Bastler, Marionetten – und dann und wann ein Speed-Talk

GegengiftSoll man im Sprechtheater lange Monologe halten und kurzweilige Dialoge führen? Oder genügt es, wortlos Rituale zu begehen?

In den vielen Freundeskreisen der Künste bei uns hier in Erdberg gibt es Außenseiter, die so intellektuell sind, dass sie sich weigern, ins Theater, in Konzerte, Galerien oder gar die Oper zu gehen. Die leben nur mit Büchern. Eines dieser Wesen, er dürfte Vizepräsident des Klubs Hegel im Verband der Gegengifte sein, fragte mich als Repräsentanten der profanen Kritiker per Mail, was denn derzeit im Theater phänomenologisch so los sei. Ich habe ihm eine schriftliche Antwort versprochen – die einzige Kommunikationsform, die er mag.

Nun komme ich ins Grübeln. Denn, wenn ich die Aufführungen Revue passieren lasse, in die ich neuerdings geraten bin, werden die Schlüsse daraus viel zu komplex. Im Burgtheater zum Beispiel durfte ich zusehen, wie man Zelte aufbaut. Gesprochen wurde den ganzen Abend bis auf eine Liedzeile nichts. Detto vor Kurzem bei den Wiener Festwochen: Da schuf eine geschickte Bastlerin aus Karton ein Haus, das sich als griechischer Tempel entpuppte. Der fiel am Ende im Regen zusammen. Gesprochen wurde ebenfalls nichts.

Schon wollte ich dem Klub Hegel melden: Das gegenwärtige Sprechtheater kommt ohne Sprache aus, weil es sich stumm mit dem Elend der Baumärkte und der Campingszene beschäftigt. Die Geschichte des Dramas, das Charaktere mit tatsächlich artikulierten Anliegen, eine echte Idee und gespielte Gefühle zeigt, vollendete sich mit dem Ende der Geschichte. Übrig bleibt nur noch die Kritik daran. Der künftige Kunstmensch redet nicht mehr, er singt auch nicht mehr, sondern tanzt, interagiert oder bastelt nur ein bisschen herum. Wortlos.

Dann aber fiel mir ein, dass es derzeit auch umgekehrt geht: Stücke, in denen das, was getan wird, fast nichts mit dem zu tun hat, was im Dauerfeuer erzählt wird – als ob sich verfeindete Rapper-Gangs im Endkampf um South Los Angeles befänden. Da hört man auf Farsi, Japanisch oder Französisch die unglaublichsten Geschichten von Monaden in ihren Parallelwelten, während nebenbei ein Film läuft, ein Auto aufs Dach gestellt wird oder eine Queen im Speed-Talk wie eine Marionette über die Bühne huscht. Wer die Zurschaustellung von Beziehungen sucht, kann sie im Anschluss an die Aufführung an der Bar in ehemaligen Bierhallen suchen.

Meine vorläufige Analyse für den Klub: Derzeit scheint im Abendland die vom Inhalt abgehobene Choreografie einflussreicher als der Text zu sein. Die Unart, massenweise Schuhe, Pferde oder Koffer auf die Bühne zu stellen statt der Birken aus der Ära zuvor, scheint abzuflauen. So wie der Trieb, alle und alles unter Wasser zu setzen. Ich rechne aber fest mit der Rückkehr der Dichter. Die werden mit ihrer Poesie noch die Hallen füllen, wenn all der Rave längst zu Ende ist.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com