lebens- und Seilpartner, sondern auch einen Arbeitspartner, mit dem sie Text und Bild unter dem Namen hochzwei.media anbietet. Man müsse, sagt sie, „dem Partner vertrauen können“.

Sich selbst etwas zutrauen

Sie selbst mag Veränderungen, darum wählte sie auch diesen Weg, versteht aber auch die Angst vor Veränderungen, die viele Menschen begleiten. Ihr persönlich habe eher der Stillstand Angst gemacht. „Man muss den ersten Schritt probieren. Ich habe mir etwas Individuelles geschaffen, das es noch nicht gab.“

Viele würden den Schritt nicht gehen, weil sie sich die aktuelle Situation schönredeten oder weil sie gar nicht wüssten, was sie erfüllt – und was überhaupt möglich ist. „Letztlich darf man sich das, was einen freut, zutrauen“, sagt Czerny. „Und dann man muss es einfach machen.“


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