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Hinter der Tapetentür liegt vielleicht kein Wunderland

Was liegt hinter der Tapetentür?
Was liegt hinter der Tapetentür?(c) Clemens Fabry

Nach den Ereignissen der vergangenen Tage weiß nun auch jedes Kind, was eine Tapetentür ist, und dass es schön wäre, auch daheim eine zu haben.

Die Flügeltür hat schon lang als Begehrlichkeit ausgedient, sie kommt in ihrer Grandezza auch nur richtig zur Geltung, wenn sie großzügig geöffnet ist. Man muss sie sorgsam behandeln, damit sie gut schließt, und schmeißen kann man sie auch nur bedingt. Türen mit Schwung zu schließen gehört ja zu den menschlichen Grundbedürfnissen.

Es liegt nicht nur daran, dass sich etwa die Schiebetür nie durchsetzen konnte. Ihre Ästhetik und Funktionalität sind zwar betörend, aber richtig rund läuft sie nur in Architektenhaushalten. Wer schon einmal selbst eine Schiebetür reparieren wollte, weiß, dass es dagegen ein Kinderspiel ist, eine reibungslose Kugelbahn zu bauen. Wenn man eine ohnehin schon sperrige Schiebetür schwungvoll schließen will, federt sie behäbig zurück, sie erfüllt ihre Pflicht immer nur provisorisch. Ein Spalt steht immer offen. Man kann sich oder anderen darin ziemlich gut die Finger einklemmen.

Was man nur noch ganz selten sieht, zumeist in österreichischen Filmen, sind diese Perlenschnüre, mit denen man einst Zimmer von Küche und Kabinett abtrennte. Es war auch die Zeit der Räucherstäbchen und indischen Wandtücher. Mit den Schnüren sparte man Raum und erzeugte eine Lässigkeit, die jeden, der durch die Schnüre schritt, erfasste. Irgendwann zog man dann aus und wünschte sich fortan richtige Türen.

Auch die kommenden Tage wird uns nun aber diese eine scharlachrote Tapetentür begleiten, deren hohe Klinke auch ein „Alice im Wunderland“-Gefühl erzeugt. Ob in den Gesprächen dahinter ein Wunderland oder bloß Neuland (© Alexander Van der Bellen) entsteht − wir werden sehen. Bis die ganze Landschaft sichtbar ist, wird nun ein Türchen nach dem anderen geöffnet, wie beim Adventskalender, nur hat irgendeiner schon längst die ganze Schokolade gestibitzt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2019)