Spätgeborene in der Epoche des Historismus

Der Künstlerkreis um Schnitzler und Hofmannsthal im Fin de Siècle.

Es war ein völlig neuartiges, wohl ein wunderbares Gefühl für die zwei Freunde Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler. „Das freie Herumfahren auf dem Rad“, so Hofmannsthal, habe „etwas vom Schwimmen in der Luft“. Im August 1898 erkundeten sie mit diesem neuartigen Verkehrsmittel (1897 offiziell zugelassen) die Schweiz, trennten sich dann aber doch wieder, um ungestört schreiben zu können.

David Österle zeichnet in einem flotten und hübsch illustrierten Essay den Kreis um Schnitzler nach, der den inoffiziellen Titel „Junges Wien“ trug. Künstler, Musiker, Literaten, Wissenschaftler waren die Wegbereiter des Aufbruchs in die Moderne, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Geister beflügelte.

 

Höhenflug des Liberalismus

„Spätgeborene“ waren sie, meint der Autor, „hineingeboren in die Epoche des pompösen Historismus, der zu dem Zeitpunkt, als aus ihnen Dichter wurden, bereits in den letzten Zügen lag.“ Hineingeboren aber auch in die Ära des politischen Liberalismus, den es wenige Jahre später schon nicht mehr geben sollte. Und der – ein seltsames österreichisches Phänomen – keinerlei Auferstehung feiern konnte.

1890 – Hofmannsthal war erst 16 – brachte er in einem etwas holprigen Gedicht die ganze Abscheu des Bürgertums, seiner Eltern und Bekannten vor den Arbeitermassen zum Ausdruck. Ein gewisser Snobismus blieb dem später so Berühmten.

Schnitzler hingegen erfasste frühzeitig die gesellschaftspolitischen Strömungen, er witterte sozialkritische Strömungen, nahm sie auf, verarbeitete sie und schrieb gegen den weitverbreiteten Antisemitismus ebenso an, wie gegen den lächerlichen militärischen Ehrenkodex. Ähnliches gilt für Felix Salten, den Einzigen übrigens in diesem Kreis, der nicht dem gehobenen Bürgertum entstammte. Als Journalist wetterte er gegen den christlichsozialen Bürgermeister und Erfinder des politischen Populismus. „Die ältesten Leopoldstädter erinnern sich nicht, dass Kasperl auf seinem Theater je einen ähnlichen Erfolg gehabt hätte“, schreibt er über einen Lueger-Wahlkampfauftritt.

 

Burschenschafter – auf Zeit

Erst 1891 ist Hermann Bahr zu der Gruppe gestoßen. Aus liberalem Linzer Elternhaus stammend, schloss er sich – so wie Theodor Herzl – der akademischen Burschenschaft Albia an, ohne jedoch ein Studium abzuschließen. Er dilettierte in Berlin und Wien als Dichter und Bürgerschreck, wurde schließlich Zentralfigur der literarischen Clique im Griensteidl. Er zählt zu den Initiatoren der Secession und ließ sich von Kolo Moser porträtieren. Für seine Zeitschrift „Die Zeit“ gestaltete Otto Wagner die Bürofassade.

Die Wege der „Jung-Wiener“ kreuzten sich immer wieder. Schnitzler ging mit Sigmund Freud eine „Doppelgängerschaft“ ein, er verkehrte im Salon der Bertha Zuckerkandl. In diesem Salon über dem Café Landtmann lernte Gustav Mahler seine spätere Ehefrau, Alma Schindler, kennen.

Es scheint, als müsse sich jede neue Generation den Wiener Dichterkreis des Fin de siècle neu erarbeiten. Denn all das Erzählte ist hinlänglich bekannt. Bleibt zu hoffen, dass junge Leute daraus Gewinn ziehen. Wenn sie lesen. Dann wäre schon viel gewonnen.


David Österle
„Freunde sind wir ja eigentlich nicht“
Hofmannsthal, Schnitzler und das Junge Wien
Kremayr & Scheriau,
223 Seiten, 24 €