Nur mithilfe staatlicher Kreditpakete lief es im ersten Quartal besser. Der Lira-Verfall setzt den Unternehmen massiv zu.
Ankara. Es ist nur ein kleiner Lichtblick: Die Wirtschaftsleistung der Türkei ist im ersten Quartal im Vergleich zum Schlussviertel 2018 um 1,3 Prozent gewachsen. Das hat die strauchelnde Wirtschaft freilich dem Eingriff des Staats zu verdanken: Staatliche Banken geben vermehrt Kredite an Unternehmen, die unter dem Verfall der Lira leiden. Binnen weniger Wochen wurden zwei Kreditpakete beschlossen, das zweite umfasst bis Jahresende 30 Mrd. Lira (rund 4,4 Mrd. Euro).
Insgesamt stehen die Zeichen weiterhin auf Rezession: Auf Jahressicht schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nämlich um 2,6 Prozent, wie das Statistikinstitut am Freitag mitteilte.
Das politisch gebeutelte Land rutschte 2018 in eine Rezession. Im Schlussquartal schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 2,4 Prozent zum Vorquartal. Der Rückgang folgte auf ein Minus im dritten Quartal von 1,5 Prozent. Auch im zweiten Quartal gab es nach revidierten Daten eine leichte Abnahme. Ökonomen sprechen von einer Rezession, wenn die Wirtschaftsleistung in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen sinkt.
Es ist ein Teufelskreis: Die politischen Spannungen im Land haben den Tourismus weitgehend zum Erliegen gebracht, dazu kommen die außenpolitischen Spannungen mit den USA und die ungeklärte Kriegssituation in der Nahost-Region. Investoren machen sich aber auch Sorgen um die Unabhängigkeit der Notenbank nach der Kritik von Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Zinskurs. Zuletzt sorgten die Kommunalwahlen für Kritik: Die oberste Wahlbehörde erklärte die Bürgermeisterwahl in Istanbul nach dem Sieg der Opposition auf Antrag der Regierungspartei AKP für null und nichtig.
Der Kursverfall der Lira spiegelt die Situation wider: Der Wert der Lira zum Dollar fiel seit Ende 2017 um 36 Prozent. Das wiederum trieb die Inflation nach oben, sie liegt bei rund 20 Prozent. Für türkische Firmen und Banken, die sich in ausländischen Währungen verschuldet hatten, stieg die Schuldenlast massiv. Ausländische Investoren brachten ihr Geld außer Landes. Die Folge – eine Flaute in der Baubranche und der Industrie insgesamt – ließ auch die Arbeitslosenzahlen ansteigen.
Die OECD sieht keine Besserung: Sie geht davon aus, dass das BIP im Gesamtjahr 2019 um 2,6 Prozent schrumpfen wird. Bisher hatte sie mit einem Minus von 1,8 gerechnet. (ag./eid)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2019)