Der Champions-League-Sieger heißt . . .

Wie wird derChampions-League-Sieger heißen?
Wie wird derChampions-League-Sieger heißen?APA/AFP/JAVIER SORIANO
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Der FC Liverpool ist im rein englischen Finale gegen Tottenham Hotspur klarer Favorit. Doch gerade gegen die Truppe von Mauricio Pochettino muss das nicht viel heißen. Was spricht heute für Jürgen Klopp? Und was für die Spurs?

Tottenham gewinnt heute die Champions League. Das liegt nicht nur an der Moral der Spurs und ihrem Mastermind Mauricio Pochettino. Vor allem ist Tottenhams Finaltriumph in Madrid (21 Uhr, live Sky, Dazn) auch ein Sieg der Fußballromantiker, der ultimative Beweis, dass größte Erfolge auch möglich sind, ohne wie Endspielgegner Liverpool beim herrschenden Transferwahnsinn mitzumachen.

Das heißt jetzt nicht, dass die Spurs arme Schlucker wären. Gerade hat sich der Klub, der sich als einziger der Topvereine der Premier League noch in britischer Hand befindet, ein brandneues Stadion um rund eine Milliarde Pfund (1,13 Mrd. Euro) geleistet. Auch deshalb hat man an der White Hart Lane im vergangenen Sommer und auch im Winter kein einziges Pfund auf dem Transfermarkt ausgegeben. Überhaupt kamen die Spurs in den vergangenen fünf Jahren auf nur rund ein Sechstel der Ausgaben von Liverpool.

Diesen Gegenentwurf verkörpert auch der Trainer. Der Argentinier Mauricio Pochettino übernahm die Spurs vor fünf Jahren und führte sie mit ansehnlichem Offensivfußball und blitzschnellem Umschaltspiel vier Mal in die Champions League. Erst hat der 47-Jährige mit den Nordlondonern die Phalanx der englischen Großklubs gesprengt, dann hat er Tottenham in dieser Riege etabliert (zuletzt vier Top-vier-Platzierungen in der Liga in Folge).

„Superhelden“ der Marke Eigenbau

Fast nebenbei hat Pochettino mit Harry Kane, Dele Alli, Eric Dier, Danny Rose und Kieran Trippier das halbe englische Nationalteam aufgebaut. Der Champions-League-Titel mit den Spurs ist nun zugleich die Krönung seiner langjährigen Aufbauarbeit in London und der Höhepunkt seiner Trainerkarriere. Anders als sein Gegenüber Jürgen Klopp muss Pochettino in seinem ersten Endspiel auch keinen hartnäckigen Finalfluch bekämpfen (von sieben Endspielen hat Klopp nur eines gewonnen).

Weil der letzte Spieltag der Premier League bereits drei Wochen zurückliegt, ist auch Tottenhams verletzter Stürmerstar, Harry Kane – bezeichnenderweise ein Eigenbauspieler –, rechtzeitig zum Showdown fit geworden. In der Offensive hat Pochettino ohnehin ein Überangebot: Alli und Christian Eriksen, beide einst Transferschnäppchen um 6,6 bzw. 13,5 Millionen Euro, sind hinter Kane gesetzt, auch der zuletzt groß aufspielende Son Heung-min hat einen Fixplatz. In der Hinterhand haben die Spurs noch Lucas Moura, der das Team mit drei Toren bei Ajax Amsterdam im Alleingang nach Madrid geschossen hat.

Die dort gezeigte Moral ist es auch, die Tottenham heute den Sieg beschert. Vier Mal waren die Londoner in dieser Champions-League-Saison so gut wie ausgeschieden. In der Vorrunde rettete ein spätes 1:0 gegen Inter Mailand und ein 1:1 in Barcelona. In der K.-o.-Runde kamen die Spurs bei Manchester City und in Amsterdam noch einmal zurück. Trainer Pochettino erklärte: „Meine Spieler sind Superhelden.“ (Josef Ebner)

Liverpool gewinnt heute die Champions League, und der Finalfluch von Jürgen Klopp wird in Madrid endlich sein Ende finden. Seine Mannschaft hat die spielerische Qualität und die mentale Reife, nach den Niederlagen in Ligacup (2016), Europa League (2016) und Champions League (2018) – drei weitere Finalpleiten sowie der einzige Sieg (2012 im DFB-Pokal) stehen aus Klopps Dortmund-Zeit zu Buche – diesmal den Pokal zu stemmen. „Ich gebe meinen anderen Teams keine Schuld, ich liebe sie alle. Aber ich war noch niemals mit einer besseren Mannschaft in einem Finale als jetzt“, erklärte Klopp. „Meine Jungs vereinen Potenzial mit Einstellung in der bestmöglichen Form. Das ist brillant.“ Und dabei spricht keinesfalls nur Zweckoptimismus aus dem Deutschen.

Liverpool beendete die Ligasaison als Vizemeister, 97 Punkte bedeuteten die drittbeste Ausbeute eines Klubs in der Geschichte der Premier League. Nur Manchester City war 2018 (Rekord von 100 Zählern) und eben heuer um einen Punkt besser. Mit 89 erzielten Toren stellten die Reds die zweitbeste Offensive. Mohamed Salah (bewerbsübergreifend 26 Saisontore), Sadio Mané (26) und Roberto Firmino (16) agieren als „The Fab Three“ nach wie vor in Hochform, sodass sich Divock Origi, Doppeltorschütze bei der Halbfinal-Aufholjagd gegen Barcelona, mit einem Bankplatz begnügen muss. Sollte sich das unfaire Unglück aus dem Vorjahr, als Real-Verteidiger Sergio Ramos mit einem Foul Salah ausschaltete, nicht wiederholen, sind Tempoangriffe vom Feinsten garantiert.

Bei allem Lob für das offensive Herzstück wird die Abwehrarbeit oftmals unterschätzt. Lediglich 22 Gegentore und damit die wenigsten kassierte die Defensive um Virgil van Dijk in den 38 Meisterschaftsrunden und feierte mehr als die Hälfte der Siege (17 von 30) zu null. Zudem wissen die Reds bestens um Stärken und Schwächen von Tottenham, beide Ligaduelle gewannen sie 2:1. In der Champions League bot Liverpool bislang von allem etwas: Zittern um den zweiten Gruppenplatz, souveräne Aufstiege gegen Bayern und Porto sowie die spektakuläre Wende gegen Barcelona, die Willenskraft und Siegermentalität eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Die Wiederbelebung des Liverpool-Mythos ist das Verdienst von Jürgen Klopp. Mit seiner extrovertierten Art hat er die Herzen der Fans erobert und sich auch auf der Insel Kultfaktor erarbeitet. Wirtschaftlich ist das Engagement des Deutschen bereits höchst erfolgreich: Seit seinem Amtsantritt im Oktober 2015 ist der Wert des Klubs einer Berechnung des deutschen „Manager Magazins“ zufolge um 98 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro gestiegen. Heute wird die sportliche Krönung folgen, Liverpool den ersten Titel seit 2012 (Ligacup) und den ersten in der Champions League seit 2005 feiern. „Die Welt da draußen erwartet von uns, dass wir das Finale gewinnen“, weiß Klopp. „Ich will das unbedingt, aber nicht für mich. Ich will das für meine Spieler und für diesen großartigen Klub erreichen.“ (Senta Wintner)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2019)

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