Wiener Festwochen: Royaler Glanz mit Isabelle Huppert

Dunkle Gestalt, mit einem Schuh als transzendentem Kontrast: Isabelle Huppert als Maria Stuart.
Dunkle Gestalt, mit einem Schuh als transzendentem Kontrast: Isabelle Huppert als Maria Stuart.Lucie Jansch

KritikDer französische Superstar vollführt in Robert Wilsons Inszenierung von „Mary Said What She Said“ einen furiosen Monolog. Diese Maria Stuart weiß zu fesseln.

Die Stimmung vor der Premiere am Donnerstag in der Halle E des Museumsquartiers: hoffnungsvolle, fast nervöse Erwartung. Immerhin ist Isabelle Huppert bei den Wiener Festwochen zu Besuch. Man darf also die Aura des französischen Filmstars von Angesicht zu Angesicht erleben. Sie wird einen neunzig Minuten langen Monolog vollführen, spielt Maria Stuart, die unglückliche Königin Schottlands (und kurze Zeit auch von Frankreich), die im Machtkampf Elizabeth I. von England unterlag und 1587 auf Fotheringhay Castle geköpft wurde. Großmeister Robert Wilson, der für fantastische Bildsprache berühmt ist, führt Regie. Der Text von US-Autor Darryl Pinckney orientiert sich u. a. an Stefan Zweigs Roman, an Originalbriefen Marias (und wohl auch kritisch an Friedrich Schillers großem Königinnendrama).

So viel Prominenz braucht eine feierliche Ouvertüre. Die Aufführung beginnt mit 15 Minuten Verspätung. In der Zwischenzeit kann man den kunstvoll gerafften roten Samtvorhang mit den goldenen Quasten bewundern, zugleich gibt es jedoch eine böse Ironisierung: In der Mitte des Vorhangs befindet sich ein kleiner goldener Bilderrahmen mit Screen. Dort läuft in Schwarz-Weiß und in Endlosschleife ein Video mit einem Hündchen (Marys letzter Schoßhund?), der zur Musik einer Drehorgel erst die Zuseher fixiert, die Ohren spitzt und dann versucht, sich in den eigenen Schwanz zu beißen. Gut vierzig Drehungen vollführt er, immer schneller, immer wieder, ehe dann im Untertitel steht: „You fool me, I'm not too smart.“

Der kleine Hund jagt seinen Schwanz

Dieser Clip fasst verfremdet die Situation zusammen, in der sich Mary befindet, eine Getriebene. Sie weiß, dass sie nach langer Haft der Tod erwartet. In den Momenten zuvor kreisen ihre Gedanken wild – sie redet über ihre Familie, ihre kindlichen, geilen, schwachen Männer, ihre Feindin, „die gepuderte Jungfrau, die die Männer durch die Hintertür hereinließ“, und sehr oft über die vier Kammerdienerinnen, die auch Mary heißen, um Haustiere und recht viel Profanes. Sie grübelt über Macht, Liebe und Verrat.

Nun geht es wirklich los: Hoch mit dem Vorhang! Der Blick ist frei auf viel leeren Raum. Musik setzt ein, Klavier und Streicher, feierlich erst, bald bedrohlich, melodramatisch von Kinderlärm unterbrochen. Oft wird der Klangteppich (Ludovico Einaudi) so dicht, dass die Königin alle Kraft zusammennehmen muss, um zu bestehen. Erst zeigt sie den Zusehern aus größter Distanz ihren Rücken, steht fern vor einer hellen Wand, bewegt sich dann wie ein Roboter mit großen Posen. Ähnlich hat wohl Ludwig XIV. seine Erscheinung als Sonnenkönig zelebriert.

Huppert spielt eine Königin im Schatten. Lang sieht man nicht einmal ihr Gesicht, das, wenn sie dann weiter vor und ins Licht tritt, bleich geschminkt ist wie der Tod. Wilson geht plakativ mit Licht und Schatten um, mit Schwarz-Weiß und wechselnden Farben am Horizont. Hell ist ein Stöckelschuh, den die Königin an zentraler Stelle in einem Loch verschwinden lässt, als gäbe es dort Transzendenz. Weiß ist gegen Ende ein einfacher Stuhl, von Strahlen und Nebel umgeben, der wahrscheinlich ebenfalls auf das Jenseits deutet. Und wenn einer der Vorhänge im Inneren fällt, dann schwarz und vernichtend. All das aber, die Musik wie auch Wilsons perfekt minimalistische Inszenierung, sind nur Beiwerk. Denn das Publikum ist gekommen, um Königin Isabelle zu huldigen.

Das wilde Leben strömt vorbei

Und Huppert gibt großzügig. Sie schont sich nie, das war schon 1993 bei „Orlando“ nach Virginia Woolf so, als sie einst ebenfalls mit Wilson und Pinckney zusammenarbeitete, und 2006 bei Heiner Müllers „Quartett“. Sie hebt an (Französisch, Übertitel auf Deutsch und Englisch): „Mary sagte, was sie sagte“ – drückt dann all ihre Gefühle und Gedanken in solch rasendem Tempo und unerhörter Präzision aus, dass man über dieses Wunderding staunt. Selten, kaum bemerkbar, kommt sie für einen Augenblick ins Stocken. Aber selbst das könnte Absicht sein, denn gezeigt wird doch der tiefe Fall einer einst mächtigen Frau. Man nimmt dieser Schauspielerin, die oft als Komödiantin entzückt, das große Welttheater ab. Sie skizziert Marias bewegtes Leben erbarmungslos im Gedankenstrom, mit grellem Lachen, in grausamer Wiederholung, mit stilisierten Bewegungen, ruhelos, quer über die Bühne taumelnd. Letzte Gedanken gelten dem Sohn, der als King James Queen Elizabeth nachfolgt. Der werde sie vergessen, klagt Maria. Das ist nach diesem Furioso kaum zu glauben.