Ein Techgigant, den niemand kennt

FILES-INDIA-INTERNET-TIKTOK
APA/AFP/JOEL SAGET

TikTok ist der neueste Hit bei Teenagern. Ein Herausforderer für Facebook, der sich auf Musik konzentriert und ein eigenes Währungssystem hat. Aber die App stammt aus China.

Tick, tock. Tick, tock. Den Lauf der Zeit kann niemand stoppen. Den Aufstieg Chinas wohl auch nicht. Das stellt uns vor gewisse Herausforderungen. Jetzt kennen wir Netflix und Amazon und sogar Spotify – und müssen schon wieder was lernen. Wir dürfen vorstellen: ByteDance. Das ist die chinesische Firma hinter TikTok, daher auch der Einstieg in diesen Artikel. Nur: TikTok hat nichts mit der Zeit zu tun. Es ist eine neue Social-Media-App, die vor allem bei sehr jungen Menschen gut ankommt. Es geht um Videos und Selbstdarstellung, worum auch sonst. Aber vor allem geht es um die Story hinter der App. Um Chinas unaufhaltsamen Aufstieg, der sich auch in unserem Alltag breit macht.

ByteDance gehört längst zu den Giganten. Die Firma wird mit rund 75 Milliarden Dollar bewertet und zählt damit zu den teuersten Technologiefirmen, die noch nicht an der Börse sind. Oder, anders gesagt: Das chinesische Unternehmen ist das fetteste Unicorn im Start-Up-Business. Wenn ByteDance einmal an der Börse landet, dann mit Fanfaren.

Muss man gesehen haben

Die Firma wurde erst 2012 gegründet – von einem Mann namens Yiming Zhang. Schon die erste App ging in Richtung Social Media. Auf „Neihan Duanzi“ konnten Chinesen Texte und kurze Videos teilen. Meist waren es Witze. Aber im vergangenen Jahr schritt die humorlose Kommunisten-Garde aus Peking ein, um die App zu schließen.

ByteDance war es wohl egal. Der Durchbruch kam nämlich mit einer anderen App, die es noch gibt. „Toutiao“ heißt sie in China. Es ist ein so genannter „News-Aggregator“. Die App läuft aktuell auf 250 Millionen Smartphones und gehört zu den wichtigsten Nachrichten-Apps in China. Weltweit nutzen etwa doppelt so viele Menschen die besagte TikTok-App. Für Eingeweihte: Es ist, als würde „Vine“ auf „Snapchat“ treffen. Ein besonderer Hit sind Videos, in denen verschiedene Menschen denselben Song nachsingen und sich dann miteinander vergleichen.

Das mag eine holprige Beschreibung sein, aber TikTok ist nun einmal eines dieser Phänomene, die man gesehen haben muss, um sie auch nur ansatzweise zu begreifen. Es ist auch die erste Social Media App, die der Facebook-Troika (Facebook, Instagram und Whatsapp) theoretisch gefährlich werden könnte – zumindest seit Snapchat. Was sicher ist: Mark Zuckerberg wird sich TikTok nicht vom Leib halten, indem er es einfach kauft. So funktioniert das nicht mit den Chinesen. Die machen das umgekehrt.

Zukäufe und...

Es ist nämlich so: Erst Ende 2017 ließ ByteDance sich den Zukauf von „musical.ly“ eine ganze Milliarde Dollar kosten. Dieses Start-Up kommt zwar aus Shanghai, hatte aber schon vor zwei Jahren ein Büro in Kalifornien und einigen Erfolg mit seiner eigenen Musik-App am US-Markt. Im Sommer 2018 legte ByteDance die zugekaufte App mit seiner eigenen zusammen. TikTok war mit einem Schlag auf Millionen von Smartphones installiert – die meist im Besitz von Teenagern sind.

Das Publikum auf TikTok ist extrem jung. Die erfolgreichsten Nutzer von TikTok sind die beiden 16-jährigen deutschen Zwillinge „Lisa und Lena“, die aus Stuttgart stammen. Sie haben fast 40 Millionen Follower auf der App.

Bis heute gibt es die App zweimal. In China heißt sie „Douyin“, im Rest der Welt eben TikTok. Anfang 2018, also noch vor dem Merger mit „musical.ly“, lag TikTok in der Hitparade der meist-runtergeladenen Apps im amerikanischen Apple-Store noch vor YouTube, WhatsApp oder Instagram. Die App ist so beliebt, dass manche Nutzer von Sucht sprechen. In der chinesischen Variante wurde bereits ein Feature gegen Suchtverhalten integriert – wie erfolgreich das ist, weiß aber niemand.

...Sorgen im Westen

Anfang des Jahres hat sich sogar der US-Thinktank „Peterson Institute“ mit TikTok beschäftigt. Das Ergebnis der Untersuchung: TikTok sei ein Problem „in der Größe von Huawei“ für die Sicherheit des Westens. Dabei wurde explizit darauf hingewiesen, dass nicht nur harmlose Teenager die App installiert haben, sondern auch militärisches Personal.

Der Techgigant ByteDance sei juristisch nicht in der Lage sich zu wehren, wenn die chinesische Regierung die Herausgabe von Daten verlange, so die Experten. Die App sammle biometrische Daten und Aufenthaltsorte ihrer Nutzer. Auf Nachfrage von Bloomberg wusste der Mutterkonzern aber zu beruhigen: TikTok selbst sei in China ja nicht verfügbar, und die gesammelten Daten seien außerhalb Chinas gespeichert.

Einstieg in die Hardware

Dass TikTok im Westen genau beobachtet wird, hat aber noch einen anderen Grund. Anders als etwa Facebook hat ByteDance in seinen Apps bereits eine interne Ökonomie samt Währung installieren können. Die Nutzer können Geld wechseln und dann direkt an die Ersteller von Content schicken – also etwa an Lisa und Lena aus Stuttgart. Das Geschäft boomt. Laut einem Bericht von „CNBC“ haben die Nutzer weltweit TikTok-Währung im Gegenwert von 5,5 Millionen Dollar ausgegeben – und zwar nur um Monat Februar.

Das entspricht einer Steigerung von 243 Prozent gegenüber dem Februar 2018. Jetzt will ByteDance in das Geschäft mit Musikstreaming einsteigen. Auch gibt es Gerüchte, wonach der im Westen fast unbekannte Techgigant an einem eigenen Smartphone und anderen Hardwareprodukten bastelt.


[PHR0F]