50 Jahre Mondlandung: Über die 28 Stunden lange ORF-Sondersendung

Die ORF-Mondnacht. Im Bild: Der "Mond-Pichler".
Die ORF-Mondnacht. Im Bild: Der "Mond-Pichler".ORF

Als noch vor laufender Kamera geraucht wurde: Peter Nidetzky und Hugo Portisch erinnern sich an den Dreh. Und an sieben „leere“ Stunden, in denen die "Eagle" gelandet war, aber die Astronauten nicht ausstiegen.

Die erste Mondlandung 1969 war auch ein Medienereignis, die Liveübertragung wurde von bis zu 600 Mio. Menschen weltweit im TV gesehen. Der ORF übertrug in einer 28 Stunden und 18 Minuten langen Sendung. Peter Nidetzky und Hugo Portisch erinnern sich an ihre damalige Moderation: "Etwas ganz Besonderes" war die Mondlandung für Portisch, "ein Durchbruch der Menschheit".

Neben Nidetzky und Portisch führte auch Othmar Urban (1930-2017) durch die Sendung. Unterstützt wurden die drei ORF-Journalisten von zwei Dolmetschern und vom Experten Herbert Pichler (1921-2018). Der Mediziner blieb nach der TV-Übertragung der Bevölkerung lange als "Mond-Pichler" in Erinnerung. "Wir haben ihn Hals-, NASA-, Ohrenarzt genannt", erzählte Nidetzky. Er war vor der Apollo 11-Mission mit einem Kamerateam auf Vorbereitungsreise in den USA und wurde dort "mit einer überraschenden Offenheit" empfangen, "wir konnten überall hin". So brachte Nidetzky Stunden an Filmmaterial zurück - es sollte dennoch zu wenig sein.

Vom 20. Juli, 20.15 Uhr an begleitete der ORF über 28 Stunden lang die Geschehnisse am Mond, und zwar aus dem Studio "in den ehemaligen k.u.k-Affenstallungen in Schönbrunn". Im Hochsommer seien die "Bretterbuden" durch die Scheinwerfer auf bis zu 50 Grad aufgeheizt worden, "und letztlich, ohne dass wir es wollten, waren es 34 Stunden, die wir da gesessen sind". Die schlimmste Zeit sei die Nacht gewesen, da habe man kaum mehr sinnvolles Material gehabt. "Wir hatten zwar viel und interessantes Material aus Amerika mitgebracht, aber nicht für diese riesige Zeitstrecke", erinnerte sich Nidetzky.

Die ORF-Mondnacht.
Die ORF-Mondnacht. Im Bild: Herbert Pichler.ORF

Astronauten sollten zur US-Primetime aussteigen

Die Mondlandefähre "Eagle" mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin an Bord setzte kurz nach 21.00 Uhr österreichischer Zeit am Mond auf, aber erst um kurz vor 4.00 Uhr Früh des nächsten Tages betrat Armstrong den Mond. "Erst viel später ist man draufgekommen, dass die Astronauten in der Primetime des US-Fernsehens aussteigen sollten. Aber wir haben dadurch wieder sechs, sieben Stunden verloren, in denen wir nicht gewusst haben, was wir machen sollen."

Da sei dann Portisch als Chefkommentator des ORF ins Spiel gekommen: "Du warst unser Sicherheitsfaktor. Wenn wir nicht mehr weiterwussten - und das war oft der Fall - warst du mit außenpolitischen Situationsgeschichten der Retter in der Not", so Nidetzky.

"Was haben wir davon, dass wir da oben sind?"

Seine Aufgabe sei aber nicht nur die außenpolitische Einordnung der Apollo-Mission gewesen, sondern auch die technische Bedeutung, betonte Portisch. "Was haben wir davon, dass wir da oben sind?", sei die Hauptfrage in der Öffentlichkeit und den Medien gewesen. "Wir haben besonders gespürt, dass das ein gewaltiger technischer Durchbruch ist und Menschen zum ersten Mal die Erdatmosphäre verlassen haben. Denn wir waren ja noch eine Generation, die das in Zukunftsromanen von Jules Vernes und Hans Dominik gelesen haben. Das ist eine erfüllte Vorstellung geworden."

Von der mehr als 28-stündigen ORF-Sondersendung zur Mondlandung sind 19 Minuten in der ORF-TVthek abrufbar >>>

Die oft vertretene Ansicht, das Apollo-Programm sei keine Wissenschaftsmission, sondern eine Schlacht im Kalten Krieg gewesen, teilt Portisch nur bedingt. "Das war natürlich beides. Es war im Kalten Krieg eine wichtige Sache zu zeigen, dass der Westen immer noch voran ist und etwas besser kann als die Russen. Aber selbstverständlich war es vor allem eine technische Errungenschaft."

Es wurde vor laufender Kamera geraucht

Gröbere Pannen habe es in der Marathon-Sendung, in der übrigens noch vor laufender Kamera geraucht wurde, keine gegeben. Und trotz aller Professionalität fand man Zeit für Streiche, deren Ziel offensichtlich speziell Herbert Pichler gewesen war. So erinnerte sich Nidetzky an das große Raketen-Modell, mit dem Pichler demonstrieren wollte, wie sich die drei Stufen der Saturn-Rakete nach dem Start voneinander trennen. Doch kurz vor Sendungsbeginn klebten Nidetzky und Urban die drei Stufen mit Klebstoff zusammen - und Pichler mühte sich vor laufender Kamera vergeblich, die Teile voneinander zu trennen. "Das war absolut ein Desaster und wir konnten uns gerade noch zurückhalten mit dem Lachen", so Nidetzky.

 

Unmittelbar nach der Sendung habe man Pichler "noch ein letztes Tor geschossen, als ich ihn bat, Herbert bist du so lieb und könntest du den ganzen Mondflug für das Publikum noch einmal Revue passieren lassen". Pichler habe gleich losgelegt und 20 Minuten gesprochen, "während inzwischen aber alle schon abgeschalten, zusammengepackt und eine Zigarette rauchen gegangen sind".

„Ein geglücktes amerikanisches Experiment"

Für Portisch, der im Laufe seiner langen journalistischen Karriere viele weltpolitisch bedeutsame Ereignisse miterlebt hat, war die Mondlandung "etwas ganz Besonderes. Alle anderen großen politischen Krisen, bei denen ich auch dabei war, der Prager Frühling, der Pariser Mai etc., waren natürlich politisch bedingt, und eine Kriegsberichterstattung. Aber die Mondlandung war eine Menschheitsgeschichte-Berichterstattung. Das war ein Durchbruch der Menschheit, nicht ein geglücktes amerikanisches Experiment. Es ist den Menschen gelungen, den Planeten zu verlassen und erstmals in den Weltraum vorzudringen."

Die Vorstellung sei auch gewesen, dass das sicher so weitergehe und es dauere nicht mehr lange, bis die Menschheit zum Mars fliege und nach und nach das Planetensystem erobere. "In Wirklichkeit geht es viel langsamer weiter als wir damals geglaubt haben." Dennoch ist Portisch nach wie vor unternehmungslustig, einen Mars-Flug fände er "sehr aufregend. Die Marslandung möchte ich jederzeit wieder im ORF kommentieren."

 

(APA)