Im Windschatten bekannter Namen ist Richard Carapaz beim diesjährigen Giro d'Italia ins rosa Trikot gefahren. Der 26-Jährige schaffte es vom Bauernhof in den Anden ins Profi-Geschäft und überzeugt heute als angriffslustiger Kletterer.
Treviso/Wien. Ob in Rosa (Giro), Gelb (Tour) oder Rot (Vuelta) gehalten, das Trikot des Führenden bei den drei großen Rundfahrten bringt viel Prestige, aber auch Druck und nicht selten sogar Anfeindungen mit sich. Viele Profis bevorzugen deshalb die Rolle des Jägers, nicht aber Richard Carapaz. „Es ist leichter, das Rosa Trikot zu verteidigen als es zu erobern. Jetzt will ich es nach Verona bringen“, betonte der seit der 14. Etappe Gesamtführende der 102. Auflage der Italien-Rundfahrt. Der Ecuadorianer ist die diesjährige Giro-Überraschung und längst Favorit auf den Gesamtsieg. Nach der 19. Etappe am Freitag (Sieger: Esteban Chaves) betrug sein Vorsprung auf Lokalmatador Vincenzo Nibali weiter 1:54 Minuten und auf den Slowenen Primož Roglič 2:16 Minuten.
Die beiden Verfolger waren die ursprünglichen Sieganwärter, das taktisch-psychologische Duell der beiden hat Carapaz jedoch geschickt zu seinem Vorteil genützt. „Ich bemerkte, dass Nibali und Roglič sich vor allem gegenseitig belauerten. Ich dachte mir, das ist der Moment, in dem der Giro auf dem Spiel steht“, schilderte der 26-Jährige die entscheidende Szene auf dem 14. Teilstück. Er zog auf und davon, sicherte sich mit dem Tagessieg die Gesamtführung und gab sie aller Unkenrufe zum Trotz nicht mehr her. Auf den folgenden Bergetappen bewies der Mann aus der Andenregion Carchi nicht nur seine Kletterkünste, sondern auch seine Angriffslust. Statt zu reagieren, setzte er lieber gleich selbst die offensiven Akzente. Auch schreckte er beim Giro nicht davor zurück, die Hierarchie umzukrempeln, denn eigentlich war der Spanier Mikel Landa als Movistar-Kapitän ins Rennen gegangen.
Im Schatten des Fußballs
Der Giro-Sieg wäre das Highlight in Carapaz' Karriere, die unter widrigen Bedingungen im Bergdorf Julio Andrade auf 2950 m Seehöhe in der Nähe der kolumbianischen Grenze begann. Als die Mutter an Krebs erkrankte, half er ganz selbstverständlich auf dem elterlichen Bauernhof mit: Frühmorgens vor der Schule und abends nach dem Training arbeitete er im Kuhstall. Im Gegensatz zum Nachbarland, das sich mit Profis wie Nairo Quintana oder Jungstar Egan Bernal einen Namen gemacht hat, genießt der Radsport in Ecuador keinen hohen Stellenwert. „Ich liebe mein Land, aber es ist leider sehr fußballfokussiert. Du bekommst nur Hilfe, wenn du dich für diesen Sport entscheidest“, erklärte Carapaz, warum er 2009 im Alter von 15 Jahren nach Bogotá übersiedelte. War er in der Heimat noch auf einem Rad mit Vollgummireifen gefahren, blieb sein Talent bei den richtigen Rahmenbedingungen nicht lang verborgen. „Ich habe nie aufgegeben, das war der Schlüssel.“
2015 gewann die „Lokomotive aus Carchi“ als erster Ausländer, wie Carapaz bis heute stolz betont, die Vuelta de la Juventud, das wichtigste U23-Rennen Kolumbiens, zugleich traditionell das Sprungbrett nach Europa. Movistar verpflichtete ihn und beförderte ihn nach einem Jahr beim Farmteam in den World-Tour-Kader. „Richard ist ein Rennfahrer ohne Schwächen. Er ist enorm stark in den Bergen. Er kann sich im Zeitfahren verteidigen. Und er ist sehr willensstark“, schwärmte Teamchef Eusebio Unzué.
Im Vorjahr zeigte Carapaz als Vierter beim Giro erstmals bei einer Grand Tour auf, am Sonntag in Verona könnte er sich nun krönen. „Ich betrachte mich noch nicht als Sieger, es bleiben noch einige Kilometer. Aber mit dem Vorsprung kann ich ruhig bleiben“, erklärte er. Der Triumph wäre beste Eigenwerbung für den 26-Jährigen, denn sein Vertrag läuft mit Saisonende aus. Die Verhandlungen mit Movistar laufen, doch auch Branchenprimus Ineos soll bereits Interesse signalisiert haben.
19. Etappe, Treviso – San Martino di Castrozza (151 km): 1. Chaves (COL) Mitchelton 4:01,31 Std., 2.Vendrame (ITA) Androni +10 Sek., 3. Antunes (POR) CCC +12 Sek. Weiters: 14.Roglič (SLO) Jumbo, 15.Carapaz (ECU) Movistar, 16.Nibali (ITA) Bahrain alle +6:29 Min.
Gesamtwertung:1. Carapaz 83:52,22 Std., 2. Nibali +1:54 Min., 3. Roglič +2:16.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2019)